Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

Die Regelschweiz gerät durcheinander

Während die Unterbringung bei Privaten holprig startet, setzen die Schulen auf ihre grosse Erfahrung. So läuft die Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten.

Von Kaspar SurberMail an Autor:in und Renato BeckMail an Autor:in

Das ehemalige Kirchenzentrum Oekolampad im vornehmen Basler Gotthelfquartier erlebt gerade eine Renaissance. In den nächsten Monaten sollte sich die Kirche eigentlich in einen Quartiertreff verwandeln, jetzt ist sie schon vorher einer geworden: ein Begegnungsort für die schnell wachsende ukrainische Diaspora in der Stadt.

Am Sonntag spielen Kinder vor der mächtigen Orgel im Gemeindesaal Fussball, daneben tauschen Mütter ihre Handynummern aus. Jemand verteilt Flyer einer Kleiderbörse, ein Cevi-Leiter bittet um Aufmerksamkeit für seine neue Jugendgruppe, eine Organisatorin vertröstet für Informationen zur Sozialhilfe aufs nächste Mal.

3843 registrierte Geflüchtete meldet das Staatssekretariat für Migration (SEM) am Montag, 14. März. Eine Woche später sind es bereits 11 021. Die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine in der Schweiz Schutz suchen, steigt in der vergangenen Woche rasant an: Frauen und Männer kommen, Kinder und Grosseltern, auch Haustiere sind dabei. Im Oekolampad kommen all ihre Fragen zusammen: Helfer:innen versuchen in kürzester Zeit, Strukturen zu schaffen, die Behörden hinken an vielen Stellen hinterher. Es herrscht ein grosses Durcheinander.

Gewünscht: Normalität

Natalja Gudachok (32) ist seit ein paar Tagen in der Schweiz. Sie ist mit ihren drei Kindern gekommen, der Mann ist in Bila Zerkwa zurückgeblieben, einer Stadt siebzig Kilometer südwestlich von Kiew. Nach heftigen Luftangriffen auf die Stadt floh Gudachok zu ihrer Schwester in die Karpaten. Als dann plötzlich ein Car mit Ziel Schweiz bereitstand, stieg sie ein. «Ich will unbedingt arbeiten, egal was, denn ich muss meine Kinder ernähren», sagt sie. Es sei ihr sehr unangenehm, von ihrer Gastfamilie abhängig zu sein. Doch ihre Ersparnisse würden nicht weit reichen. Das Wichtigste für sie? «Ein Job und dass meine Kinder keine Lücken in der Ausbildung haben.»

Uljana Makarenko (42) hat noch ein eigenes Auskommen. Sie kann von ihrer Gastwohnung aus ihrer Arbeit an der Universität in Lwiw nachgehen. Makarenko entschied sich, mit ihrem elfjährigen Sohn Lwiw zu verlassen, als der Flughafen von russischen Raketen getroffen wurde: «Wir wohnen neben einem Militärstützpunkt, der jederzeit bombardiert werden könnte.» Sie will möglichst schnell Deutsch lernen, will sich integrieren; ihren Sohn hat sie bereits in der Schule angemeldet. «Auch wenn wir nicht lange bleiben, wünsche ich mir Normalität», sagt sie.

Sexistische Angebote gelöscht

Für Geflüchtete aus der Ukraine hat der Bundesrat erstmals den Schutzstatus S aktiviert; er kommt zur Anwendung, wenn sie über die ukrainische Staatsbürgerschaft verfügen oder in der Ukraine ein Aufenthaltsrecht hatten. Damit können sie ab dem ersten Tag arbeiten, haben Anspruch auf eine eingeschränkte Sozialhilfe und dürfen auch bei Privaten wohnen.

