Halbierungsinitiative: Immer noch billiger
Würde die neuste Anti-SRG-Initiative auch dem Schweizer Filmschaffen den Stecker ziehen? Sondierungen an den Solothurner Filmtagen, wo die Kulturverbände für ein Nein am 8. März warben.
Man nennt sie Klassiker: Filme, die nie aus der Zeit fallen, weil sie irgendwie stets aktuell bleiben. Es sind Filme ohne Verfallsdatum, ewige Werte eben. Wobei es nicht jeder Klassiker darauf abgesehen hat, diesen Status zu erlangen.
Wie dieser Schweizer Film aus dem Jahr 2018, der unfreiwillig zum Klassiker geworden ist. Der Schauspieler Martin Rapold kommt darin in eine Bar und bestellt bei Gülsha Adilji ein grosses Bier. Der Mann will seinen Ärger über die Empfangsgebühren herunterspülen, die er gerade bezahlt hat – «hoffentlich zum letzten Mal». Kein Wunder, dass dieses Abstimmungsvideo gegen die No-Billag-Initiative jetzt wieder die Runde macht: Genau acht Jahre später passt es fast eins zu eins auch auf die SRG-Halbierungsinitiative, über die am 8. März abgestimmt wird. Man müsste in der Nachvertonung nur ein paar Details aufdatieren, etwa den Namen der einen oder anderen Sendung, die es heute nicht mehr gibt.
Nicht sein Bier
Was, so ruft nun der Typ mit dem Bier in die Runde, habe die SRG denn je für uns gemacht? «Spielfilme!», ruft ihm da Oscar-Preisträger Xavier Koller an den Kopf, und so geht das dann weiter im Spot von damals, mit Einwürfen von über dreissig prominenten Köpfen aus Kultur, Medien, Sport und Politik. Auch jetzt, im Vorfeld der neusten Anti-SRG-Initiative, haben sich die wichtigsten Kulturverbände geschlossen gegen eine Reduktion der Gebühren auf 200 Franken pro Jahr ausgesprochen, von den Theaterschaffenden bis zur IG Volkskultur. Bei einer gemeinsamen Medienkonferenz im Rahmen der Solothurner Filmtage war neben Patti Basler und den Filmemachern Jean-Stéphane Bron («The Deal») und Pierre Monnard («Wilder») auch der «Alpentainer» Marc Trauffer mit dabei – nicht gerade als Linker bekannt, aber seinerseits auch gross geworden mit kräftiger Hilfe der vielen volkstümelnden Formate des Schweizer Fernsehens SRF.
Finanziell am meisten auf dem Spiel steht dabei für die Filmbranche. Neben der Förderung durch den Bund ist die SRG im Rahmen ihres Kulturauftrags einer der zwei tragenden Pfeiler für die Schweizer Filmwirtschaft. Als wichtigste Koproduzentin des Landes beteiligt sie sich jedes Jahr an unzähligen Filmen und Serien hiesiger Produktionsfirmen – und sichert sich damit Inhalte, um ihre Sendeplätze mit fiktionalen und dokumentarischen Stoffen zu bestücken.
Geregelt ist diese Zusammenarbeit im sogenannten Pacte de l’audiovisuel, den die SRG seit 1996 alle vier Jahre mit den Filmverbänden neu aushandelt. Im aktuellen Abkommen, das noch bis 2027 läuft, sind es jährlich 34 Millionen Franken, die die SRG allein in die Entwicklung und Herstellung von Serien, Spiel- und Dokumentarfilmen investiert – etwas mehr als das Bundesamt für Kultur (BAK). Und wenn nun die Halbierungsinitiative angenommen würde? Wer dazu Ja sage, so erklärte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider in ihrer Rede zur Eröffnung der Solothurner Filmtage, riskiere nicht bloss einen «Riss zwischen den Regionen», sondern auch einen «Filmriss».
Was das konkret bedeutet? Bei der Sektion Film des BAK ist man angehalten, sich nicht zur bevorstehenden Abstimmung zu äussern. Klar ist aber: Bei einer Annahme der Initiative würde der Bund seinen wichtigsten Partner in der Filmförderung verlieren. Mit der SRG bräche ein zentraler Pfeiler der Schweizer Filmförderung weg – oder sähe sich künftig zum Juniorpartner der öffentlichen Förderstellen degradiert. SRG-Direktorin Susanne Wille sagte es schon im Juli 2025 in einem Interview im «Cinébulletin»: «Bei einem Ja zur Halbierungsinitiative könnte die SRG den Pacte de l’audiovisuel nicht mehr verlängern.»
