Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

«Ist die Sozialhilfe in der heutigen Form noch zeitgemäss?»

Wer schlecht ausgebildet ist, verliert rascher den Job und landet oft in der Sozialhilfe. Für diese Menschen brauche es nicht mehr Repression, sondern eine Bildungs- und Integrationsoffensive, sagt Therese Frösch.

Von Andreas Fagetti (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Therese Frösch: «Das Hochspielen von – oft tatsächlich ärgerlichen – Einzelfällen erzeugt ein emotionsgeladenes Klima, das eine sachliche Diskussion über die Sozialhilfe verunmöglicht.»

WOZ: Therese Frösch, Sie bezeichnen die Sozialhilfe als Erfolgsmodell. Aber sie ist heute längst viel mehr als eine vorübergehende Nothilfe. Muss man die Sozialhilfe umbauen?
Therese Frösch: Nein, unser System funktioniert im Wesentlichen gut. Ein Drittel der Unterstützten schafft die Ablösung innerhalb eines Jahres. Wir müssen jedoch anerkennen, dass manche Personen für längere Zeit auf Sozialhilfe angewiesen sind. Es ist kontraproduktiv, wenn man auf diesen Menschen herumhackt.

Was sollte man Ihrer Ansicht nach stattdessen unternehmen?
Wir sollten uns auf jene konzentrieren, die wegen einer fehlenden oder schlechten Ausbildung aus dem Arbeitsmarkt fallen oder den Wiedereinstieg nicht finden. Hier braucht es eine Bildungsoffensive. Fünfzig Prozent der Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger haben keine Berufsausbildung, und was gerne vergessen geht: Ein Drittel sind Jugendliche unter achtzehn Jahren. Hier müssen wir bildungsmässig investieren.

Und wie stellen Sie sich das vor?
Arbeitsintegration und Weiterbildung sind die Schlüssel, um wieder dauerhaft in den ersten Arbeitsmarkt zurückzufinden. Wir sollten entsprechende Projekte lancieren und die Wirtschaft als Partnerin gewinnen. Bund und Kantone müssen da Geld in die Hand nehmen. Das ist gut investiertes Geld und senkt die Sozialhilfekosten langfristig am ehesten.

Tatsache ist aber auch, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen der Wirtschaft Angestellte über 55 bei Arbeitsplatzverlust kaum mehr eine Chance haben. Selbst Hochqualifizierte haben Mühe, einen Job zu finden.
Das stimmt leider und müsste nicht sein. Unternehmen sollten ältere Angestellte nicht leichtfertig aussortieren, bloss weil sie etwas teurer sind. Ihr Wissen, ihre Berufs- und Lebenserfahrung sind ein Kapital, das sich nicht ohne weiteres ersetzen lässt und den Unternehmen viel bringt.

Auch in Bewerbungsverfahren sollte man ihnen eine faire Chance einräumen. Da steht die Wirtschaft in der Verantwortung. Wenn sie sie aber ungenügend oder gar nicht wahrnimmt, trägt sie dazu bei, dass die Sozialkosten steigen. Gerade für ausgesteuerte ältere Menschen brauchen wir die Sozialhilfe als letztes starkes Auffangnetz leider erst recht.

Sie sind auch Präsidentin der Stiftung Contact Netz, das Dach aller Drogenberatungsstellen des Kantons Bern. Welche Bedeutung hat die Sozialhilfe für Drogensüchtige?
Wir beschäftigen in unseren Einrichtungen suchtabhängige Menschen. Sie sind gesundheitlich nicht so fit und können deshalb nur Teilzeit arbeiten, sei es auf dem Bau, in der Gartenarbeit oder in der Schreinerei. Hier geht es mehr darum, dass diese suchtkranken Menschen nicht aus der Gesellschaft herausfallen und in einer Tagesstruktur mit anderen zusammenleben.

Vor dreissig Jahren erlebte die Schweiz offene Drogenszenen, man war schockiert. Mit Repression war dem Elend nicht beizukommen. Dank engagierter und weitherum anerkannter Drogen- und Sozialpolitik hat sich diese Situation beruhigt. Das hat seinen Preis. Wir lassen niemanden fallen, der in Not gerät. So steht es in unserer Verfassung.

Was sind die Kostentreiber in der Sozialhilfe?
Das sind primär die Mieten und die Krankenkassenprämien. Dann die Folgen der Kürzungen in den vorgelagerten Sozialsystemen IV und Arbeitslosenversicherung. Ein Kostentreiber ist aber auch der Verlust von niederschwelligen Stellen, die der Automatisierung zum Opfer fallen. Bei dieser Entwicklung kommen oft zuerst die Schwächsten an die Reihe. Und die Wirtschaft hilft nicht mehr im gleichen Masse wie früher mit, diese Risiken aufzufangen. Ausserdem hat die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte neue unversicherte Risiken hervorgebracht. Scheidungen sind ein Armutsrisiko, davon betroffen sind vor allem Alleinerziehende.

Sie haben erwähnt, dass die Missbrauchskampagnen gegen die Sozialhilfe vor allem auf Asylsuchende und Ausländer abzielten. Es ist die Rede von «Einwanderung in das Sozialsystem».
Die Medien sind scharf auf solche Fälle. Ohne diese Einzelfälle wären die in der Regel unpräzisen Angriffe auf die Sozialhilfe und auf die Skos, die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe, kaum denkbar. Das Hochspielen von – oft tatsächlich ärgerlichen – Einzelfällen erzeugt ein emotionsgeladenes Klima, das eine sachliche Diskussion verunmöglicht.

Heisst das, dass das Asylwesen kein Kostentreiber ist?
Nein, das heisst es nicht. Tatsache ist, dass der Asylbereich ebenfalls zu den Kostentreibern zählt. Das ist auch nicht verwunderlich: Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nie so viele Kriegswirren wie heute. Unzählige Menschen sind auf der Flucht, unter anderem in die Schweiz.

Wer als Asylbewerber bis zu einem provisorischen oder definitiven Aufenthaltsentscheid jahrelang nicht arbeiten darf und zudem oft einen kleinen Bildungsrucksack hat, dessen Chancen sind auf dem Arbeitsmarkt schlecht. Deshalb landen beispielsweise sehr viele der eritreischen Flüchtlinge mit Aufenthaltsrecht in der Sozialhilfe.

Therese Frösch (63) ist Kopräsidentin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch