Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Immer öfter für Goliath

«Welt»-Herausgeber Stefan Aust hat sich zum 75. Geburtstag eine Autobiografie geschenkt, in der er sich als nüchternen Reporter ohne Agenda schildert. Dass die NZZ ihm das glaubt, heisst nicht, dass es stimmt.

Von Stefan Gärtner

Was man über den deutschen Grossjournalisten Stefan Aust wissen muss, findet sich an unvermuteter Stelle, nämlich in Kay Sokolowskys Buch «Feindbild Moslem», wo dieser beschreibt, wie Aust, «Spiegel»-Chef von 1994 bis 2008, die Kundschaft im jungen Jahrtausend mit Titeln wie «Strategie Massenmord – Die al-Qaida-Offensive fünf Jahre nach dem 11.  September 2001» und «Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung» bediente: «Stefan Aust kümmerte es herzlich wenig, um welchen Preis er die Aboverkäufe steigerte; deshalb war sein ‹Spiegel› von der ‹Bild am Sonntag› gelegentlich nur am Papier zu unterscheiden.» Etwa wenn es um «Allahs rechtlose Töchter – Muslimische Frauen in Deutschland» ging: «Boulevard und nicht die geringste Scheu vor Demagogie herrschen, wenn der ‹Spiegel› aus drei bestürzenden Geschichten ableitet, das Martyrium, die Barbarei und Brutalität stellten den Normalfall in den Familien von mehr als drei Millionen türkischstämmigen Migranten dar.»

Die Angst des Pferdezüchters

Dass Aust bloss ein ausgekochter Blattmacher und an Politik nicht interessiert sei, ist aber pauschal gerade dann nicht richtig, wenn er selbst, wie neulich im Gespräch mit der NZZ, es ablehnt, «den Leuten sagen zu wollen, was sie zu denken haben. Das wollte ich nie.» Das publizistische Sperrfeuer wider den überregulierten Reformstau-Staat Deutschland kam bis zur rot-grünen, neoliberalen «Agenda 2010» zumal aus dem «Spiegel», und eine Trennung zwischen «ideologischen» und «kaufmännischen Motiven», wie Sokolowsky sie vornimmt, kann eh keine saubere sein. So vertrat Aust die Interessen der Kaufleute, zu denen er, nach linken Anfängen bei «Konkret» und dem Fernsehmagazin «Panorama», als Augsteins Chefmanager zählte, und eine «Spiegel»-Strecke über grünen Strom soll gar aus dem Blatt geflogen sein, weil sie mit der Windenergie zu freundlich gewesen sei: Der Pferdezüchter Aust, heisst es, habe einen Windpark in der Nähe seiner Zucht gefürchtet. Noch in seiner frisch erschienenen Autobiografie mit dem Titel «Zeitreise» (Piper) hält Aust Windenergie für eine «hoch subventionierte Luftnummer» und ist überhaupt «skeptisch […], was den angeblich so gewaltigen Einfluss vom [sic] CO2 betrifft». Skepsis kann konservativ sein, und die Parteinahmen für die Wirtschaft sollen im Blatt dann auch für Unmut gesorgt haben. Der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Oliver Gehrs zitiert in seinem Buch «Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete» die Klage: «Immer öfter ist Goliath der Gute.»

Was genau ist denn?

Die Ideologiefernen sind ja gern besonders reaktionär, und beim selbsterklärten Skeptiker Aust, «skeptisch gegenüber den Regierenden, aber auch skeptisch gegenüber deren Gegnern», wuchs die Skepsis gegenüber links. Hatte er einst emsig recherchierte Bücher über Hausbesetzungen und gegen Atomkraft geschrieben und in einem Filmporträt den später von der RAF ermordeten Wirtschaftsfunktionär Hanns Martin Schleyer den «Prototypen eines Ausbeuters» genannt, ist heute, was Schleyer betrifft, im Buch bloss von einem «ziemlich kritischen» Beitrag die Rede, das Zitat steht bei Gehrs. Die DDR hat Aust allerdings von Anfang an als «Polizeistaat» abgelehnt, und nach dem Mauerfall recherchierte er mit Inbrunst den Stasi-Vergangenheiten des DDR-Personals hinterher. Das versprach jetzt mehr Publikum als Ausbeutung oder Atomkraft. Austs grösster Erfolg bleibt der «Baader-Meinhof-Komplex», eine «Mischung aus Zeitgeschichte und Räuberpistole» (Gehrs).

Seine Karriere beim «Spiegel» begann Stefan Aust mit «Spiegel TV», wo Geschichten um die östliche Staatssicherheit nebst sonstigem Crime & Sex zum Standardprogramm gehörten. Sein erstes «Spiegel»-Jahr bestritt er sehr erfolgreich mit Jubiläumstitelei zum Weltkriegsende. Aust ist da ehrlich: Er war beim «Spiegel», damit die Zahlen stimmten, damit das Credo des alten Augstein gelten konnte, das Aust unterschreibt: Sagen, was ist. Was genau das jeweils ist, bleibt natürlich eine Frage der Perspektive, und so wurde Aust nach seiner Entlassung Herausgeber von Springers rechter «Welt». «Ich muss nicht so rechts werden wie ihr, weil ich nie so links war wie ihr», gab er einem extrotzkistischen Kollegen Bescheid; was freilich, mag dialektische Skepsis finden, eine astrein rechte Ansicht ist.

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