Irans Zukunft: «Ein Iran ohne Chamenei fühlt sich fast surreal an»
Der Soziologe Nader Talebi befürchtet, dass der Iran auch nach der Ermordung von Ali Chamenei weiterhin autoritär regiert wird. Das habe auch mit der Schwäche der Linken zu tun – im Land selbst wie in der Diaspora.
WOZ: Herr Talebi, Ihre Heimat, der Iran, wird seit Samstag von den USA und Israel bombardiert. Wie ist Ihre persönliche Gefühlslage?
Nader Talebi: Ein syrischer Freund schrieb mir nach dem Tod von Ali Chamenei, er könne sich vorstellen, dass ich jetzt gemischte Gefühle hätte. Genau so ist es. Man fühlt sich machtlos angesichts des Krieges, laute und mächtige Männer bestimmen unser Schicksal. Gleichzeitig erleben wir, wie führende Vertreter des Systems, das uns jahrzehntelang unterdrückt hat, getötet oder gedemütigt werden. Manche empfinden darüber Erleichterung, sogar Freude. Mein Inneres ist ein «Gefühlssalat»: Sorge, Hoffnung, Wut, Erinnerung – alles zugleich.
WOZ: Sie sind in Berlin in Sicherheit, Ihre Familie lebt im Kriegsgebiet. Wie halten Sie die Ungewissheit aus?
Nader Talebi: Nur schwer. Als Soziologe forsche ich zu transnationalen Verbindungen. Heute sind wir digital ständig verbunden. Die derzeitigen Bombardierungen kann ich fast live mitverfolgen. Das verändert die Erfahrung der Exilant:innen. Viele Iraner:innern im Exil leiden – aus Sorge, aus Ohnmacht, manche auch aus Schuldgefühlen, weil sie in Sicherheit sind. Wir führen gewissermassen ein Doppelleben: eines hier, eines dort.
Forschung zur Revolution
Nader Talebi (43) ist Soziologe und forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin zu den Themen Revolution und Migration. Er promovierte zur Iranischen Revolution von 1979. Seit 2015 lebt Talebi in Berlin, da er im Iran nicht frei forschen konnte. «Wie viele stand ich unter Beobachtung und hätte meine Loyalität unter Beweis stellen müssen, um einen Job an der Universität zu finden. Das wollte ich nicht», sagt er.
WOZ: Konnten Sie nach dem Kriegsausbruch mit Ihrer Familie oder Freund:innen sprechen?
Nader Talebi: Am Wochenende erreichte mich meine Mutter kurz über ihren Festnetzanschluss. In meiner Heimatstadt Ahwas im Südwesten gab es schwere Bombardierungen. Das Internet ist meist abgeschaltet. Wenn jemand ins Netz reinkommt, gibt er seine Informationen weiter – die Menschen leben vom informellen Austausch. Sie werden bombardiert, gleichzeitig stecken sie fest. Sie versuchen einfach zu überleben. Für viele ist derzeit Angst das prägende Gefühl.
WOZ: Ayatollah Chamenei lenkte die Islamische Republik 37 Jahre lang als politischer und spiritueller Führer, er führte Krieg gegen die eigene Bevölkerung und die Welt. Ist seine Ermordung das Ende einer Ära?
Nader Talebi: Ich denke schon. Chamenei war seit meiner Kindheit präsent – zuerst als Präsident, dann als Oberster Führer. Es ist geradezu surreal, sich einen Iran ohne ihn vorzustellen. Ich habe miterlebt, wie Menschen im Iran unter grossen Opfern versucht haben, etwas zu verändern, und wie brutal das Regime sie unterdrückt hat. Chamenei hat die Politik jahrzehntelang geprägt. Er verfolgte seine Macht- und Regionalpolitik unabhängig von den Kosten für die Bevölkerung.
WOZ: Bereits 1981 gab es ein Attentat auf Chamenei. Auch mehrere, teils riesige Protestwellen gegen das System scheiterten. Empfinden Sie keine Genugtuung?
Nader Talebi: Nein! In einer idealen Welt hätte ich mir gewünscht, dass er für seine Taten vor Gericht gestellt wird. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt. Dennoch bin ich erleichtert, dass er nicht mehr da ist. Doch das bedeutet nicht, dass nun alles gut wird. Keines der Szenarien, die ich für die Zukunft des Landes sehe, ist wirklich unproblematisch.
