Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Ach, dieser ewige Rebell

Von Radio SRF bis NZZ – die Schweizer Medien wussten es schon immer: Der britische Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn ist ein Loser. Wieso lagen sie nur so falsch?

Von Daniel Stern

Jeremy Corbyn

Was sind die grossen Schweizer Qualitätsmedien nicht alle über Jeremy Corbyn hergezogen. Ein «Hinterbänkler» und «Protestpolitiker» (Radio SRF) als Chef der Labour-Partei? Unmöglich. Doch «der gute Mensch von Islington» (NZZ) wurde am 12. September 2015 tatsächlich gewählt. Einer, der «jahrzehntelang Rebellengruppen in aller Welt unterstützte, gesunden Tee propagierte und zu Demos radelte» (SRF). Ein «Linkssozialist» («SonntagsZeitung»), der zuvor nie Verantwortung übernehmen musste. Und sofort war klar: Er kanns nicht. Im Parlament sei «der ewige Parteirebell und ungeschickte Parteichef» («Tages-Anzeiger») nur ein «Häuptling ohne Indianer» (Radio SRF). Dieser «Abstinenzler und Vegetarier mit sektiererischem Fanclub, der ungern eine Krawatte trägt und sich weigert, vor der Königin auf die Knie zu fallen» (NZZ), würde seine Partei in die Bedeutungslosigkeit führen. Mit ihm seien «keine Wahlen zu gewinnen» (NZZ). Ach, «wäre er doch bei seinem Schrebergarten, seinen Bohnen und Kartoffeln geblieben», spottete der gelegentlich auch Corbyn-freundliche «Tages-Anzeiger».

Seit einer Woche wissen wir: So ungeschickt hat sich der «Nostalgiker aus den 1960er und 1970er Jahren» (Radio SRF) auch wieder nicht geschlagen. Unter seiner Führung konnte die Labour-Partei bei den Unterhauswahlen um 9,5 Prozentpunkte zulegen. Sie hat es zwar verpasst, die konservative Regierung zu stürzen, doch gelang es, Premierministerin Theresa May massiv zu schwächen. May kann ihren harten Brexit und ihren rigorosen Sparkurs vergessen.

Ein Moralist, ein Messias

Wie konnten die Schweizer Qualitätsmedien nur so falsch liegen? Einerseits, weil die KommentatorInnen über die Zehntausende von neuen Mitgliedern, die mit Corbyns Wahl in die Partei eingetreten waren, eine klare, vorgefasste Meinung hatten: «Virtuelle Genossen», die sich «kaum Gedanken darüber machen, ob Parteiprogramme mehrheitsfähig, finanzierbar oder überhaupt realisierbar sind» (NZZ). Sie würden in Corbyn «einen Moralisten, wenn nicht gar einen Messias erkennen» und die Partei «in der fruchtlosen Suche nach einem sterilen Gutmenschentum» (Radio SRF) absorbieren. Labour votiere so «begeistert für die Selbstzerstörung» («NZZ am Sonntag»), werde zur «Sekte» («Basler Zeitung») und falle «immer tiefer in ein Niemandsland» (NZZ).

Andererseits schere sich Labour nicht um die Meinung ihrer potenziellen WählerInnen, wussten die PolitberaterInnen aus den Schweizer Redaktionen. Denn: «Der Ruck nach links macht Millionen von Wählern, welche eine Aufblähung des Staats und die damit verbundene Behinderung der Wirtschaft ablehnen, heimatlos» («NZZ am Sonntag»). Die Partei sei «nur noch für Proteste gut» und «sinke in der Achtung der meisten Leute» («Tages-Anzeiger»). Labour müsse «sich einwanderungskritisch positionieren und sich vor allem klar für die Umsetzung des vom Volk beschlossenen EU-Austritts aussprechen» («BaZ»). Unvorstellbar dagegen, dass eine weltoffene Labour wieder WählerInnen für sich einnehmen könnte, die zuvor «starke Anti-Migrations-Gefühle direkt zur Ukip geführt» («Tages-Anzeiger») haben.

Es droht die Rätedemokratie

Offenbar darf ein Parteiprogramm auch nicht aus purer Überzeugung seiner Mitglieder zustande kommen, sondern bloss mit dem Blick auf mögliche Wahlchancen. Parteien sind in dieser Logik Politfirmen, die ein Meinungsprodukt anbieten. Schlimm also, wenn «die Parteibasis als Grundlage des politischen Auftrags» gesehen wird. Denn wo kämen wir da hin? In eine «Rätedemokratie, wie sie vor hundert Jahren von Revolutionären verfochten wurde» (NZZ). Das wäre ja dann schon so was wie Kommunismus.

Zur Ehrenrettung der grossen Schweizer Medien sei noch angefügt, dass schon vor mehr als einem Jahr der «Blick» eine andere Meinung vertrat. Corbyns Popularität wurde dabei mit derjenigen des US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders gleichgesetzt: «Beide galten lange Zeit als unwählbar, und doch gewinnen sie Wahlen – vor allem weil sie das grösste Problem der Jugend ansprechen: fehlende Perspektiven und vor allem die wachsende Kluft zwischen Superreichen und dem Rest.» Auch wenn das etwas verkürzt ist, letztlich bringt es der Autor damit auf den Punkt: Corbyn und seine nach links gewendete Labour-Partei stehen wieder für eine klare sozialdemokratische Politik. Sie haben sich damit den auch in der britischen Presse propagierten ideologischen Gewissheiten verweigert. Auch deshalb wurden sie gewählt.

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