Weil die Ukrainer:innen über ein Schengen-Visum verfügen, greifen in ihrem Fall die für Asylsuchende sonst strengen Kontrollmechanismen von Grenzwache und Polizei nicht: Sie können sich überall in der Schweiz niederlassen. Die Wahlfreiheit bringt ihnen Selbstbestimmung und der Zivilgesellschaft mehr Möglichkeiten zu ihrer Unterstützung. Doch sie ist auch eine Herausforderung: So trifft ein beträchtlicher Teil der Flüchtenden fürs Erste in Zürich und den weiteren grossen Städten ein. Wie klappt es tatsächlich mit der Vermittlung von Unterkünften und der Einschulung der Kinder?

Rund 4000 Ukrainer:innen haben gemäss dem SEM bis Anfang dieser Woche eine private Unterkunft gefunden, die meisten von ihnen bei Verwandten und Bekannten. Für jede Stadt gibt es einen Telegram-Kanal, in dem sie sich über Angebote austauschen. Etwas mehr als tausend Personen konnte die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) mit der Kampagnenorganisation Campax an Gastfamilien vermitteln. Der grössere Teil wartet noch in den Bundesasylzentren sowie in Hotels auf eine definitive Unterkunft. Auch die Kasernen in Bülach und Bure stehen zur Verfügung.

Die Situation von Natalja Gudachok und Uljana Makarenko, die ins Basler Oekolampad gekommen sind, passt in dieses Bild. Makarenko ist bei einer ukrainischen Freundin untergekommen, die schon länger in der Nähe von Basel wohnt. Sie darf dort so lange bleiben, wie es nötig ist. Gudachok dagegen kann nur für kurze Zeit in einer leeren Privatwohnung ausserhalb der Stadt bleiben, bald braucht sie eine neue Lösung.

Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist enorm: Angebote für mehr als 100 000 Betten konnten Campax und die SFH mittlerweile sammeln. Wer den Fragebogen selbst ausfüllte, weiss allerdings: Die Angaben, die eingefordert wurden, waren rudimentär. Das sorgt auch für Kritik. Ein Mitarbeiter, der in einem Bundesasylzentrum arbeitet, schildert der WOZ, dass mit so wenig Angaben keine passende Vermittlung von Gastfamilien möglich ist. Auch seien die Anbieter:innen nicht überprüft worden: Das bedeute ein Risiko bezüglich sexuellen Missbrauchs. Die private Unterbringung sei auf drei Monate befristet. «Was passiert danach?», fragt sich der Mitarbeiter. Er findet das Vorgehen unverantwortlich, allen Beteiligten gegenüber.

Bei Campax räumt man Startprobleme ein. «Die Angaben waren rudimentär, das stimmt. Doch die Zeit drängte. Nun holen wir bei den Gastgebern mehr Details ein», sagt der Medienverantwortliche Christian Messikommer. Mehr als 2500 unbrauchbare Angebote habe man gelöscht, darunter auch sexistische. Private IT-Firmen haben zudem Programmierer:innen zur Verfügung gestellt. Eine neue Datenbank soll ab dieser Woche ein «Matching» zwischen den Bedürfnissen der Geflüchteten und den Angeboten der Gastgeber:innen ermöglichen. Bei allen Schwierigkeiten: «Die Solidarität ist eine Riesenfreude.»

Eliane Engeler von der Flüchtlingshilfe spricht von einem «Spannungsfeld» zwischen der Menge der Angebote und den erforderlichen Abklärungen. «In der aktuellen Krise ist es nicht möglich, alle Gastfamilien vorher zu besuchen. Auch besteht seitens der Gastfamilien eine Erwartungshaltung, dass es schnell gehen soll.» Um Sicherheit zu schaffen, müssen alle Gastgeber:innen nun einen Strafregisterauszug einreichen. Die SFH hat zudem eine Hotline für Geflüchtete eingerichtet. Wie viele von ihnen bei Privaten bleiben, wie viele möglichst bald eine eigene Wohnung suchen, wird sich weisen. Nach zwei Monaten will man eine Standortbestimmung vornehmen.

