Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Einfach weil er es kann!

Ece Temelkuran über den Stier, der Europa entführt

Von Ece Temelkuran

23. November: Was die aktuelle Situation in der Türkei angeht, sind viele Frauen in meiner Umgebung wachsamer als die Männer. Deren komfortables männliches Universum fusst weiterhin auf Verleugnung – und auf der konstant erneuerten Behauptung, es könne doch so nicht weitergehen. «Wer soll sie denn stoppen?», antworte ich immer wieder. Den Ambitionen des Präsidenten steht nichts im Weg – weder im Land selbst noch international. Diese ganzen internationalen Reaktionen auf die Inhaftierung von Schriftstellern und Journalistinnen: Sie scheinen wirkungslos zu sein.

24. November: Im Land des Wahnsinns bricht ein neuer Tag an. Das EU-Parlament kündigt an, wegen der Repressionen des Regimes die Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei einzufrieren. Drei türkische Soldaten sind von einem syrischen Kampfjet getötet worden – interessanterweise genau ein Jahr nachdem türkische Jets ein russisches Flugzeug abgeschossen haben. Wegen der traditionellen Nachrichtensperre erscheinen keine Neuigkeiten. Wir wissen also nicht, ob es morgen Krieg gibt. Derweil ist Ahmet Türk eingesperrt worden, die prominenteste und friedfertigste Figur in der kurdischen Politik. Er ist 74. Die türkische Lira sinkt auf ein neues Rekordtief.

Die Witze stehen im Einklang mit dem Wahnsinn. «Make Turkey so-so again!» – die Türkei soll wieder durchschnittlich werden.

25. November: Castro stirbt. Sein Tod wird – wie alles andere auch – zum Streitpunkt zwischen Opposition und RegierungsanhängerInnen. Jedes Thema trägt nur noch mehr zur Polarisierung im Land bei. Als ein paar Leute in den sozialen Medien von Castro Abschied nehmen, begehren Erdogans UnterstützerInnen auf: «Wie könnt ihr einen Diktator unterstützen?», empören sie sich.

26. November: «Wir werden die Grenzen für Flüchtlinge öffnen, ihr werdet schon sehen», droht Präsident Erdogan der EU. Seine rücksichtslosen Aussagen sind das eine; das andere ist Europas ethisches Versagen in der Flüchtlingsfrage. Erdogan scheint nun der Stier zu sein, der Europa entführt. Derweil die Fundamente der westlichen Zivilisation und die demokratischen Werte in Stücke zerfallen, kämpfen sich die Stiere weltweit an die Spitze.

Die Szene in einem Café in Zagreb wirkt wie aus einem Film noir. An jedem Tisch sitzt ein grantiger Alter und liest Zeitung. Der junge Kellner spielt «Riders on the Storm» in höchster Lautstärke. Er fragt, woher ich komme. «Oh, Istanbul! Da war ich noch nie», sagt er. «Fahr hin, bevor es zu spät ist», antworte ich lächelnd. Er lächelt zurück. «Ich komme aus Bosnien. Zu spät ist es überall», sagt er sarkastisch. Möglicherweise stimmt das.

27. November: Seit zwei Tagen versuche ich, die Nachricht zu ignorieren: Ein neunjähriges Mädchen stirbt an einem Herzinfarkt, weil es nicht erträgt, während der Anhörung vor Gericht seinem Vergewaltiger gegenüberzusitzen. «Warum sind die Männer in diesem Land plötzlich so böse geworden?», fragte mich ein Freund neulich. «Weil sie es können!» Wenn der Rechtsstaat Schaden nimmt und elementare Menschenrechte erschüttert werden, können sie es. «So kann es doch nicht weitergehen», murmeln wir nur – konsterniert wie Hunde, die verprügelt worden sind. Aber es geht immer weiter.

28. November: Ich bin für eine JournalistInnenkonferenz nach Kopenhagen gereist, nehme an einem Podiumsgespräch mit dem Titel «Sind wir realitätsfremd?» teil. Jemand wie Donald Trump weiss, dass ihm seine Angriffe auf die Medien nur noch mehr Sympathien bescheren.

«Wir haben in Syrien nur interveniert, um Assads grausamer Herrschaft ein Ende zu setzen», sagte Präsident Erdogan bei einem Gespräch über die Operation «Schutzschild Euphrat». Es klingt, als hätte die Türkei Syrien den Krieg erklärt. «Wie kann er so etwas sagen?», fragen die Leute. Nun, soll ich es noch mal wiederholen? Weil er es kann.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul. An dieser Stelle führt sie bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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