26.04.2022

Der moralische Standpunkt ist ein Ort in Russland

Ein Gastbeitrag von Alexander Estis*

Warum funktioniert die Reizvokabel «Faschismus» als stigmatisierende Markierung des Feindes so gut? Der Autor Alexander Estis über ein Paradox, das sich bestens instrumentalisieren lässt. 

Vor vielen Jahren wurde ich von einem russischen Polizisten angehalten, weil ich die Strasse an der falschen Stelle überquert hatte – und das in Moskau, wo Verkehrsregeln in etwa den gleichen Stellenwert besitzen wie moralische Skrupel in den Führungsetagen von Schweizer Banken. Mit mehr oder minder unterschwelligen Drohungen – ich müsse mit aufs Revier – erpresste der Polizist Bestechungsgeld von mir. Und gebot mir dann zum Abschied in einem Ton unhinterfragbarer moralischer Überlegenheit, ich solle die Verkehrsregeln nächstes Mal doch gefälligst beachten.

Diese Episode lässt mich nicht los, während ich über die Mechanismen der russischen Propaganda und die psychischen Eigenheiten Putin-treuer Bürger:innen nachsinne: Es scheint dies für mich eine Art Urszene gewesen zu sein, in der sich mir die klassisch russische Fähigkeit zur Verkehrung des Rechtsverständnisses offenbarte. Darin ist der Wunsch Vater des Gedankens, aber mehr noch das gesetzte Prinzip Vater der Wahrheit. Dem Polizisten könnte es gar nicht einfallen, dass er der eigentliche Straftäter ist – schliesslich ist er Polizist; die Annahme der Bestechung war lediglich ein Akt der Milde gegenüber einem Verkehrssünder.

«Das würden unsere Jungs niemals tun» 

Beim Sprechen über Russland muss man immer bedenken, dass dieses Land auf extreme Weise heterogen ist – und was für den jungen mittelständischen Moskauer das eine bedeutet, kann für die arme Pensionistin in Wladiwostok das genaue Gegenteil heissen. Zumindest für einige Kohorten der russischen Bevölkerung dürfte aber jenes soeben beschriebene Phänomen des formalistischen und scheinhaften Rechtsverständnisses Gültigkeit haben.

In Verbindung mit kollektivistischen und patriotischen Gesinnungen kann diese Denkart einen völlig unerschütterlichen Glauben an die moralische Überlegenheit jeglicher Taten erzeugen, die vom oder für das «Vaterland» vollzogen werden. Als russische Truppen 2008 in Georgien eine militärische Aggression ausübten, sagte mir eine Freundin, ein gutmütiger, aber leichtgläubiger Mensch: «Das stimmt alles nicht. Das würden unsere Jungs niemals tun. Die würden nie anfangen.»

Auf eine sehr verquere Weise traf dies sogar zu, denn Russland wandte schon damals genau die gleichen Taktiken an, die später in der Ukraine zum Einsatz kommen sollten: Provokationen, Übergriffe unter falscher Flagge, Desinformationskampagnen über einen vermeintlichen Genozid an kurz zuvor eigens eingebürgerten Russ:innen; wenn das russische Militär dann durchgriff, handelte es sich lediglich um «Verteidigungs- oder Vergeltungsaktionen». Eine solche Interpretation des Geschehens liess und lässt sich bestens verkaufen – zumal gegenüber Menschen, die von der naturgegebenen Güte aller russischen Mitbürger:innen überzeugt sind.

Ein starres Koordinatensystem 

Dies ist ferner einer der Gründe, weshalb die Reizvokabel «Faschismus» als stigmatisierende Markierung des Feindes so gut funktioniert: Sie bekräftigt das Narrativ von den Russen als antifaschistische Befreier. Der Sieg über den Faschismus im sogenannten Grossen Vaterländischen Krieg bildete ein konstitutives Merkmal der sowjetischen Identität. Auf dem Weg einer magischen translatio imperii wurde in der putinistischen Ideologie die Lizenz zur Faschismusbekämpfung von der multinationalen Roten Armee der Sowjetunion – die sich selbstverständlich aus einer enormen Vielheit von Ethnien rekrutierte, zumal auch aus Ukrainern – unmittelbar auf das nationale Militär des postsowjetischen, neuimperialistischen Russland übertragen.

Wenn daher die russische Führung behauptet, in der Ukraine gegen den Faschismus zu kämpfen, mobilisiert sie ein gewaltiges identifikatorisches Potenzial – und erhebt die eigenen Streitkräfte in den Status einer über jeglichen Makel erhabenen Heroik.

Dass der demokratisch gewählte Präsident der vermeintlich nazistischen Ukraine selbst Jude ist, während Russland zu einem immer offeneren faschistischen Regime transformiert erscheint, stellt für diese Auffassung kein Hindernis dar, sondern bietet umgekehrt ein ideologisch hervorragend instrumentalisierbares Paradox: Auf diese Weise nämlich kann der immer schon mehr oder minder untergründig schwelende russische Antisemitismus in scheinbaren Antifaschismus verwandelt und der grossrussische Chauvinismus als Pathos des solidarischen Befreiungskampfs inszeniert werden.

Jene Nation, die den Faschismus besiegt hat, kann für gewisse Bevölkerungsgruppen Russlands a priori nicht faschistisch sein. Das Koordinatensystem dieses russischen Moralismus ist derart starr, dass sich die Welt ihm gemäss zu krümmen hat; vom moralischen Standpunkt aus gesehen, ist Russland immer überlegen – denn der moralische Standpunkt ist ein Ort in Russland. 

* Alexander Estis, 1986 in Moskau geboren, lebt als freier Autor in Aarau. Letztes Jahr erschien von ihm das «Handwörterbuch der russischen Seele». Für den WOZ-Blog zum Krieg gegen die Ukraine hat er bereits ein Psychogramm von Wladmir Putin verfasst und über die Ausladung russischer Künstler:innen geschrieben. Mehr Infos auf www.estis.ch.