Fast ein Schulhaus

Während bei der Unterbringung viel Neues ausprobiert wird, setzt man in den Schulen auf Erfahrung. «Es ist wichtig, den Kindern einen sicheren Hafen zu bieten», meint Rita Schüpbach, beim Schulamt der Stadt Bern verantwortlich für den Bereich Integration und Sprachförderung. «Sie brauchen Stabilität und Strukturen. Wichtig sind zudem erste Sprachkenntnisse, damit sie sich möglichst schnell in Alltagssituationen zurechtfinden.»

Das Mittel, das sich in Bern für fremdsprachige Kinder bewährt hat, heisst Intensivkurse: Zehn bis zwanzig Wochen erhalten sie in einer kleineren Gruppe Unterricht, erst danach werden sie den Regelklassen zugeteilt. Bereits wurde ein separater Intensivkurs für ukrainische Kinder eröffnet.

Auch wenn die erwartete Zahl von Flüchtenden gross ist: Schüpbach zeigt sich zuversichtlich, dass allen Kindern das Recht auf Bildung möglichst rasch gewährt werden kann. Der grösste Unterschied zur sonstigen Aufnahme von Flüchtenden liege darin, dass viele Ukrainer:innen nicht in Asylzentren, sondern bei Gastgeber:innen wohnten. «Wenn die Kinder einen guten Draht zur Gastfamilie finden, kann das eine enorme Chance sein, von deren Wissen zu profitieren.»

Einen anderen Weg als Bern schlägt St. Gallen ein, erklärt Martin Annen, Leiter des städtischen Schulamts. Hier werden fremdsprachige Kinder vom ersten Tag an in einer Regelklasse eingeschult und erhalten in bestimmten Stunden intensiv Deutschunterricht. Dieser findet einzeln oder in Gruppen im jeweiligen Schulhaus statt. «So müssen sich die Kinder nur einmal in eine Klasse integrieren», sagt Annen. Bisher haben sich erst vereinzelt Eltern beim Schulamt gemeldet. Die Stadt St. Gallen plant allerdings mit 200 zusätzlichen Schüler:innen – immerhin fast ein zusätzliches Schulhaus. Doch auch Annen gibt sich optimistisch, dass alles klappt. «Bei den Kindern haben wir Zeit. Anders ist das bei den Jugendlichen. In der Sekundarstufe drückt die Frage der Berufswahl schnell. Das werden wir speziell beachten müssen.»

«Wie lange hält die Solidarität?»

Wo all die Prozesse hinführen, die jetzt gestartet werden, bleibt also offen. Der Sonderstatus S gilt nur so lange, bis eine Rückkehr in die Ukraine zumutbar erscheint. Wozu in dieser Ungewissheit eine Berufslehre starten?

Der Basler SP-Politiker Tobit Schäfer, der in der früheren Sigristenwohnung des Oekolampad eine siebenköpfige Familie untergebracht hat, plädiert dafür, all die temporären Anstrengungen in feste Strukturen zu überführen. Das gelte insbesondere für das riesige Engagement der Zivilgesellschaft. «Jetzt ist die Hilfsbereitschaft gross, aber wie sieht es in drei Monaten aus oder in sechs? Was passiert, wenn Ukrainerinnen den Müll am falschen Tag rausstellen oder es an den Schulen zu Konflikten kommt? Wie lange hält die Solidarität?», fragt Schäfer.

Schon jetzt ist klar, dass sich die Perspektiven der Geflüchteten unterscheiden und damit auch die Bedürfnisse. Während Uljana Makarenko so schnell wie möglich nach Lwiw zurückwill, kann sich Natalja Gudachok vorstellen, in der Schweiz zu bleiben: «Ich habe keine patriotischen Gefühle», sagt sie. «Ich will nur, dass meine Kinder eine gute Zukunft haben, egal wo.»

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