Wille im Camouflage-Modus
Nicht ganz so deutlich äusserte sie sich nun bei der Brancheninformation der SRG in Solothurn. Wille blieb sehr pauschal in ihrer Prognose für den Fall, dass die Halbierungsinitiative angenommen würde: «Eine SRG, wie wir sie heute kennen, gäbe es dann nicht mehr.» Als gebührenfinanziertes Medienhaus dürfe die SRG keine politischen Kampagnen führen, erklärte Wille vor der versammelten Filmbranche im Stadttheater – auch dann nicht, wenn dabei der eigene Auftrag auf dem Spiel stehe. Sie selbst könne deshalb auch nur «im Camouflage-Modus» mobilisieren: «Jede Stimme zählt.»
Auch Sven Wälti, bei der SRG verantwortlich für den Pacte de l’audiovisuel, konnte der Branche nur mittelfristig Entwarnung geben. Für Prognosen zur Zukunft des Pacte sei es viel zu früh, so Wälti im Gespräch mit der WOZ, Garantien könnte man sowieso keine aussprechen. Die entsprechenden Verhandlungen sollen erst in einem Jahr starten. Die laufende Vereinbarung bis 2027 will die SRG aber erfüllen, wie Wälti und seine Chefin in Solothurn bekräftigten.
Das versteht sich nicht von selbst, denn mit dem jüngsten Sparauftrag hat sich die finanzielle Situation der SRG nochmals substanziell verändert. Der Grund dafür ist bekannt: Albert Rösti, als Nationalrat noch im Komitee der Halbierungsinitiative, hat als Bundesrat auf dem Verordnungsweg dafür gesorgt, dass die Radio- und Fernsehgebühren bis 2029 auf 300 Franken pro Jahr gesenkt werden. Bis dahin muss die SRG deshalb ihr Budget um rund siebzehn Prozent reduzieren (siehe WOZ Nr. 7/25). Man kann sich ausrechnen, was es bedeutet, wenn sie das Abkommen mit der Filmbranche bis 2027 nicht antastet: Angesichts der 270 Millionen Franken, die die SRG schon sparen muss, wird sie das Abkommen auch bei einem Nein zur Halbierungsinitiative nicht auf dem heutigen Niveau verlängern können – zumal das Pacte-Budget seit 2015 um die Hälfte gestiegen ist.
Über die seit 2024 geltende Investitionspflicht für kommerzielle Streamingdienste, die mit dem Ja zur sogenannten Lex Netflix eingeführt wurde, liesse sich das zum Teil sogar auffangen. Allerdings haben die fraglichen Konzerne bislang nur zu einem geringen Teil in die Herstellung investiert. Und selbst wenn sich zum Beispiel Netflix im Rahmen der Investitionspflicht als Koproduzent bei «Winter Palace» beteiligte: Der US-Streamingriese stieg erst ein, als die vom Westschweizer Fernsehen RTS entwickelte Serie praktisch drehbereit war.
Ohnehin könne man die Aufgabe der SRG als Koproduzentin nicht mit den Geldern vergleichen, die neuerdings aus der Investitionspflicht fällig werden, gibt Sven Wälti zu bedenken: «Die Streamingdienste sind vor allem an Stoffen für ein internationales Publikum interessiert. Die haben keine regionalen Auflagen wie die SRG, die sie erfüllen müssen, auch nicht bezüglich sprachlicher und kultureller Vielfalt.»
«Huere Siech!»
Die SRG als Garantin dafür, dass die Schweiz weiterhin ihre eigenen Geschichten erzählt bekommt: Das ist ein Mantra, das beim Branchentag auf der Bühne in Solothurn mehrfach zu hören war. BAK-Chefin Carine Bachmann ging gar so weit, dass die Kultur auch in der sicherheitspolitischen Strategie des Bundesrats hätte berücksichtigt werden müssen, weil Kultur doch entscheidend für die Resilienz eines Landes sei. Zurück zur geistigen Landesverteidigung also?
Diese Debatte wäre bei anderer Gelegenheit zu führen. Peter Reichenbach, Produzent von «Hallo Betty», mahnte in Solothurn, dass man auch dann nicht werde aufatmen können, wenn die Halbierungsinitiative scheitern sollte. Denn die Angriffe auf die SRG würden unvermindert weitergehen: «Der Kampf wird am 9. März nicht vorbei sein.»
So bald wird damit auch der No-Billag-Spot mit Martin Rapold nicht veralten. Besonders aufschlussreich ist das Video angesichts der Rechnung, die den Mann so hässig macht: «Huere Siech, 451 Hämmer!» Das war, bevor die Empfangsgebühren mit der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes von 451 auf 365 Franken und später auf die heute geltenden 335 Franken gesenkt wurden. Wenn sie per Dekret von Bundesrat Rösti im Jahr 2029 nur noch 300 Franken betragen werden, heisst das: 33 Prozent Abschlag in rund zehn Jahren.