WOZ: Militärische Interventionen von aussen sind höchst umstritten und historisch meist gescheitert, zum Beispiel in Afghanistan und im Irak. Wie beurteilen Sie den Angriff der USA und von Israel?
Nader Talebi: Hier bin ich wieder bei meinem Gefühlssalat. Es handelt sich hier um geopolitische Schritte, bei denen Menschenrechte nicht beachtet werden. Natürlich kritisiere ich das Vorgehen von Israel und den USA. Es ist widersprüchlich, wenn Staaten militärisch gegen ein Land mit Atomwaffenplänen vorgehen und dabei selbst nuklear bewaffnet sind. Gleichzeitig darf die Kritik nicht dazu führen, dass man den Widerstand gegen das Regime aufgibt. Letztlich zahlt die Zivilbevölkerung den Preis. Bei einem Raketenbeschuss am Wochenende ist eine Mädchenschule in Minab in der Provinz Hormusgan im Süden des Iran getroffen worden. Mehr als 150 Menschen kamen ums Leben, die meisten davon Kinder. Was haben die mit dem Regime zu tun?
WOZ: US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu zielen gemäss eigenen Verlautbarungen darauf ab, militärisch einen Prozess anzustossen, der innenpolitisch zu einem Sturz des Systems führt. Kann das gelingen?
Nader Talebi: Im Moment sieht es danach aus, dass nach dem Ende der Angriffe weiterhin die alten Machthaber den Iran regieren werden. Möglicherweise kommen noch radikalere Kräfte ans Ruder. Das System ist kein gewöhnliches autoritäres Regime, sondern ein über Jahrzehnte gewachsenes islamistisch-faschistisches Herrschaftssystem. Die Ermordung einiger Personen aus der Führungsriege wird kaum ausreichen, um das Land in Richtung demokratische Transformation zu lenken. Und selbst wenn es einen Regimewechsel gibt, befindet sich das Land immer noch in einer tiefen Krise, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Wir erleben eine umfassende Katastrophe: ökologisch durch riesige Staudammprojekte und eine unkontrollierte Industrialisierung, infrastrukturell im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen. Gleichzeitig fliessen enorme Mittel in Raketenprogramme und das Militär. Es ist das Geld der Bevölkerung und müsste dieser zugute kommen.
WOZ: Welche Szenarien sehen Sie für den Iran?
Nader Talebi: Ich erkenne kein ideales Szenario. Wie gesagt, möglicherweise kommt es zu einer Umgestaltung innerhalb des bestehenden Systems, etwa mit einer noch stärkeren Dominanz der Revolutionsgarden oder der Reformist:innen. Denkbar ist ferner ein schrittweiser Zerfall der staatlichen Systeme in einzelnen Regionen des Landes, etwa in den kurdisch geprägten. Das schlimmste Szenario wäre ein Bürgerkrieg mit konkurrierenden Machtzentren, vergleichbar mit der Entwicklung in Libyen.
WOZ: Gibt es auch etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
Nader Talebi: Dass der Iran in seiner modernen Geschichte zwei Revolutionen erlebt hat, stimmt mich vorsichtig optimistisch. Es existiert ein kollektives Gedächtnis des Widerstands. Während der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung von 2023 habe ich eine bemerkenswerte Solidarität und Fürsorge innerhalb der Gesellschaft beobachtet. Auch bei Naturkatastrophen wie Erdbeben unterstützen sich Menschen über ethnische, regionale und andere Grenzen hinweg. Das gibt mir Hoffnung, dass etwas Neues entstehen könnte – keine Rückkehr zu überkommenen Herrschaftsformen, sondern möglicherweise eine demokratische und solidarische Gesellschaft, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt hat. Ein Übergang aber wird keineswegs einfach sein. Das Land ist wirtschaftlich schwer angeschlagen, die Gesellschaft tief traumatisiert. Für einen friedlichen Übergang bräuchte es etwa ein Referendum oder einen Prozess der Selbstbestimmung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob sich das Regime verändert, sondern wie dieser Wandel gestaltet wird und welche Kräfte dann die Richtung vorgeben.
WOZ: Resa Pahlawi, Sohn des letzten Schahs, bietet sich an, als «neutrale Person» innerhalb der zersplitterten Opposition das Land in die Demokratie zu führen. Ist der seit Jahrzehnten in den USA lebende Pahlawi eine reale politische Option?
