Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Luxuriöse Uhren, schäbige Methoden

Die Uhrenfirma Franck Muller hat im vergangenen halben Jahr drei Viertel ihrer Angestellten entlassen.

Aufgezeichnet von Helen Brügger

Genthod – einst Sommerresidenz der Genfer Patrizier am See. Alte Villen in verwunschenen Gärten prägen das Bild. In der Luxusuhrenfirma Franck Muller ist nicht viel los: Mitte Juli bis Mitte August sind die berühmten «Uhrmacherferien».

Gilbert Baillard (Name von der Redaktion geändert) hingegen hat keine Ferien – er wurde von der Firma, in der er lange Jahre als Mechanikfachmann Uhren entwickelt hatte, entlassen. Wir treffen uns im Park gleich hinter dem Friedhof. Alle zehn Minuten donnert ein Flugzeug über unsere Köpfe.

Wehmütig erinnert sich Baillard an den Firmengründer und früheren Patron der Firma, Franck Muller. Nie habe er einen entspannteren Chef gehabt, selbst beim Anstellungsgespräch sei er in Socken durch den Raum gegangen.

Gilbert Baillard hat sich das Vertrauen seiner Vorgesetzten erarbeitet. Er zeigte sich offen für alles. Selbst in seiner Freizeit wurden ihm Aufgaben übertragen. Atteste bezeugen, dass er zur vollen Zufriedenheit aller tätig gewesen sei.

Bis 2004 bestimmten der Uhrmacher Franck Muller und der Financier Vartan Sirmakes gemeinsam die Geschicke der Edelmarke. Ein Streit zwischen den beiden endete mit einem Vergleich, seither leitet Sirmakes den Betrieb allein. Gestritten wurde um die industrielle Strategie – «niemand weiss genau, welche Strategie Sirmakes verfolgt», meint Baillard. Aber es sei wie in der Fabel von La Fontaine – die Geschichte vom Frosch, der sich für einen Ochsen hält und sich so lange aufbläht, bis er explodiert. Zu diesem Aufblähen, denkt Baillard, habe auch gehört, dass Sirmakes neben der Marke Franck Muller weitere Marken entwickelte und an mehreren Orten Land und Liegenschaften hinzukaufte. «Das alles muss Millionen gekostet haben.»

Wie auch immer: In den letzten Jahren kippte die Stimmung, immer weniger passte der Führungsstil zur dezenten Eleganz, die der Firmensitz im grossbürgerlichen Herrschaftshaus ausstrahlt. Kolleginnen und Kollegen klagten vor Gericht wegen sexueller und psychischer Belästigungen. Schliesslich demonstrierte eine Handvoll MitarbeiterInnen vor der Firma. Gilbert Baillard war dabei: «Wir haben nicht gegen die Firma demonstriert, auch nicht gegen den Patron», rechtfertigt er sich. Der Protest habe sich allein gegen die wiederholten Belästigungen von Kolleginnen durch einige Kaderleute gerichtet. Und gegen die Tatsache, dass Sirmakes die Übergriffe toleriert und sogar noch belohnt habe, indem er die Fehlbaren die Karriereleiter hinaufbeförderte.

Wenige Monate später, im Dezember 2008, wurde Baillard entlassen, zusammen mit praktisch allen Kolleginnen und Kollegen, die an der Demonstration teilgenommen hatten. «Dabei haben wir uns doch alle geduzt», sagt er, «sogar den Patron.»

Zu den vierzig Entlassungen vom Dezember 2008 kamen hundert weitere im April, danach nochmals 200 im Juni – heute verbleibt nur noch rund ein Viertel der früheren Angestellten im Betrieb. Im April hätten Angestellte den Auftrag erhalten, Uhrgehäuse aus Gold einzuschmelzen, um die Löhne zu bezahlen; 80 000 Luxusuhren lägen auf der Halde, schreibt die Gewerkschaft Unia. Baillard sagt: «Im Rückblick ist mir klar, dass man zuerst die Leute entlassen hat, die sich gewehrt hätten.»

Nun bekommen die Gerichte zu tun. Klagen wegen missbräuchlicher Kündigung von Angestellten und eine Klage der Gewerkschaft wegen Verletzung des Gesamtarbeitsvertrags sind hängig. Zulieferbetriebe warten auf die Begleichung ihrer Rechnungen. Der vom Betrieb vorgesehene Sozialplan ist schäbig. Der Kanton Genf hat auf die Hälfte der ausstehenden Steuern, 250 Millionen Franken, verzichtet. «Ein Sozialplan, der diesen Namen verdient, würde fünfmal weniger kosten», rechnet Baillard.

Die Gewerkschaft fürchtet, Sirmakes steuere auf einen Konkurs zu, um das Unternehmen anschliessend selbst billig zu kaufen oder mithilfe eines Familienmitglieds in die Hand zu kriegen. Gilbert Baillard mag darüber nicht spekulieren. Er trauert der Firma nach, bei der er «eine fantastische Zeit» erlebt hat. Bei einer Demonstration, die vor einem Franck-Muller-Geschäft in der Genfer Innerstadt vorbeiführte, stimmte er nicht in das Pfeifkonzert der Demonstrierenden ein. «Ich habe viel zu viel Respekt vor dem Namen Franck Muller.»

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