Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Die Zeit für die Geduld wird knapp

Alte Menschen zu pflegen, ist kein Zuckerschlecken. Aber notwendig. Ein neuer Film von Frank Matter zeigt, wie die Pflege unter Zeitdruck und dem Abbau von Sozialleistungen zusehends schwieriger wird.

Von Silvia Süess

Die 94-jährige Elisabeth Willen isst der Einfachheit halber direkt aus der Bratpfanne. Sie von einem Umzug in ein Heim zu überzeugen, ist nicht leicht.

Es blüht uns allen, und es ist nicht nur schön: das Altwerden. Wir werden langsamer, wir werden vergesslicher, wir werden unbeweglicher. Wir sehen und hören schlechter, die Gelenke schmerzen, die Haut wird spröde, der Atem beginnt zu rasseln.

In den Kinos sind vor kurzem mehrere Schweizer Filme angelaufen, die sich mit dem Altwerden und Altsein auseinandersetzen. Den Auftakt machte «Rosie» von Marcel Gisler (siehe WOZ Nr. 21/13). Er veranschaulicht den Konflikt, in den ein Sohn gerät, als seine Mutter pflegebedürftig wird, dies aber nicht wahrhaben will. Ebenso zeigt Peter Liechtis persönlich gehaltener Dokumentarfilm «Vaters Garten. Die Liebe meiner Eltern» (siehe WOZ Nr. 39/13), wie die alt gewordenen Eltern immer mehr auf die Hilfe des jeweils anderen angewiesen sind – obwohl sie den Alltag noch ohne Unterstützung von aussen meistern.

Eine fatale Entwicklung

Auch in Frank Matters neustem Film, «Von heute auf morgen», stehen alte Menschen im Zentrum. Matter begleitet mit der Kamera drei Frauen und einen Mann, die trotz ihres zum Teil sehr hohen Alters noch zu Hause leben. Sie können dies dank der regelmässigen Pflege durch die öffentlich-rechtliche Spitex. Die PflegerInnen stehen neben den Pflegebedürftigen im Mittelpunkt des Films. Denn, das macht «Von heute auf morgen» schnell klar: Altwerden und Pflege gehören zusammen. Der Film zeigt eindrücklich, welch unverzichtbare Arbeit die teilweise sehr jungen Spitex-MitarbeiterInnen leisten. Matter ist an Sitzungen der Spitex Allschwil-Schönenbuch (Basel-Landschaft) dabei, er filmt die PflegerInnen bei internen Gesprächen, beim Organisieren des Einsatzplans und begleitet sie bei ihren Einsätzen.

Dabei werden immer wieder die Schwierigkeiten sichtbar, mit denen die Spitex-MitarbeiterInnen zu kämpfen haben: Sie sind nicht nur Pflege- und Haushaltshilfe, sie sind auch Bezugspersonen und manchmal die einzigen Menschen, die bei den Betreuten an einem langen, einsamen Tag vorbeikommen. Die richtige Balance zu finden zwischen Professionalität und persönlicher Beziehung, erfordert grosses Gespür für das Gegenüber und den Augenblick. Und es braucht Zeit dafür. Doch diese wird für die Spitex-Mitarbeitenden immer knapper. Sie stehen aufgrund von Sparmassnahmen und der Bürokratisierung des Gesundheitssystems unter enormem Druck.

Der Spitex-Mitarbeiter Marino Klingenberg bringt die aktuelle Entwicklung auf den Punkt: «In den letzten Jahren hat sich eine Verschiebung abgezeichnet. Wir leisten immer mehr Einsätze in immer weniger Zeit und dadurch immer schneller.» Als er die Ausbildung gemacht habe, seien die Menschen im Mittelpunkt gestanden, und die Ressourcen seien für sie eingesetzt worden. Jetzt habe sich alles verschoben: «Der Mensch ist an die Peripherie gerutscht, und das Wirtschaftliche, das Geld und das Bürokratische, die Administration stehen im Zentrum. Das ist für mich eine fatale Entwicklung.»

Wie viel man mit etwas mehr Zeit und Geduld erreichen kann, zeigt eine der aussagekräftigsten Szenen im Film: Die über neunzigjährige Anny Fröhlich muss während des Frühstücks Entwässerungstabletten nehmen und sollte deswegen so schnell wie möglich Windeln anziehen. Doch Frau Fröhlich sieht das nicht ein. Stur wiederholt sie gegenüber der Spitex-Betreuerin, dass sie die Windeln später selbst anziehen werde und bis dann schon «verheben könne». Geduldig, freundlich und gleich stur wie die alte Frau schafft es die Spitex-Mitarbeiterin, Anny Fröhlich zu überzeugen, sich helfen zu lassen. Anhand solcher Szenen wird die Schwierigkeit des Pflegeberufs unter enormem Zeitdruck sichtbar. Wie kann man geduldig bleiben, wenn man eigentlich schon bei der nächsten Patientin sein sollte? Und wie kann man alte Menschen respektvoll pflegen, ohne sie zu entmündigen? Die Szene illustriert aber auch, wie schwierig es ist, alt zu werden und die eigene Autonomie zu verlieren: «Niemand lässt sich gern helfen beim Höschenanziehen», schimpft Frau Fröhlich. Recht hat sie.

Die Zahl der Alten wächst

Wir werden immer älter. Und es gibt immer mehr Alte. Ende 2012 lebten in der Schweiz 8 Millionen Menschen, 1,4 Millionen davon waren über 64 Jahre alt, 1,6 Millionen unter 20. Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Statistik wird es in zehn Jahren 1,8 Millionen über 64-Jährige geben, in zwanzig Jahren 2,2 Millionen. Die Zahl der unter 20-Jährigen hingegen wird sowohl für 2022 wie für 2032 auf 1,7 Millionen geschätzt. Damit wird die Zahl der Alten diejenige der Jungen immer stärker übertreffen.

Wer wird all diese alten Menschen pflegen? Denn mit der höheren Lebenserwartung und der älter werdenden Gesellschaft ist auch ein steigender Bedarf an Pflege und Betreuung verbunden. Die sogenannte Care-Ökonomie wird zu einer zentralen Frage einer neuen Verteilung der gesamtgesellschaftlichen Arbeit. Doch obwohl uns dies alle betrifft, sind wir weder individuell noch gesellschaftlich noch politisch darauf vorbereitet. Pflegeberufe, historisch zumeist von Frauen und oft gratis ausgeübt, haben einen niederen gesellschaftlichen Stellenwert, werden dementsprechend schlecht entlöhnt, und die Arbeitsbedingungen sind häufig prekär. Es fehlt an Personal und Geld. Kantonale und staatliche Sparmassnahmen treffen oft den Pflegebereich – auch die öffentlich-rechtliche Spitex ist immer wieder davon betroffen.

Lieber Auto fahren als Alterspflege

Ein aktuelles Beispiel ist der Kanton Bern: Vor einem Jahr nahm die Stimmbevölkerung einen Volksvorschlag an, der die Motorfahrzeugsteuern um ein Drittel senken will. Dadurch wird der Kanton bis zu 100 Millionen Franken Steuerausfälle haben. Diese müssen anderswo eingespart werden. Opfer des rigiden Sparprogramms ist auch die Spitex. 19,5 Millionen Franken sollen dort gestrichen werden, unter anderem die Subventionierung der hauswirtschaftlichen und sozialbetreuerischen Leistungen sowie die Subventionen für ergänzende Spitex-Dienstleistungen wie etwa einen Coiffeurbesuch oder eine Begleitung fürs Einkaufen. Das Parlament entscheidet im November über die Kürzungsvorschläge. Ob die Abbaumassnahmen durchkommen, ist mittlerweile offen. Denn neben der SP und den Grünen haben nun auch Teile der Bürgerlichen die unverzichtbaren Leistungen der Spitex erkannt.

Jene, die noch an den Sparmassnahmen festhalten, sollten sich Frank Matters «Von heute auf morgen» anschauen. Vielleicht wird der Film die Meinung des einen oder der anderen noch ändern. Denn darin bekommen jene Menschen ein Gesicht, die vom billigeren Autofahren betroffen sein werden.

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