Nader Talebi: Er präsentiert sich als liberal und demokratisch, aber sein Umfeld ist deutlich weniger pluralistisch. Ich halte ihn insgesamt nicht für eine tragfähige Figur. Politisch gesehen wächst die Unterstützung für den Kronprinzen bei einigen Gruppen im Iran und auch in der Diaspora – nicht unbedingt, weil alle Monarchist:innen sind, sondern weil viele angesichts der Niederlagen der Vergangenheit einen Wandel von innen oder einen demokratischen Übergang für unmöglich halten. Die brutale Repression – etwa während der jüngsten Proteste im Januar mit Tausenden von Toten – hat viele politisch verzweifeln lassen. Pahlawi ist für die USA und Israel vor allem im geopolitischen Kontext interessant, und seine politischen Pläne sind eng mit ihren militärischen Interventionen verknüpft. Zwar wächst die Unterstützung für ihn, doch insbesondere vonseiten der Progressiven schlägt ihm auch heftiger Widerstand entgegen.
WOZ: Wie steht es um die linke Opposition im Land?
Nader Talebi: Meiner Ansicht nach hat die Linke während der «Frau, Leben, Freiheit»-Dynamik eine historische Chance verpasst. Viele haben die Tragweite dieses Moments nicht erkannt – im Hinblick auf ihr Potenzial, den Iran neu zu denken und sogar darüber hinaus den Nahen Osten.
WOZ: Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Nader Talebi: Ein zentraler Faktor ist das Trauma von 1979. In der linken Erzählung heisst es oft: Wir haben die Revolution gemacht, und am Ende wurde sie von Khomeini gekapert. Heute fürchten viele, dass sich diese Geschichte wiederholen könnte – dass eine neue Bewegung entsteht, die letztlich dem Kronprinzen zugutekommt. Diese Vorstellung einer historischen Wiederholung, stark vom Marxismus geprägt, wirkt bis heute nach – und trägt ironischerweise dazu bei, den Albtraum der Linken der Realität näherzubringen. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass monarchistische Kräfte deutlich besser finanziell ausgestattet sind und insbesondere von ausländischen Medien unterstützt werden. Das hat Teile der Linken in eine defensive Haltung gedrängt. In der Diaspora haben sie dadurch in den vergangenen Jahren deutlich an Einfluss verloren.
WOZ: Und im Iran selbst?
Nader Talebi: Dort existieren weiterhin starke linke Netzwerke, vor allem im gewerkschaftlichen Bereich, etwa unter Lehrer:innen und Arbeiter:innen. Diese Gewerkschaften sind zwar illegal und operieren unter starker Repression, dennoch sind sie gesellschaftlich verankert. Es gibt also nach wie vor Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit einsetzen. Das Problem des linken Widerstands liegt nicht nur in der Repression, die ist im Iran konstant stark, sondern auch in der fehlenden strategischen Bündelung der Kräfte. Interne Konflikte spielen ebenfalls eine Rolle. Als iranische Linke müssen wir selbstkritisch fragen, warum es uns nicht gelungen ist, eine schlagkräftige politische Kraft aufzubauen. Zudem leidet auch die iranische Linke unter der globalen Krise der Linken – sie ist davon nicht isoliert. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Regime selbst als «antiimperialistisch» inszeniert. Und dass die Linke von monarchistischen und regimetreuen Propagandisten ins Visier genommen wird, die die Revolution von 1979 als ein Projekt sowohl der Linken als auch der Mullahs betrachten.
WOZ: Fehlt der Opposition eine Identifikationsfigur?
Nader Talebi: Während die Monarchist:innen mit dem Kronprinzen eine klare Identifikationsfigur haben, müsste eine progressive Führung von unten entstehen – etwa durch eine Koalition verschiedener Kräfte. Möglich wäre, dass sich aus gemeinsamer politischer Arbeit ein Sprecher herausbildet. Es gibt bekannte Persönlichkeiten, etwa ehemalige politische Gefangene, auch in der Diaspora. Doch bislang ist keine einzelne Figur hervorgetreten, die die unterschiedlichen progressiven Strömungen bündeln könnte. Vielleicht braucht die progressive Bewegung statt eines Retters vielmehr bessere Strategien der Zusammenarbeit, die zugleich eine politische Kraft hervorbringen.