Nr. 14/2015 vom 02.04.2015

Sind Sie eine Sozialromantikerin?

Die Rechten würden die Sozialhilfe am liebsten abschaffen. Mitten im medialen und politischen Lärm: Therese Frösch, die neue Kopräsidentin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Aus der Ruhe bringt sie das nicht.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Therese Frösch: «Mein Vater hat die Faust im Sack gemacht. Ich habe das mitbekommen. Und wollte es anders ­machen.»

WOZ: Therese Frösch, sind Sie eine Sozialromantikerin?
Therese Frösch: Ach, das ist doch ein ebenso hohler Kampfbegriff der SVP wie «Sozialirrsinn». Ich bin in einer Büezerfamilie aufgewachsen. Wir waren nie armengenössig, aber auch nicht privilegiert. Als Kind habe ich mitbekommen, wie in unserer aufgeräumten Kleinstadt italienische Einwanderer und arme Leute subtil diskriminiert wurden.

Erzählen Sie.
Wir sind Burger von Zofingen, dem Aargauer Zähringerstädtchen. Das war eine FDP-Hochburg. Mein Grossvater war Hilfsarbeiter in der Siegfried AG, einer international tätigen Chemiefirma. Auch mein Vater arbeitete nach seiner Lehre ein Leben lang dort als Betriebselektriker. Meine Mutter, die vor der Heirat auf eigenen Füssen stand, war eine gescheite Frau. Sie hat unter dem Hausfrauendasein gelitten.

Fühlten Sie sich selber auch unterdrückt?
Nein, aber ich spürte einen grossen Anpassungsdruck. Es waren die fünfziger Jahre. Feministisch war mein familiäres Umfeld nicht. Wir sind fünf Kinder, ich bin das jüngste. Unsere Eltern haben uns bei allen unseren Aktivitäten wenig reingeredet. Sie waren sozial gesinnt und liberal eingestellt. Alle fünf Kinder durchliefen eine Fachhochschule. Das war damals in einer Büezerfamilie nicht selbstverständlich.

Das klingt nicht nach Unterdrückung.
Wie gewisse Männer damals Frauen einteilten, kann ich an zwei Beispielen verdeutlichen: Als meine älteste Schwester ans Lehrerinnenseminar in Aarau ging, meinte mein Onkel, ein FDP-Mann und Offizier, zu meinem Vater: «Willi, du musst die doch nicht ans Seminar schicken, das KV reicht, sie heiratet ja doch.» Und der Schulfreund meines Vaters schickte alle fünf Töchter gegen deren Willen in eine Verkäuferinnenlehre.

In den achtziger Jahren waren Sie Gewerkschaftssekretärin. Waren Sie da familiär vorbelastet?
Nein, im Gegenteil. Mein Grossvater, der hundert Jahre alt wurde, erzählte mir, dass er in der Zeit um den Ersten Weltkrieg Streikbrecher war. Er kam aus sehr armen Verhältnissen und passte sich an. Er dachte sich wahrscheinlich, dass das seiner beruflichen Sicherheit und seiner Familie mehr hilft. Auch mein Vater hat die Faust im Sack gemacht. Ich habe das mitbekommen. Und wollte es anders machen.

Literatur war für Sie wichtig. Warum sind Sie nicht an die Universität gegangen?
Ja, ich war von Literatur infiziert. Peter Bichsel und Adolf Muschg waren Lieblingsautoren von mir. Ich wollte nicht Lehrerin werden, ich suchte ein politischeres Umfeld. Gute Freunde sagten mir, an der Schule für soziale Arbeit in Solothurn habe es viele linke Lehrer. Die Schule hiess vorher «Fürsorgerinnenseminar des Seraphischen Liebeswerks Solothurn» und wurde von Franziskanerinnen geführt. Als sie modernisiert wurde, holten sie Lehrer von der Uni Fribourg und hatten keine Ahnung, dass das alles Linke waren. Als die Schulleitung diese Lehrer rausschmiss, kam es zum Aufruhr, zum sogenannten Solothurner Frühling, ich war mittendrin. Im Rückblick muss ich eingestehen, dass dieser Unterricht, gemessen an professionellen Standards, suboptimal war und wir glaubten, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen.

Dann gingen Sie nach Afrika. Warum?
Ich war ziemlich enttäuscht von der Sozialarbeiterausbildung und ging deshalb vor Arbeitsantritt auf Wanderjahre. Der Süden interessierte mich, deshalb schlug ich meiner Studienkollegin vor, wir könnten in Afrika für ein Hilfswerk arbeiten. Daraus wurde nichts. Ich hatte nicht die passende Ausbildung, und ich war damals Hilfswerken gegenüber kritisch eingestellt. Im Norden von Kamerun arbeiteten wir schliesslich für einen Schweizer, der mit Unterstützung der katholischen Kirche aus dem Tessin als Arzt arbeitete. Wir erledigten, was gerade anfiel, kauften Baumaterial ein, kochten oder schossen Antilopen. Im Niger arbeitete ich später noch für die Uno.

Aber zuerst trampten Sie durch Afrika.
Ja, meistens auf Lastwagen. Durch die Nubische Wüste jedoch per Eisenbahn nach Khartum und von da nach Juba, der heutigen Hauptstadt des Südsudan. In Kassala an der sudanesischen Grenze zu Eritrea lernte ich Vertreter der EPLF kennen, der Eritrean People Liberation Front. Dieser Kampf hat mich damals sehr beeindruckt, weil es nicht bloss ein nationalistischer, sondern ein sozialer Aufstand mit universellem Anspruch war. Leider ist das Geschichte – Eritrea gleicht heute Nordkorea.

Wie hat diese Reise Ihr Weltbild verändert?
Vorher dachte ich, welch grosse Probleme wir in Europa zu lösen hätten: der Anti-AKW-Kampf, die Gleichberechtigung und anderes. Zweifellos wichtige Anliegen. Dennoch schrumpften sie nach der Rückkehr auf eine angemessene Grösse. Die Begegnung mit anderen Menschen und Sitten, mit Armut, aber auch Gelassenheit relativierte die vielen aufklärerischen Bücher, die ich zuvor gelesen hatte. Selbstverständlich ist die theoretische Analyse wichtig, aber letztlich interessiert mich das Konkrete. Ich will Theorie in der Praxis erproben. Da schlägt meine bodenständige Seite durch.

Therese Frösch (63) stürzte sich Ende 1977 in Bern in einem trotzkistisch gesinnten Umfeld 
in die politische Arbeit. Zusammen mit Leuten 
wie Vasco Pedrina oder Serge Gaillard wurde 
es ein Marsch durch die Institutionen.

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