Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Sie lassen einen Liberalen über Sie verfügen?

Sein neuer Partner ist sein Eigentümer: Tadzio Müller lebt in einer BDSM-Beziehung, in der er der Dominierte ist. Im spielerischen Umgang mit Machtbeziehungen findet er Befreiung von seiner patriarchalen Sozialisation.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn (Interview) und Nikita Teryoshin (Foto)

Tadzio Müller: «BDSM ist deshalb so interessant, weil es mit Macht zu tun hat. Und Macht zieht mich wahnsinnig an: Sie ist die interessanteste Sache auf der Welt.»

WOZ: Herr Müller, ein Slogan von Ihnen auf Social Media lautet: Unterwürfigkeit im Bett, Ungehorsam überall sonst. Wie hängt das für Sie zusammen?
Tadzio Müller: Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben, Ende Gelände war der absolute Hammer. Aber es gibt mir nochmals eine völlig andere Kraft, Zeit mit meinem neuen Partner, beziehungsweise Eigentümer, zu verbringen.

Diese Unterwerfungsgeschichten sind schwer zu erklären. Aber ich bin jemand, der sein ganzes Leben gekämpft hat. Schon aus meiner Kindheit habe ich ein Trauma mitgetragen, ich wuchs grösstenteils ohne Mutter und mit einem emotional inkompetenten Vater auf. Ich habe auch ADHS und eine nicht unerhebliche Zwangsneurose, in gewissem Sinne habe ich in einem ständigen Ausnahmezustand gelebt. Die Momente, in denen ich wirklich gelebt habe, waren die, in denen ich mir Raum selbst erkämpft habe.

Das ist natürlich unglaublich anstrengend! Mit meinem neuen Partner erlebe ich Zustände, in denen ich intensiv lebe, unglaublich glücklich bin, ohne dafür kämpfen zu müssen. Ich bin bei ihm ein ganz anderer Mensch.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wenn wir zusammen sind, fühle ich einen unglaublichen Wunsch, mich ihm zu unterwerfen. Ich bettle ihn förmlich an, mein Leben zu kontrollieren. Ich finde eine grosse Ruhe, wenn ich zum Beispiel gefesselt bin – weniger entscheiden kann, weniger handlungsfähig bin, und darin trotzdem frei. Das klingt jetzt etwas buddhistisch, aber das heisst, dass ich kurzfristig von meinem Ego befreit werde.

Die Konstellation ist umso spannender, weil mein Partner einen völlig anderen sozialen Hintergrund hat als ich: Er ist elf Jahre jünger, kommt aus der Arbeiterklasse, wuchs in vergleichsweise bescheidenen Verhältnissen auf, während mein Vater Wirtschaftsanwalt für das internationale Grosskapital war. Und dann ist mein Partner auch noch ein Liberaler.

Sie als Kommunist lassen einen Liberalen über Sie verfügen?
BDSM ist deshalb so interessant, weil es mit Macht zu tun hat. Und Macht zieht mich wahnsinnig an: Sie ist die interessanteste Sache auf der Welt, und auch die problematischste. BDSM erlaubt es, Machtbeziehungen spielerisch zu schaffen und spielerisch wieder aufzulösen. Wenn du als bürgerlicher Politmacker wörtlich auf dem Boden kriechst und deinen Eigentümer fragst, ob du seine Kippe auflecken darfst, dann siehst du: Macht ist nichts, was irgendein Mensch inhärent in sich trägt. Machtverteilung ist eine politische Frage.

Geht es im Speziellen auch darum, einen weissen Männerkörper, der historisch gesehen der unangreifbarste ist, spielerisch zur Benutzung freizugeben?
Genau, den weissen Männerkörper, der grundsätzlich eigentlich immer auf andere zugreift, und nicht umgekehrt. Der eigentlich zutiefst versnobte Ökointellektuelle Harald Welzer hat mal den klugen Satz gesagt: Was es bräuchte für globale Klimagerechtigkeit, wäre eine globale Selbstdeprivilegierung der Eliten. Wir alle hier müssten also bewusst sagen: Unser Leben wird besser, wenn wir weniger Privilegien haben.

Das werden wir natürlich kaum tun. Aber das ist die Erfahrung, die ich mit meinem Partner mache: Ich bin glücklicher, seit er meinen Körper als sein Eigentum betrachtet. Ich erlebe eine Befreiung von meiner bürgerlichen, patriarchal-männlichen Sozialisation.

Steckt auch eine politische Absicht dahinter, dass Sie so offen mit Ihrem Privatleben umgehen?
Durchaus, aber das war nicht immer so. Lange habe ich mein Rumgeficke und die Politik voneinander getrennt. Aber Ende 2016 gab es einen besonderen Moment. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, verkündete ich spontan auf Facebook, dass ich HIV-positiv bin.

Das war ich damals schon seit fünf Jahren, aber nur meine besten Freundinnen wussten davon. Ich hatte mich dafür geschämt. Warum denn? Ich stellte fest: weil HIV seit den Siebzigern von der Mehrheitsgesellschaft zur Stigmatisierung der Schwulen- und Queerbewegung verwendet worden war. Ich erhielt dann Reaktionen aus der ganzen Welt. Das war Wahnsinn. Und mir wurde klar, dass ich in meiner privilegierten Position die Verantwortung habe zu sagen: Leute, nicht wir sind krank, sondern die Gesellschaft, die uns nicht akzeptiert!

Ist das auch der Grund, weshalb Sie das Schloss so gut sichtbar um den Hals tragen?
Ich lebe halt in Berlin, in einer linken Bubble. Wenn mir jemand droht, mir was anzutun, dann weiss ich, wo ich eine feministische Antifa-Hit-Squad finde, die mich beschützt. Ich laufe mit diesem Slave-Schloss aber nicht nur rum, weil ich das geil finde – sondern auch, um uns sichtbar zu machen.

Ich will dazu beitragen, dass es wieder eine neue Schwulenbewegung gibt. Und zwar eine echte, progressive, radikale Schwulenbewegung.

Im Orchester der emanzipatorischen Erzählungen fehlten im Moment die Streichinstrumente, findet Tadzio Müller (44). Ihm ist völlig klar, dass er bislang wohl die Pauke spielte.

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