Der Obama-Kult : «Leben Sie auf einem Vulkan?»

Nr.  6 –

Am Ende seiner ersten Amtszeit ist US-Präsident Barack Obama vom Volk enttäuscht – und das Volk von ihm. Das gehört zu diesem Job, der vor allem auch symbolisch überladen ist.

Unter anderem ist jeder US-Präsident auch Briefkastenonkel der Nation. Anders als seine Vorgänger geht Barack Obama diese Aufgabe äusserst rational und systematisch an. Mehrere Zehntausend E-Mails, Briefe und Faxe erhält er jeden Tag. Die werden erst maschinell auf Sicherheitsrisiken überprüft und dann in mehr als siebzig Kategorien vorsortiert, bevor sich Dutzende von hauptberuflichen KorrespondentInnen und Hunderte von unbezahlten MitarbeiterInnen an die Beantwortung der Schreiben machen.

Obama erhält nur wenig Fanpost. Meist schildern die Leute Probleme im Berufsleben oder mit der Gesundheit, klagen über anstehende Zwangsenteignungen und dysfunktionale Schulen. Oder sie schimpfen ganz einfach auf ihr Regierungsoberhaupt, «dieses kenianische sozialistische Arschloch». Auch für diesen Fall gibt es einen thematisch passenden, von Obama bereits unterschriebenen Formbrief, den die HelferInnen kommentarlos ins Antwortcouvert stecken.

Vielleicht ein Zeichen

Zehn repräsentativ ausgewählte Briefe aus dem Volk werden dem Präsidenten jeden Abend zusammen mit den politischen Briefings in einer purpurfarbenen Mappe dargereicht. Das erzählt jedenfalls Eli Saslow, Journalist bei der «Washington Post», in seinem neuen Buch «Ten Letters. The Stories Americans Tell Their President». Im Frühjahr 2010 las Barack Obama zum Beispiel die neugierigen Fragen einer Kindergartenklasse aus Virginia. «Was tun Sie eigentlich?», wollte ein Kind wissen, «arbeiten Sie viel?» Ein anderes erkundigte sich: «Leben Sie auf einem Vulkan?» Der Brief endete mit der Frage: «Sind die Leute nett zu Ihnen?»

Viele Leute waren damals, nach Verabschiedung von Obamas Gesundheitsreform, alles andere als nett und bezeichneten den amtierenden Präsidenten als «Nazi» und als «Nigger». Ein etwas gemässigterer Republikaner, ein Lehrer aus Texas, tat seinen Unmut ebenfalls in einem wütenden Brief an den Präsidenten kund. Als er entgegen aller Erwartung eine handgeschriebene Antwort von Barack Obama erhielt, hängte er das Dokument voller Besitzerstolz in seinem Schulzimmer auf. Ähnlich reagieren die meisten EmpfängerInnen von präsidentieller Post. Eine alleinerziehende Mutter aus Michigan, die soeben den Job und die Krankenversicherung verloren hat und vor dem Konkurs steht, sagt: «Vielleicht ist das ein Zeichen.» Und sie fasst wieder Mut.

Manche der von Obama angeschriebenen BürgerInnen entscheiden sich angesichts ihrer miesen finanziellen Lage allerdings dann doch dazu, die Originalantwort des Präsidenten an den Meistbietenden zu verkaufen. Ein handgeschriebenes Dokument von Barack Obama bringt immerhin mehrere Tausend Dollar ein. Denn die meisten US-AmerikanerInnen lieben den ganzen Pomp um ihren ungekrönten König. Noch die erbittertsten politischen Gegner lassen sich ganz gerne mit dem Präsidenten der USA ablichten und baden für einen Moment in dessen weihevoller Prominenz.

Da eine direkte Begegnung mit dem Staatsoberhaupt nur wenigen Menschen in den USA vergönnt ist, gibt es für die Begegnung von Plebs und «Potus» (President of the United States) auch demokratischere – sprich billigere – Varianten. Wer seinen Besuch in Washington DC Monate im Voraus plant, kann sich für einen geführten Rundgang im Weissen Haus anmelden. Man streift durch die historischen Räume, und wenn es der aktuellen First Lady gerade gefällt, begrüsst sie die BesucherInnen schon mal persönlich.

