Nr. 06/2021 vom 11.02.2021

Das konservative Sprachrohr

Zehn Jahre lang war er Chef der Russischen Eisenbahnen – und soll sich dabei mithilfe von Sohn Andrei im grossen Stil bereichert haben. Heute arbeitet Wladimir Jakunin mit drei Stiftungen in Genf daran, den russischen Einfluss im Westen zu erhöhen.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Kennen sich seit Jahrzehnten: Der damalige Eisenbahnchef Wladimir Jakunin und Wladimir Putin im Dezember 2009 im neuen Sapsan-Hochgeschwindigkeitszug. Foto: Alexsey Druginyn, Keystone

Es tönt alles andere als russisch: «Hard Rock Hotel Davos» heisst das Viersternehaus im Herzen der Bündner Alpenstadt. Doch das Resort samt den elf dazugehörigen Ferienappartements ist ein Projekt der Investmentgesellschaft VIY Management. Und diese steht unter der Führung des russisch-britischen Doppelbürgers Andrei Jakunin.

Sein Unternehmen investiert Gelder von reichen RussInnen in Hotels, Privatkliniken und Industriebetriebe. Dazu unterhält es in Luxemburg zwei Investmentfonds und ein Netz von Briefkastenfirmen. Wer in welche Projekte wie viel investiert, bleibt unbekannt – auch wie viel Geld von Jakunin selber stammt. Er ist der älteste Sohn des umstrittenen ehemaligen Chefs der Russischen Eisenbahnen, Wladimir Jakunin, eines langjährigen Weggefährten und engen Vertrauten von Wladimir Putin. Jakunin gilt als eine Art konservatives Sprachrohr des Langzeitherrschers; zusammen mit seiner Frau hat er in Genf zudem drei Stiftungen gegründet.

Im Oktober 2012 hatte eine Aktiengesellschaft unter dem Namen International Hospitality Services AG mit Sitz in Zug das damalige Hotel Alexanderhaus in Davos für einen zweistelligen Millionenbetrag in bar übernommen und danach mehrere Millionen in den Umbau investiert. Verwaltungsratspräsident Alessandro Lardi nannte als Eigentümer seines Unternehmens eine «in Grossbritannien ansässige Investorengruppe», deren Namen man «aus verschiedenen Gründen noch nicht bekannt geben wolle», wie die «Südostschweiz» damals schrieb.

Eine Gruppe von Vertrauten

Möglicherweise wurde der Name VIY und Andrei Jakunin wegen einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters nicht genannt. Diese hatte drei Monate vor dem Kauf berichtet, wie Andrei Jakunin den Einfluss des Vaters nutzte, um von den Russischen Eisenbahnen Land für den Bau von Hotels zu kaufen. Die Geschichte griff 2013 auch der inzwischen inhaftierte Oppositionspolitiker Alexei Nawalny auf, und er machte das Netz von Briefkastenfirmen des Jakunin-Clans publik. Zudem veröffentlichte er Bilder eines 2000-Quadratmeter-Luxusanwesens von Wladimir Jakunin in der Nähe von Moskau, das hundert Millionen US-Dollar wert sein soll.

Wladimir Jakunin und Wladimir Putin lernten sich Anfang der neunziger Jahre in St. Petersburg kennen, in der chaotischen Zeit, als die Sowjetunion zusammenbrach. Jakunin hatte zuvor mutmasslich als Agent des Geheimdienstes KGB in der sowjetischen Mission an der Uno gearbeitet. Auch in St. Petersburg hielt er sich an Leute aus dem KGB-Umfeld und begann, Geschäfte zu treiben. Mit zwei Partnern verkaufte er etwa seltene Erden ins Ausland, wie die britische Journalistin Catherine Belton in ihrem neuen Buch «Putin’s People» schreibt.

Diese Geschäfte liefen über Putins Tisch, der damals als stellvertretender Bürgermeister der Stadt für internationale Kontakte zuständig war. Mit den Einnahmen wurde Jakunin Teilhaber der Bank Rossija, die Anfang der neunziger Jahre mit Geldern der Kommunistischen Partei gegründet worden war. Nach der Machtübernahme von Putin spielte die Bank eine entscheidende Rolle bei der Konsolidierung von dessen wirtschaftlicher Macht. Im Verwaltungsrat der Bank sass in dieser Zeit auch Matthias Warnig (vgl. «Der Manager mit Stasi-Erfahrung»).

Jakunin gehört auch zur Datschen-Kooperative Osero, einer Gruppe, die sich Anfang der neunziger Jahre an der finnischen Grenze Land für den Bau von Ferienhäusern kaufte. Die meisten aus dieser Gruppe zählen noch heute zu Putins engsten Vertrauten und haben es unter seiner Herrschaft zu Reichtum gebracht. Als Putin Präsident wurde, zog Jakunin nach Moskau und wurde stellvertretender Verkehrsminister. 2003 wurde er Vizepräsident und 2005 oberster Chef der Russischen Eisenbahnen. Nur ein Jahr später gründete Sohn Andrei zusammen mit dem israelischen Geschäftsmann Yair Ziv in London den Investmentfonds VIY – ein Name, der in der englischen Schreibweise den Initialen des Vaters entspricht.

