Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

Warum ist Sexarbeit für Sie ein Karrierefortschritt?

Wieso nicht mal ein Fuck-in vor dem Bundestag in Berlin? Tadzio Müller will in seinem neuen Beruf als Sexarbeiter den Zangenangriff auf das wagen, was er «Normalwahnsinn» nennt.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn (Interview) und Nikita Teryoshin (Foto)

Tadzio Müller: «Wir Sexarbeiterinnen wissen unglaublich viel über die Gesellschaft. Der Hure erzählt man bekanntlich alles. Denn wir sind egal, wir sind unsichtbar.»

WOZ: Herr Müller, es gibt in Ihrem Leben wohl kaum etwas, das Sie nicht kämpferisch tun?
Tadzio Müller: Jetzt, da ich gerade eine Kommunikationspause einlege, möchte ich genau das eigentlich vermeiden. Aber es stimmt schon: Überall, wo ich bin, habe ich den Hang zum Kämpfen.

Was könnte das denn in Bezug auf die Sexarbeit heissen, die Sie seit kurzem wieder machen?
Es geht zunächst natürlich um die Arbeitsrechte, das ist immer zentral. Und gerade im Moment gibt es in Deutschland ja einen Angriff auf die Sexarbeit, lustigerweise von einer SPD-Politikerin, die das nordische Modell mit dem Sexkaufverbot durchsetzen möchte. Die Gefahr, dass das am Ende tatsächlich durchkommt, ist zwar nicht allzu gross, aber sie ist da.

Ganz grundsätzlich ist mir der Bewegungsansatz wichtig. Wir sollten gemeinsame Aktionen machen, zum Beispiel mal ein Fuck-in vor dem Bundestag. Ich möchte ein bisschen 68er-Drive reinbringen und sagen: Wir Sexarbeiterinnen sind unglaublich wichtig in der Gesellschaft, weil wir den Menschen Glücks- und Befreiungsmomente verschaffen. Gleichzeitig gehört unsere Arbeit zu den marginalisiertesten und am meisten erniedrigten Jobs, die es gibt. Allein schon in der Öffentlichkeit darüber zu reden, trägt zur Kollektivierung in der Szene bei. Ich selbst sage zum Beispiel: Ich finde, die Sexarbeit ist für mich ein Karrierefortschritt.

Warum ist das so wichtig?
Weil es in der Politik praktisch nur Diskurse gibt, in denen Sexarbeit als Gewaltverhältnis dargestellt wird. Es ist zwar wichtig, sich mit Ausbeutungsstrukturen auseinanderzusetzen, aber es braucht eben auch eine andere, eine positive Erzählung: Ich bin ein selbstbewusster Mensch, der fest im Leben steht. Darüber hinaus wissen wir Sexarbeiterinnen unglaublich viel über die Gesellschaft. Der Hure erzählt man, insbesondere im postkoitalen Zustand, bekanntlich alles. Denn wir sind egal, wir sind unsichtbar. Diese Gesellschaft hat von uns Sexarbeiterinnen echt viel zu lernen.

Täuscht der Eindruck, oder hat in den letzten Jahren tatsächlich eine grössere Emanzipation stattgefunden?
Ich bin noch zu neu in dem Feld, um das genau einzuschätzen. Ich habe zwar schon mit zwanzig mal in einem Bordell angeschafft, als ich noch nicht mal realisierte, dass ich schwul bin. Heute habe ich aber ebenfalls den Eindruck, dass es Sexarbeiterinnen gibt, die sich – vor allem auf Social Media – eine gewisse Reichweite erkämpft haben. Klar, dieser Happy-Hooker-Diskurs wird teils auch kritisch beurteilt, denn nicht alle sind happy in diesem Beruf. Da ist eine grosse neoliberale Unsicherheit, und das Internet hat das Anschaffen viel leichter gemacht. Viele Leute haben daneben mehrere Jobs, manche finanzieren damit ihr Studium, andere tun es aus purer Existenznot.

Demgegenüber befinden Sie sich in einer sehr privilegierten Position.
Das ist so, ich bin ein doktorierter, weisser Mann aus dem globalen Grossbürgertum. Ich habe auch diese riesige Arroganz, mit der meine Familie ausgestattet ist. So verfüge ich über die rhetorischen und intellektuellen Waffen eines hochtrainierten Diskursberserkers. Aber als queerer, HIV-positiver, drogennehmender Sexarbeiter bin ich gleichzeitig auch sehr weit unten. In dem Sinne kann ich eine Art Zangenangriff auf die Gesellschaft machen.

Was wollen Sie denn angreifen?
Vor über zehn Jahren habe ich in einem Interview mal damit angefangen, vom «Normalwahnsinn» zu reden. Damals ging es um den Castor-Transport. Atomkraft ist schlicht irre, eine richtig dumme Idee, angefangen beim Atommüll, aufgehört beim Super-GAU. Und es ist wahnsinnig, dass eine Gesellschaft Abermillionen darin investiert und wir dagegen protestieren müssen.

Und darum geht es mir auch jetzt: Anscheinend ist es irgendwie abartiger, deinen Körper für Sex zu verkaufen, als Finanzprodukte zu verticken. Das ist der Normalwahnsinn, den ich angreifen will – und das kann ich sehr viel überzeugender, wenn ich selbst von der Normalität angefeindet werde. Als Sexarbeiter habe ich gewissermassen mehr moralische Wucht denn als Stiftungsmitarbeiter.

Wie kann sich Ihr Zangenangriff denn irgendwo sonst als bei Ihnen in Berlin-Neukölln auswirken?
Es ist nie klar, wann und wo etwas funktioniert. Zum Beispiel #MeToo: Wie lange ist denn der ganze Scheiss zuvor schon passiert? Und warum explodierte die Sache schliesslich ausgerechnet unter diesem Hashtag? Oder Black Lives Matter: Warum gab es letztes Jahr diese grosse Dynamik, obwohl es schon immer in der Natur des US-Systems lag, dass Schwarze Leben zerstört werden?

Was ich sagen will: Der Angriff auf den Normalwahnsinn kann von überall her erfolgen. Es lässt sich nie im Voraus sagen, wo er Resonanz erzeugt.

Auf Social Media bezeichnet sich Tadzio Müller (44) als «hedokommunistische Klimagerechtigkeitshure». Die grösste Freiheit empfindet er ausgerechnet dann, wenn sein liberaler Liebespartner über ihn verfügt.

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