Wirtschaftspolitik: Jetzt gehört die Firma den Angestellten
Wirtschaftsdemokratie ist eine alte Forderung von links. In Slowenien soll sie umgesetzt werden – weil vielen Unternehmen die Nachfolger:innen fehlen.
Das Zeichen des Triumphs ist kein Pokal, keine Urkunde. Es ist ein ausgewaschener türkisgrüner Pullover, aufgehängt an einem Kleiderbügel vor einem Whiteboard im ersten Stock eines Bürotrakts am Stadtrand von Ljubljana. Darauf die krakeligen Unterschriften der Mitarbeiter:innen, gross hat jemand eine Zahl notiert: 50,04. «Wir haben um die Zukunft von Inea gebangt», sagt Ljubiša Kitić, Ingenieur beim slowenischen Technologieunternehmen. «Am Ende haben wir ganz knapp gewonnen.» Gewonnen heisst in diesem Fall: Die Firma soll von ihren bisherigen Eigentümer:innen in den Besitz der Belegschaft übergehen. Ein Buy-out – aber nicht durch Investor:innen, sondern durch die Angestellten selbst. Ein Modell, das in Europa bislang selten ist. Und das in Slowenien bald Schule machen könnte.
Denn am 1. Januar ist dort ein EU-weit bislang einzigartiges Gesetz in Kraft getreten: das sogenannte European ESOP. ESOP steht für Employee Stock Ownership Plan – einen Plan für Anteileignerschaft der Angestellten. Das Modell existiert in den USA und Grossbritannien seit Jahrzehnten – und soll nun in Slowenien eine Antwort auf eine der drängendsten wirtschaftlichen Fragen liefern: die Nachfolgekrise der KMUs. Untersuchungen der Universität Ljubljana zeigen, dass in den kommenden zehn Jahren zwischen 10 und 35 Prozent der privat geführten Unternehmen vor einem Eigentümer:innenwechsel stehen. Gleichzeitig sind weniger als zehn Prozent der potenziellen Nachfolger:innen bereit, den Betrieb zu übernehmen. In der Schweiz wird die Hälfte aller Unternehmen in der Familie weitergegeben – aber auch hierzulande ist bei mehr als 90 000 KMUs die Nachfolge nicht geregelt.
«Amerikanische Fonds, chinesische Konzerne – globales Kapital wartet darauf, europäische Unternehmen aufzukaufen», sagt der slowenische Ökonom Tej Gonza. Die Frage nach wirtschaftlicher und politischer Souveränität stelle sich dabei nicht nur aus makroökonomischer Perspektive, sagt Peter Kosin, CEO von Inea. Sie betreffe ganz konkret die Menschen, die in diesen Firmen arbeiteten – und Sicherheit suchten. «Wenn Unternehmen an ausländische Investoren verkauft werden, sehen wir oft das gleiche Muster», so Kosin. «Beim ersten Anzeichen von Problemen ziehen sie ihr Kapital ab. Zurück bleibt eine insolvente Firma.» Lange habe auch er gedacht, das sei alternativlos.
Motivation dank Beteiligung
Es ist Anfang Dezember. Über dem Industriepark am Rand der slowenischen Hauptstadt hängen tiefe, nasse Wolken. Dicht an dicht stehen graue Quader, in denen Firmen untergebracht sind. In einem hat Inea seinen Sitz. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein stinknormales Techunternehmen, wie es in Slowenien Dutzende gibt. Zur Firma gehört eine kleine Produktionshalle, daneben stehen drei Stockwerke mit Büros. Hinter Schreibtischen entwickeln Ingenieur:innen Steuerungssysteme für Industrieanlagen – Hochtechnologie made in Slovenia. Im zweiten Stock sitzt Peter Kosin.
Wie viele slowenische Unternehmen sei auch Inea 1991, nach dem Zerfall Jugoslawiens, privatisiert worden, sagt Kosin. Der Unterschied: Die Anteile gingen nicht an externe Investor:innen, sondern an die Mitarbeiter:innen selbst. Auch Kosin kaufte sich ein, als er 1994 in die Firma kam. Nach der Finanzkrise 2008 wurde er CEO. Und langsam begann das Eigentumsmodell zu erodieren. «Ab 2017 merkten wir, dass immer mehr der ursprünglichen Eigentümer in Rente gingen oder ausstiegen», sagt Kosin. Mit den Eigentümer:innen verliessen auch ihre Anteile das Unternehmen.
Ab 2018 führte das zu ersten Konflikten. Die Geschäftsführung wollte investieren: neue Gebäude, neue Produktionslinien, langfristig und teuer. «Aber der Widerstand war enorm», sagt Kosin. Viele Eigentümer:innen wollten verkaufen, Gewinne realisieren. «Das ist legitim. Aber dem Unternehmen hätte es massiv geschadet.» Kosin suchte nach Alternativen. In einer der Diskussionen fiel der Begriff ESOP, den er nicht kannte. In den USA funktioniert es so: Über einen Treuhandfonds werden Unternehmensanteile gekauft – schrittweise finanziert durch die jährlichen Unternehmensgewinne. Die Angestellten müssen kein eigenes Kapital aufbringen; das Unternehmen kauft sich gewissermassen selbst. Alle Mitarbeiter:innen können Begünstigte des Trusts werden – und ihren Anteil bei Rentenantritt ausgezahlt bekommen.