Teure Villen und eine Luxusjacht

Im Gegensatz zu seinem Vater legt der 1975 geborene Andrei Jakunin etwas weniger Wert auf Diskretion. In London pflegt er einen aufwendigen Lebensstil. So kaufte er laut «Sunday Times» im Quartier St. John’s Wood über eine auf den Virgin Islands domizilierte Briefkastenfirma eine Achtzimmervilla im Wert von 35 Millionen Pfund. Ein weiteres Wohnhaus, ebenfalls über eine Briefkastenfirma gekauft, wird auf 10 Millionen Pfund geschätzt. Zudem verfügt der leidenschaftliche Segler auch über eine Luxusjacht, auf der vier Crewmitglieder arbeiten und die für 45 000 Euro pro Woche gemietet werden kann. Anders als sein Vater hat Andrei die Deals zwischen der VIY und den russischen Staatsbahnen nicht abgestritten; er insistiert jedoch, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Allerdings ist die Kritik am seltsamen Geschäftsgebaren der Familie Jakunin nie verstummt. In vielen Medien wurde spekuliert, dass Wladimir Jakunin deshalb 2015 seinen Posten als Bahnchef räumen musste. Ebenfalls eine Rolle gespielt haben dürfte, dass sich Sohn Andrei in dieser Zeit für die britische Staatsbürgerschaft bewarb.

Auch nach seiner faktischen Entlassung blieb Wladimir Jakunin Putin treu ergeben. Denn der inzwischen 72-Jährige ist ein leidenschaftlicher Verfechter angeblich traditioneller russischer Werte. Als einer der ersten aus Putins Umfeld trat der ehemalige Atheist in die orthodoxe Kirche ein. Homosexualität betrachtet er als «Gendefekt». Jakunin gehörte 2014 zu den Organisatoren eines Welt-Familienkongresses in Moskau, an dem rechtskonservative Kreise aus der ganzen Welt teilnahmen. Er ist Vorsitzender des Zentrums des nationalen Ruhms wie auch der christlich-orthodoxen St.-Andrei-Stiftung. Ausserdem präsidiert er auch die Istoki-Stiftung, die etwa ein Programm zur «Heiligkeit der Mutterschaft» finanziert. Dieses propagiert die traditionelle Familie mit mindestens drei Kindern und kämpft gegen Abtreibung.

In Genf hat Jakunin zusammen mit seiner Frau 2013 drei Stiftungen gegründet. Die St Andrew Foundation ist nur schon vom Namen her ganz an die entsprechende Stiftung in Russland angelehnt. Im einzigen veröffentlichten Tätigkeitsbericht, der die Jahre 2014 bis 2016 umfasst, wird ein Vermögen von 7,5 Millionen US-Dollar ausgewiesen. Eine weitere Genfer Jakunin-Gründung ist die Stiftung zur Unterstützung von historischen und kulturellen Studien. Was diese genau macht, ist unbekannt, im Verwaltungsrat sitzt neben dem Ehepaar Jakunin auch Sohn Wiktor. Dieser leitete eine Zeit lang das Moskauer Büro von VIY.

Die dritte Stiftung der Jakunins nennt sich Stiftung für das World Public Forum – Dialogue of Civilisations (DOC). Dort findet sich auch Ruben Wardanjan im Stiftungsrat, ein armenisch-russischer Milliardär und Putin-Freund. Seine Troika-Bank soll laut Recherchen des JournalistInnen-Netzwerks OCCRP Milliarden an schmutzigen Geldern via ein Geflecht von Briefkastenfirmen aus Russland in den Westen geschleust haben. Die Stiftung von Jakunin und Wardanjan finanziert in Berlin einen Thinktank unter gleichem Namen und veranstaltete in den letzten Jahren jeweils ein World Public Forum auf Rhodos. Diese Aktivitäten werden von vielen BeobachterInnen als Versuche der russischen Politik verstanden, ihren Einfluss in Westeuropa auszudehnen.

Der Schweizer Pfad

Vieles über die Genfer Stiftungen bleibt im Dunkeln. Die auf der Website der St-Andrew-Stiftung angegebene Telefonnummer führt ins Nichts. Ein Sprecher des DOC geht auf per E-Mail gestellte Fragen zur Stiftung nicht ein. Er hält fest, dass die Aktivitäten des DOC «nichts mit einer sogenannten russischen Agenda zu tun haben».

Der in Genf ansässige Treuhänder Leonard O’Brien sitzt im Aufsichtsrat aller drei Stiftungen. Seine Firma Salamander Management bietet den drei Stiftungen auch die Postadresse. Doch äussern will er sich nicht. Das Telefon hängt er gleich wieder auf, nachdem sich der WOZ-Journalist vorgestellt hat, auf E-Mails reagiert er nicht. Er selber preist auf seiner Firmenwebsite seine zwanzigjährige Erfahrung mit Offshore-Strukturen an.

Bis 2018 fungierte René Frischknecht im Handelsregister als Sekretär der drei Stiftungen. Frischknecht ist zusammen mit Alessandro Lardi – der für Andrei Jakunins Investmentfonds das Hotel in Davos kaufte – Gründungspartner der Zürcher Firma Swisspath. Diese wiederum ist, so der Tätigkeitsbericht der St-Andrew-Stiftung, im Investitionsausschuss der Stiftung vertreten. Laut Eigenwerbung berät Swisspath vermögende Familien in «jedem Aspekt ihrer Geschäfte und finanziellen Angelegenheiten». Ist das Hotel in Davos also letztlich eine Angelegenheit der ganzen Jakunin-Familie? Weder Frischknecht noch Lardi haben auf Fragen der WOZ geantwortet.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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