Oder noch günstiger und spontaner: Man geht in den nahe gelegenen White House Gift Shop. Dort gibt es ein nachgestelltes Oval Office. Wer fünf Dollar zahlt, darf sich in Präsidentenpose fotografieren lassen. Beim Einkauf von weiteren Souvenirs ist das Fotografieren sogar gratis, also los: Da gibt es das Weisse Haus als dreidimensionales Puzzle sowie den Präsidenten oder seine Gattin als «Bobbleheads» (Wackelkopffiguren). Wie wärs mit einem flauschigen Bademantel samt Schlappen mit präsidentiellem Siegel? Als Mitbringsel vielleicht ein Kinder-T-Shirt mit dem Aufdruck «Future President»? Die gibts – im Gegensatz zur politischen Realität – sogar genderspezifisch: in Rosa oder Grau. Gut verkaufen sich auch das Barack-Obama-Schnapsglas und die Michelle-Obama-Weihnachtskugel. Das Angebot erinnert an das britische Königshaus und die besten Zeiten von Lady Di. Mit einem kleinen Unterschied: In den USA wird die Michelle-Obama-Anziehpuppe nicht als tolle Märchenprinzessin, sondern als Freiheitsstatue mit brennender Fackel präsentiert. Da steht sie denn mit erhobenem Arm und verkündet via Sprechblase: «Du wählst die Garderobe, du wählst die Accessoires! Das ist Demokratie in Aktion!!»

Der Wackelkopfpräsident

Offenbar würden die US-AmerikanerInnen am liebsten auch die Garderobe der realen First Lady Stück für Stück selbst zusammensetzen. Selbst sogenannt seriöse Medien und ansonsten politisch denkende Menschen beschäftigten sich nach der Wahl der Obamas aufs Ausführlichste mit dem Erscheinungsbild der Präsidentenfamilie. Das ist verständlich, schliesslich waren die neuen BewohnerInnen des Weissen Hauses auffallend attraktiv, auffallend jung und auffallend schwarz.

Das Problem war, dass die selbst ernannten Stilpäpste und -päpstinnen gar nicht wussten, was sie von den Obamas eigentlich wollten. Glamouröse Lichtgestalten, die dem Land alle Ehre antun und die das negative Stereotyp der «armen Afroamerikaner» durchbrechen? Oder doch eher unauffällig angezogene BürgerInnen wie du und ich, die mit dem Kleid von der Stange das Mitleiden in der Wirtschaftskrise andeuten? Das Publikum schwankte zwischen den Extremen hin und her, und insbesondere Michelle wurde einmal als «moderne Marie-Antoinette» und dann wieder als «ordinär» abgekanzelt.

Hohepriester der Nation

Das Dilemma ist alt und betrifft natürlich nicht bloss die First Ladies. Dem allerersten US-Präsidenten, George Washington, soll damals, kurz nach der Unabhängigkeit von der britischen Krone, eine amerikanische Krone angetragen worden sein. Nur so liessen sich die neu zusammengeschlossenen Kolonien zusammenhalten, meinten die Berater. Washington wollte aber kein Zepter und keinen Palast, sondern eine repräsentative Demokratie.

Knapp hundert Jahre danach, Mitte des 19. Jahrhunderts, wurden die US-SchülerInnen über den Unterschied zwischen einem König und einem Präsidenten abgefragt. Die richtige Antwort lautete: «Könige müssen durch viele Soldaten beschützt werden und sind schwierig zu erreichen. Präsidenten brauchen überhaupt keinen Schutz, sie können von allen besucht werden wie eine Privatperson.» Das ist heute, vier Präsidentenmorde und unzählige Mordversuche später, längst nicht mehr so.

Bei Barack Obama waren die Sicherheitsvorkehrungen wegen seiner Hautfarbe von Anfang an besonders umfassend. Schon bei der Annahme seiner Präsidentschaftskandidatur an der Parteiversammlung der Demokraten im Sommer 2008 wurde er von 1000 Agenten des Geheimdienstes und 500 FBI-BeamtInnen begleitet. Seit Amtsantritt beklagt Obama unablässig seine Abschottung von aller Normalität, die mit zehn kurzen Briefen im Tag auf Dauer nicht überwunden werden kann. Im ersten Jahr versuchte die Familie Obama einmal, ihren alten Wohnsitz in Chicago zu besuchen. Es war ein logistisches Desaster. Denn der Secret Service hat zwar Erfahrung darin, wie man einen präsidentiellen Landsitz in Texas beschützt, nicht aber ein Haus mitten in der Innenstadt.

