Naturschutz: In Solidarität mit dem Holzrüssler
Weil in der Stadt Zürich derart viele Gebäude abgerissen werden, sollte eine Bauschuttdeponie im nahen Rümlang vergrössert werden. Auf Kosten eines Stücks Wald. Ein Gericht hat nun ein Urteil gefällt – zugunsten der Natur.
Rümlang nördlich der Stadt Zürich befindet sich in keiner einfachen Lage. Die Gemeinde ist eingeklemmt zwischen Autobahn, Bahnschneise und Flughafen; hinzu kommt ein riesiges Lager für Benzin, Diesel und Heizöl. Und dann gibt es ein kleines Waldstück neben den 25 Tanks des Lagers. Es ist erstaunlich und beruhigend, wie sehr dieses Waldstück den Lärm der Autobahn und des Flughafens schluckt, sobald man es betritt.
Ginge es nach dem Willen des Kantons Zürich, würde ein beträchtlicher Teil dieses Waldstücks heute nicht mehr existieren. Er bewilligte vor einem Jahr per kantonalem Gestaltungsplan, dass die Kapazität der bereits bestehenden Bauschuttdeponie Chalberhau auf das Sechsfache ausgebaut werden soll. Die Betreiberfirma Eberhard Recycling AG hatte die entsprechende Erweiterung beantragt. Elf Hektaren des Waldstücks hätten dafür gerodet werden müssen.
Der Käfer und die römischen Ruinen
Doch mehrere Naturschutzverbände sowie der Zürcher Heimatschutz rekurrierten gegen die entsprechende Verfügung vor dem kantonalen Baurekursgericht. Mit Erfolg: Mitte November entschied das Gericht, dass die geplante Deponieerweiterung nicht rechtens sei; unter anderem habe keine ausreichende Interessenabwägung stattgefunden bezüglich der Frage, ob der Ausbau zwingend an genau diesem Standort erfolgen müsse. Das Waldstück ist zumindest vorerst gerettet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Die Waldrettung von Rümlang hat mehrere unerwartete Held:innen hervorgebracht. Der Plattnasen-Holzrüssler ist einer davon. Der kleine Urwaldkäfer mit seinem auffälligen, abgeplatteten Rüssel lebt ausschliesslich auf Hunderte von Jahren alten Eichen. Etwa achtzig solche Bäume stehen im Rümlanger Waldstück. Mit ihren grossen bemoosten Stämmen, die hoch in den Himmel ragen und sich erst weit oben verästeln, bieten sie einen eindrücklichen Anblick. Sie sind auch der Lebensraum von seltenen Flechten. Kurzum: Mit seinen uralten Eichen, den Flechten und dem Urwaldkäfer ist das Waldstück etwas Besonderes.
Das wäre ohne die Arbeit und Nachforschungen von Wilma Willi, Naturschützerin und grüne Kantonsrätin, und Kathrin Jaag, Kogeschäftsführerin von Birdlife Zürich, wohl verborgen geblieben. So aber ist klar, dass das Rümlanger Waldstück schützenswert ist, was die Chancen des vor einem Jahr eingereichten Rekurses deutlich erhöht hat.
Ein letzter Trumpf liegt gar tief in der Erde des Waldbodens vergraben: Dort befinden sich offensichtlich römische Ruinen, wie der Zürcher Heimatschutz in seinem Rekursschreiben festhält. Es brauche deshalb erst mal archäologische Sondierungen, um ein vollständiges Bild dieser Ruinen zu erhalten.
Wie aus dem Nichts tauchten im Frühjahr 2023 weitere entscheidende Akteur:innen im Waldstück auf: Aktivist:innen aus der Klimabewegung, die einen Teil des «Rümi» zwei Wochen lang besetzten, ehe die Kantonspolizei die Räumung mit einem Grossaufgebot durchsetzte. Die Aktion «Wald statt Schutt» sorgte für viel mediale und auch politische Aufmerksamkeit weit über Rümlang und den Bezirk Dielsdorf hinaus. Die Grünen und die Alternative Liste äusserten sich damals unterstützend zur Waldbesetzung. «Ihre Forderungen sind richtig», schreiben sie in einem Communiqué.