Bis heute ist der ESOP eine von wenigen Ideen, die sowohl von der Republikanischen als auch von der Demokratischen Partei unterstützt werden. Selbst die Investmentbank J.P. Morgan stellte fest, dass der Plan positive betriebswirtschaftliche Effekte hat: ESOP-Firmen haben im Schnitt zehn Prozent höhere Gewinnmargen. Denn sind Mitarbeiter:innen selbst Eigentümer:innen, identifizieren sie sich deutlich stärker mit dem Unternehmen. Sie melden sich weniger oft krank und kündigen seltener als durchschnittliche Angestellte. Dass Peter Kosin bald von diesem Modell überzeugt war, hatte nicht allein mit diesen Zahlen, sondern vor allem mit dem Institut für Wirtschaftsdemokratie zu tun, einem kleinen Thinktank in Ljubljana.
Und die WOZ?
Die WOZ hat die Unternehmensdemokratie verwirklicht: Sie ist eine Genossenschaft, die ihren Mitarbeiter:innen gehört – bereits seit 1981. Alle, von der Redaktion über das Korrektorat bis zur Aboverwaltung, verdienen gleich viel. Statt Lohnerhöhungen gibt es für ältere und langjährige Angestellte mehr Ferien. Intern strukturiert sich die WOZ durch Abteilungen, die Redaktion zusätzlich durch Ressorts, es gibt Gremien wie Redaktions- und Personalleitung. Das Plenum der Genossenschaft entscheidet jedoch über alles, was den ganzen Betrieb betrifft. Mit rund 60 Angestellten, die sich knapp 36 Vollzeitstellen teilen, ist die WOZ mit Abstand der grösste selbstverwaltete Betrieb der Schweiz.
Seit dem Aufbruch von 1968 sind in der Schweiz viele selbstverwaltete Firmen und Projekte entstanden, etwa in Handwerk, Gastronomie und Landwirtschaft; viele sind auch wieder verschwunden. Immer wieder gab es Versuche, solche Betriebe zu vernetzen. In den nuller Jahren fanden verschiedene Veranstaltungen dazu statt, zuletzt war leider wieder wenig los.
«Inea hat uns den Arsch gerettet – und wir ihren», sagt Tej Gonza, Direktor des Instituts. Der 34-Jährige trägt einen schwarzen Vollbart und einen grossen schwarzen Kapuzenpullover. Er sitzt hinter einem Schreibtisch in einem gläsernen Büro im Stadtzentrum von Ljubljana, das das Institut kostenlos nutzen darf. «Da unten ist die slowenische Börse», sagt er und deutet aus dem Fenster. «Es ist gut, sein Ziel im Auge zu behalten.» Er grinst.
Gonzas Ziel ist die Demokratisierung der Wirtschaft. Ihm geht es darum, Eigentum an Unternehmen nicht länger als handelbare Ware zu begreifen, sondern als Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. «Wer in einem Betrieb arbeitet, sollte dort auch gleichberechtigt an grundlegenden Entscheidungen beteiligt sein», sagt er. Unternehmen seien Macht- und Entscheidungsräume – also müsse Macht auch hier wie in der Politik demokratisch legitimiert werden. Zugleich sollten diejenigen, die die Arbeit leisteten, auch gemeinsam über das verfügen, was sie erwirtschafteten. Deshalb hätten er und einige Studienfreunde 2016 begonnen, über Alternativen nachzudenken. «Man kann das per Revolution lösen», sagt Gonza, «oder per Gesetzgebung.» Sie entschieden sich für Letzteres. Als Vorlage diente das ESOP-Modell.
Der Showdown
Das Problem aus Gonzas Sicht: Auch dort, wo Beschäftigte Eigentümer:innen werden, haben sie oft kaum Mitspracherechte. Also entwickelten er und sein Team eine slowenische Variante – mit einem entscheidenden Unterschied: Anders als beim angloamerikanischen Vorbild wird eine Mitarbeiter:innengenossenschaft die neue rechtliche Eigentümerin der aufgekauften Firma. Im slowenischen ESOP sollen die Angestellten also nicht nur finanziell, sondern auch an Entscheidungen beteiligt werden. Mitglied wird, wer in der Firma arbeitet – wer kündigt, scheidet aus.
Der Vorteil dieses Modells: Anders als beispielsweise bei der spanischen Genossenschaft Mondragón müssen die Arbeiter:innen ihre Kooperative nicht mit eigenem Kapital gründen. Stattdessen kaufen sie eine bestehende Firma – und zwar mit den Unternehmensgewinnen. «So wird das finanzierbar, juristisch einfach – und demokratisch», sagt Gonza. Inea sollte zum Vorzeigemodell werden, zum Pilotprojekt einer Vision. Doch 2020 drohte das Vorhaben zu scheitern.
