Nr. 22/2017 vom 01.06.2017

Vom Leben in der Blackbox

Ece Temelkuran über divergierende Realitäten

Von Ece Temelkuran

26. Mai: Die regimetreuen Medien feiern Erdogans «Triumph» in Brüssel. Offenbar hat der türkische Präsident, der für Treffen mit den europäischen Staatschefs und zum Nato-Gipfel dort war, den Medien äusserst selbstsicher entsprechende Schlagzeilen diktiert. In der «Washington Post» klingt das Ganze etwas anders: «Obwohl Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Brüssel gekommen war, um die Einigkeit der Nato zu zelebrieren, sah er sich mit den diplomatischen Beschwerden seiner wichtigsten Alliierten Deutschland und Frankreich konfrontiert.»

Wenn du die Medien kontrollierst, dürfte es für dich unerheblich sein, von der Wirklichkeit widerlegt zu werden. EU-Ratspräsident Donald Tusk verkündet auf Twitter, die grösste Herausforderung beim Treffen sei die Lage der Menschenrechte gewesen, während Erdogan gleichzeitig behauptet, man habe die Beziehung aufgefrischt und sich sogar auf einen «Jahresplan» geeinigt. Problematisch ist nicht, dass der türkische Präsident in einer anderen Welt lebt – sondern dass Millionen Menschen gezwungen sind, in seiner Welt zu leben.

Erdogans Version der Wahrheit bezüglich Deniz Yücel ist, dass die deutsche Kanzlerin vom inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten «besessen» sei. In Wirklichkeit hat Angela Merkel den türkischen Machthaber lediglich um Yücels Freilassung gebeten.

27. Mai: «Lasst uns die Abstimmungsphase hinter uns lassen», will Erdogan in Brüssel gesagt haben. Er meint die Spannungen, die seine Partei mit den Niederlanden und Deutschland geschaffen hat, um den Nationalismus in der Türkei zu schüren. Die EU hat einen «Einjahresplan» dementiert. Wie viele Menschen kennen die Wahrheit überhaupt? Jene, die sich auf Twitter bewegen und interessiert genug sind, um die Nachrichten zu verfolgen – sehr wenige also. Die restlichen TürkInnen leben in einer Blackbox – erschaffen vom AKP-Regime. Vom Rest der Welt sind sie vollkommen losgelöst.

29. Mai: Der Ramadan fängt an – und damit das übliche Schikanieren aller, die nicht fasten. In Mudanya, einem Ferienort im Nordwesten der Türkei, verprügeln vier Männer einen Mann und dessen Sohn, die zu Mittag essen, während sie auf ihre Fähre warten. Die vier Männer nähern sich den beiden, wünschen ihnen einen «guten Appetit». «Wir sind auf der Durchreise», sagt der Mann entschuldigend. Nach den Regeln des Islam sind Gläubige auf Reisen vom Fasten ausgenommen. «Ihr solltet nicht in der Öffentlichkeit essen», erklären die vier Männer und beginnen, auf die beiden einzuprügeln. Gegen die Angreifer ist übrigens nie Beschwerde eingelegt worden. Offenbar ging das Opfer davon aus, die Polizei sei sowieso nicht auf seiner Seite.

Nachdem ich diese tragische Nachricht gelesen habe, sehe ich im «New Statesman» Werbung für die Türkei. Im dazugehörigen Text wird das Land für seine Kultur der Toleranz gepriesen. Was für eine Lachnummer zum jetzigen Zeitpunkt!

30. Mai: Gestern Abend bestritt ich mit dem algerischen Autor Kamel Daoud und dem Chefredaktor des Magazins «Le Point» das Eröffnungspodium an einem Literaturfestival in Lyon. Leitfrage des Panels: «Was können Worte bewirken?» Eine gute Frage! Worte seien zu fragil, um die Menschheit von den Gefahren dieser dunklen Zeit zu erlösen, gab ich also zu bedenken. Aber diejenigen, die Widerstand leisteten, brauchten die Worte doch, weil sie sonst stumm wären, sagte Kamel Daoud.

Dieser Überzeugung bin ich auf jeden Fall auch. Doch was passiert, wenn die Menschen zu Wörtern keinen Zugang mehr haben – wie in der Türkei, wo die Box, die sie über den Rest der Welt im Dunkeln lässt, so gross ist wie das ganze Land? Was können Worte in diesem Fall tatsächlich bewirken? Ich fürchte, an diesem Punkt sind sie nur noch dazu da, die Schönheit der Welt für die kommende Generation zu bewahren. Ist es bereits eine Niederlage, so zu denken? Vermutlich. Doch vielleicht ist es auch nur die zeitweilige Erschöpfung von all dem Wahnsinn, der mir und meinem Land auferlegt wurde.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt derzeit in Zagreb. Gerade ist ihr Roman «Stumme Schwäne» bei Hoffmann und Campe erschienen. An dieser Stelle führt Temelkuran bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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