Die Krise in der Kantine (5) : «Da tickt eine soziale Zeitbombe»

Nr. 11 -

Die Ersten, die die Krise spüren, sind die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Die WOZ hat einen gestandenen RAV-Berater getroffen.


Im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Dietikon gibt es für die rund zwanzig MitarbeiterInnen keine Kantine, aber einen Aufenthaltsraum mit Stehtischchen und Kaffeautomaten. Dietikon gehört noch fast zur Stadt Zürich, hier im Limmattal stehen zahlreiche Industriebetriebe, hier leben die einfachen BüezerInnen. Im letzten Jahr wies die Region Dietikon mit 3,3 Prozent die höchste Arbeitslosenquote des Kantons Zürich auf. Martin Uebelhart lernte einst Schriftsetzer, arbeitete einige Jahre beim Zürcher Gewerkschaftsbund, war selber mal vier Monate arbeitslos, seit dreizehn Jahren arbeitet er als RAV-Personalberater, seit sieben Jahren in Dietikon.

«Wir sind wie Seismografen - wir sind die Ersten, die merken: Da tut sich etwas», sagt Martin Uebelhart. Mitte letzten Jahres hätten sie bereits gespürt, dass etwas in Bewegung komme, aber wann genau die Krise begonnen hat, kann Uebelhart nicht sagen: «Das ist schwer fassbar, man sieht nur: Ah, da gibt es Entlassungen, dort einen Konkurs.» In den vergangenen Jahren kamen pro Monat etwa 200 neue Stellensuchende zum RAV Dietikon. Seit September ziehen die Zahlen an, inzwischen sind es im Monat über 300 Neuanmeldungen, in der ersten Februarhälfte waren es bereits über 200.

Aggressiver seien die Leute nicht geworden, das könne er nicht sagen. Wenn jemand ausser sich gerate, werde das Gespräch eh abgebrochen und ein neuer Termin vereinbart. «Doch die Angst hat zugenommen. Vor allem Ältere, die schon länger arbeitslos sind, fürchten, dass es noch viel schwieriger wird, einen Job zu finden.» Da erlebe man schon gestandene Männer, die plötzlich zu weinen beginnen würden. Und die, die sich bislang geschickt durchgeschlängelt hätten und glaubten, sie würden jederzeit etwas finden, wenn sie sich bemühten: «Für die kam das schreckliche Erwachen, plötzlich merken sie, dass sie nicht so locker eine Stelle finden, plötzlich nimmt der Druck von allen Seiten zu.»

Uebelhart berät vor allem Leute aus dem Gastgewerbe. Eine raue Branche, in der es die Angestellten auch ohne Krise schon schwer hatten. Heute stünden praktisch keine Vollzeitstellen mehr zur Verfügung, konstatiert Martin Uebelhart: «Sehr viele sind im ewigen Zwischenverdienst. Sie haben zum Beispiel einen Fünfzigprozentjob, davon können sie aber nicht leben. Und weil sie kein grösseres Pensum finden, zahlt die Arbeitslosenkasse die Differenz. Das kann jahrelang so gehen, bis sie irgendwann bei der Fürsorge landen.» Zum Teil frage er sich, wie Menschen mit dem wenigen Geld überlebten, vierköpfige Familien mit 3000 Franken und weniger auskommen könnten: «Da tickt eine soziale Zeitbombe.»

Schwierig laufe es auch im Baugewerbe, die Bauarbeiter würden immer öfter nur noch für eine bestimmte Baustelle angestellt: «So haben sie einige Monate Arbeit und sind danach wieder ein bis zwei Monate bei uns.» Arbeit auf Abruf - praktisch für die Bauunternehmer. Und die Arbeitslosenversicherung hat dafür zu sorgen, dass die Arbeiter und ihre Familien in der Zwischenzeit nicht untergehen.

Und was meint man im RAV Dietikon zum Vorstoss von Otto Ineichen? Der FDP-Nationalrat verlangte kürzlich, angesichts der aufziehenden Krise sollten die RAVs nicht ausgebaut, sondern die Arbeitsvermittlung vermehrt privaten Firmen überlassen werden. Uebelhart schmunzelt und sagt, er glaube, Herr Ineichen wisse nicht genau, wie RAVs arbeiteten. «Wir sind das Vollzugsorgan des Gesetzes. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Leute möglichst schnell wieder eine Stelle haben. Im Gegensatz zu den privaten Stellenvermittlern lehnen wir niemanden ab, auch wenn er kaum zu vermitteln ist.» Auch seien sie nicht auf Vermittlungsgebühren angewiesen, deshalb bestehe kein Konkurrenzverhältnis zu den privaten Arbeitsvermittlern, im Gegenteil: «Wir arbeiten bereits intensiv mit ihnen zusammen.» Die privaten Vermittler könnten sogar - je nach Wunsch und Bedürfnis der Arbeitslosen - direkt und gezielt Stellensuchende kontaktieren.

«Wie es weitergeht? Keine Ahnung», sagt Uebelhart, «niemand wagt eine Prognose. Aber wir sind auch für den Worst Case gerüstet.» Der schlimmste Fall wäre, wenn pro Monat statt 200 plötzlich 400 bis 450 neue Arbeitslose betreut werden müssten; «wenn das passiert, läuft etwas wirklich ganz schief».