Im Frühjahr, mitten in der Coronakrise, kommt es bei Inea zum Showdown. Peter Kosin stellt seinen Plan vor, das Unternehmen schrittweise in ein ESOP-Modell zu überführen. Während viele Beschäftigte die Idee unterstützen, reagieren die Eigentümer:innen skeptisch. Einige wollen den CEO absetzen. «Viele Eigentümer glaubten, sie würden weniger Geld bekommen», sagt der Ingenieur Ljubiša Kitić, heute Anfang dreissig, Vater von zwei kleinen Kindern. «Das stimmte nicht.» 2020 arbeitet er seit sieben Jahren bei Inea. Gemeinsam mit seinen Kollegen initiiert er einen Streik, der über mehrere Wochen andauert. «Wir wollten zeigen: Das Kapital dieses Unternehmens sind wir», sagt Kitić. «Ohne uns ist es eine leere Hülle.» Das zeigt Wirkung: Am Ende gewinnt Kosin mit 50,04 Prozent. «Unser Kollege hat damals den Pullover ausgezogen, den er während der ganzen Verhandlungen getragen hatte», sagt Kitić. «Wir haben alle darauf unterschrieben.»
Inzwischen haben die Beschäftigten von Inea eine Genossenschaft gegründet. Mitglied werden können alle, die seit mindestens einem Jahr im Unternehmen arbeiten – für hundert Euro. Zwar gibt es noch immer ein professionelles Management, und Peter Kosin bleibt CEO. Doch wenn es um richtungsweisende Zukunftsentscheidungen der Firma geht, sind nun auch die Beschäftigten stimmberechtigt. Ein Verkauf von Inea ist nur möglich, wenn mindestens 85 Prozent der Belegschaft zustimmen.
«Die grösste Veränderung ist eine psychologische, keine operative», sagt Sasa Muherić. Sie ist kaufmännische Leiterin und arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren bei Inea. Am täglichen Geschäft habe sich wenig geändert: «Aber unsere Perspektive ist langfristiger geworden.» Auch wenn es um die Sicherheit der Arbeitsplätze geht. «Es fühlt sich nicht so an, als wären wir für immer abgesichert – das wäre unrealistisch», sagt sie. «Aber es fühlt sich so an, als hätten wir mehr Einfluss auf unsere eigene Zukunft.»
Dabei gehört der Genossenschaft bei Inea im Moment noch weniger als ein Prozent des Unternehmens. Bis dato war es schwer, an Bankkredite zu gelangen, die den Übergang hätten beschleunigen können. Das könnte sich nun ändern. Das neue Gesetz, das die Mitte-Links-Regierungskoalition verabschiedet hat, schafft gezielte Anreize für Mitarbeiter:innenübernahmen: niedrigere Kapitalertragssteuern für verkaufende Eigentümer:innen, steuerfreie Gewinnübertragungen an Genossenschaften. Zudem ist es der Regierung gelungen, unter anderem die Europäische Investmentbank als potenzielle Kreditgeberin für die Worker-Buy-outs zu gewinnen.
Eine Antwort auf die Krise?
Dass selbst zutiefst neoliberale Institutionen wie EU-Kommission und Europäische Investmentbank den ESOP unterstützen, dürfte an der aktuellen Krise liegen. Insbesondere in der Industrie gehen derzeit viele Arbeitsplätze verloren. Viele KMUs, die keine Nachfolger:innen finden, werden von Investmentfonds aus den USA aufgekauft und oftmals geschlossen. ESOP ist eine Möglichkeit, mit den KMUs das Rückgrat der heimischen Wirtschaft zu retten.
Wie sieht das der Ökonom Tej Gonza, der eigentlich angetreten ist, die kapitalistische Marktwirtschaft von Grund auf umzukrempeln? «Kapitalismus bedeutet, Menschen zu mieten. Und indem man sie mietet, eignet man sich ihr Recht auf Selbstbestimmung und auf das Produkt ihrer Arbeit an», sagt er. «Wenn Beschäftigte ein Unternehmen demokratisch führen und Eigentümer des Produkts ihrer Arbeit sind, dann sind sie keine Kapitalisten.»
Wenn das slowenische Gesetz Wirkung zeigt und bald mehrere Unternehmen dem Beispiel von Inea folgen, könnte das das bestehende Wirtschaftssystem allmählich untergraben, glaubt Gonza. «Stellen wir uns eine Ökonomie vor, in der alle Unternehmen demokratisch organisiert sind und jeweils denjenigen gehören, die dort arbeiten – solange sie dort arbeiten. Das wäre immer noch eine Marktwirtschaft», sagt Gonza. «Aber keine kapitalistische, sondern – ich würde sagen – eine demokratische Marktwirtschaft.»