Jetzt bleiben die Obamas halt daheim. Oder sie reisen im «Bubble», in der schützenden Hülle, die sie immer und überall umgibt. Der Vorgänger, George Bush, wusste, was ihn im Weissen Haus erwartet, schliesslich war schon sein Vater Präsident und er selber zuvor Gouverneur von Texas mit eigener Residenz. Für die aus dem bescheidenen Mittelstand stammenden Obamas jedoch kam die Undurchlässigkeit des goldenen Käfigs als ziemlicher Schock. Einzig Marian Robinson, die Mutter von Michelle Obama, kann sich einigermassen frei bewegen; denn die Macht der historischen Gewohnheit sieht die ältere schwarze Frau gemeinhin nicht als Mitglied der Präsidentenfamilie, sondern als eine von vielen Bediensteten im Weissen Haus.

Die Präsidentschaft der USA ist eine recht archaische Institution, weil sie sich nicht demokratisch weiterentwickeln durfte. Stattdessen wurde das Amt zu etwas «Zeitlosem» überhöht – und der Amtsträger zu einer Art Hohepriester gemacht, den man anbetet oder verflucht, abgöttisch liebt oder so sehr hasst, dass man sogar seinen Kindern den Tod wünscht (wie das den Obamas mit ihren Töchtern passiert ist).

Wie nostalgisch verklärt oder rassistisch verzerrt die Aussenwelt die Obamas sieht, ist nur eine Seite der Gleichung. Ebenso wichtig ist es, wie der Präsident selbst und seine Frau ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen einschätzen. «Ich kam zur Politik ohne viel Vertrauen in den Prozess», zitiert die «New York Times»-Journalistin Jodi Kantor Michelle Obama in ihrer neuen Biografie «Die Obamas. Ein öffentliches Leben». Und auch ihr Gatte steht der Politik und insbesondere den politischen Spielchen in Washington DC offenbar ziemlich kritisch gegenüber. Seine bisherige Politkarriere – erst im Senat seines Bundesstaates Illinois und dann ab 2005 als Senator von Illinois im US-Senat – hat ihn ziemlich frustriert. Aber er glaubt unerschütterlich an seine einzigartigen politischen Ideale und Fähigkeiten. Wenn schon ein Marsch durch die Institutionen, dann will er ganz oben einsteigen. Er kann alles besser machen. Mit «Yes we can» hat Präsidentschaftskandidat Obama 2008 die Mehrheit der US-WählerInnen überzeugt, den Hohepriester der Hoffnung dem Hohepriester des Chaos vorzuziehen. Und das war gut so.

Doch am Ende seiner ersten Amtsperiode sagt Präsident Obama: «Ich hasse es, dass ich diesen Gesetzgebern den Rücken kratzen muss.» Er ist vom Volk enttäuscht, das seine Erfolge nicht sieht und schätzt (vorab die Gesundheitsreform), von den republikanischen GesetzgeberInnen, die seine ehrlich gemeinten sachpolitischen Kompromisse pauschal zurückweisen und damit auch sein Selbstbild als grosser, über parteipolitischen Querelen stehender Einiger zerstören. Viel jugendliche Hoffnung strahlt Präsident Obama nach fast vier Jahren als Chef einer kriegs- und krisengeschüttelten Nation nicht mehr aus. Trotzdem will er nochmals kandidieren. Nur seine Wiederwahl könne das Land vor dem Abgrund retten. Das ist eine megalomane Idee. Aber angesichts der politischen Alternativen leider zutreffend. Denn zurzeit leben die USA wirklich auf einem Vulkan.

Eli Saslow: «Ten Letters. The Stories Americans Tell Their President». Bantam Dell Verlag. 
New York 2011. 304 Seiten. Fr. 29.90.

Jodi Kantor: «Die Obamas. Ein öffentliches Leben». Aus dem Englischen von Rudolf Hermstein. Verlagsgruppe Droemer Knaur. München 2012. 415 Seiten. Fr. 27.20.