Standen bis zur Besetzung durch die Klimaaktivist:innen vor allem der Naturschutz und damit der Wald im Vordergrund, rückt nun auch die Deponie in den Fokus und damit eine Verbindung vom äussersten Stadtrand mitten hinein ins Stadtzentrum Zürichs. «So viel Bauschutt entsteht überhaupt erst, weil in der Stadt ständig Wohnraum zerstört und teurer neu gebaut wird», sagte damals eine Sprecherin der Besetzer:innen (siehe WOZ Nr. 15/23). «Wir kämpfen hier nicht nur um den Erhalt des Waldes, sondern auch gegen Stadtaufwertung.»
Forderung an grünen Baudirektor
Heute fordert das «Wald statt Schutt»-Kollektiv eine Reduzierung der Bauschuttmenge. «Wir fordern ein Abrissmoratorium», schreiben sie in einem Communiqué nach der Urteilsverkündung von Mitte November. «Abrisse bestehender Gebäude sollten nur infolge einer Prüfung auf deren Umwelt- und Sozialverträglichkeit bewilligt werden» – eine Forderung, die sich direkt an den kantonalen Baudirektor richtet: Martin Neukom von den Grünen.
Neukoms Parteikollege Thomas Forrer, Fraktionspräsident der Grünen im Zürcher Kantonsrat, verfolgt die Geschichte rund um das Rümlanger Waldstück seit mehreren Jahren. Für ihn ist es eine «Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass sich Widerstand lohnt» – gerade wenn er aus verschiedenen Richtungen und in unterschiedlichen Formen komme: aus der Gemeinde selbst, von unterschiedlichen Parteien sowie den Naturschutzverbänden und aus der Klimabewegung.
Nachtrag vom 8. Januar 2026: Zweiter Erfolg für Waldbesetzer:innen
Im Frühjahr 2023 dringt eine Hundertschaft Zürcher Kantonspolizist:innen in ein kleines Waldstück der Gemeinde Rümlang neben dem Flughafen Zürich. Sie wollen eine seit zwei Wochen bestehende Besetzung von Klimaaktivist:innen räumen. Mit ihrer Aktion «Wald statt Schutt» wollen diese die geplante Rodung des Areals mit seinen jahrhundertealten Eichen und seltenen Urwaldkäfern verhindern. Denn das Waldstück soll der Vergrösserung einer benachbarten Bauschuttdeponie weichen. Als die Polizist:innen frühmorgens anrücken und die kleine Gruppe von Anwesenden zum Verlassen des Waldes auffordern, weigern sich einige Aktivist:innen und verschanzen sich auf Bäumen. Sie werden schliesslich verhaftet. Die Räumung dauert bis in den frühen Nachmittag.
Die Kantonspolizei Zürich versuchte daraufhin, einen Teil der Kosten für den Räumungseinsatz auf die rund ein Dutzend Besetzer:innen abzuwälzen, insgesamt 22 000 Franken. Eine erste Einsprache gegen die Kostenüberwälzung wies die kantonale Sicherheitsdirektion im Mai 2024 ab. Doch die Aktivist:innen zogen den Fall weiter ans Verwaltungsgericht, und dieses hat kurz vor Weihnachten entschieden, die Beschwerde gutzuheissen: Es fehle die gesetzliche Grundlage.
Mit dem Urteil, das allerdings noch nicht rechtskräftig ist, haben die Waldschützer:innen bereits den zweiten juristischen Sieg innert kurzer Zeit errungen. Mitte November 2025 urteilte das kantonale Baurekursgericht, dass die geplante Erweiterung der Deponie nicht rechtens sei. Unter anderem habe keine ausreichende Interessenabwägung stattgefunden. Somit ist das Waldstück zumindest vorerst gerettet.
Nach einer Änderung des Polizeigesetzes im Kanton Zürich besteht seit dem 1. Januar 2026 allerdings eine gesetzliche Grundlage für eine Kostenüberwälzung bei Polizeieinsätzen (siehe WOZ Nr. 10/24). Eine Einsprache gegen den neuen Gesetzestext ist vor dem Bundesgericht hängig. Es geht um die Frage, ob eine solche Kostenüberwälzung mit den Grundrechten der freien Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit zu vereinbaren ist.