Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Für Gott und Ulster

Ohne die Unterstützung einer nordirisch-protestantischen Partei kann die konservative Wahlverliererin Theresa May nicht weiter regieren. Warum in Nordirland vieles anders ist, beschreibt ein kluges Reisebuch.

Von Pit Wuhrer

Wer hätte das gedacht? Nach der nordirischen Regionalwahl Anfang März sah es ganz so aus, als würde die stockkonservative protestantische Democratic Unionist Party (DUP) dauerhaft an Zuspruch verlieren. Schliesslich hatte sie gegenüber den irisch-nationalistischen Parteien und den moderaten Ulster Unionists an Stimmen und Sitzen eingebüsst. Und nun das: Seit der Unterhauswahl am Donnerstag sind die britischen Konservativen auf die Partei angewiesen, die einst vom rabiaten Prediger Ian Paisley gegründet wurde. Denn entgegen allen Erwartungen konnte die DUP ihre Unterhaussitze von acht auf zehn erhöhen (bei einer Gesamtzahl von achtzehn nordirischen Mandaten). Das sind genau die zwei zusätzlichen Sitze, die Premierministerin Theresa May nun das Amt sichern.

Wie kommt es, dass die DUP wieder so stark geworden ist, dass ihre bisherige Koalitionspartnerin in der nordirischen Regionalregierung, Sinn Féin, ebenfalls zulegte – und die kleineren Parteien sämtliche Sitze verloren? Das liegt vor allem daran, dass die probritische DUP «viele der verunsicherten Unionisten hat gewinnen können, die um ihren Einfluss bangen und ein Ende der Union mit Britannien fürchten», so der Aktivist und Gewerkschafter Tommy McKearney. Die demografischen Verschiebungen in Nordirland zugunsten des irisch-katholischen Bevölkerungsteils und die unkalkulierbaren Folgen des Brexits hätten «das Lagerdenken der Protestanten zementiert». Jedenfalls verfehlten die alten DUP-Slogans («Keine Zugeständnisse!», «Kein Zurückweichen!», «For God and Ulster!») ihre Wirkung nicht.

Friedensprozess in der Krise

Von dieser Kompromisslosigkeit der DUP profitierte auch ihr Gegenpol, die ehemalige IRA-Partei Sinn Féin (SF). Sie gewann sieben Mandate (vorher vier), die sie aber nicht ausübt: Der von Unterhausabgeordneten verlangte Eid auf die Queen würde die britische Herrschaft über Nordirland legitimieren.

Über ein Jahrzehnt hinweg hatten DUP und SF die nordirische Regionalregierung angeführt, zusammengezwungen durch das Friedensabkommen von Karfreitag 1998. Im Januar jedoch liess SF die Koalition platzen; die anstehenden Verhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung wurden immer wieder verschoben – und mit London im Rücken wird sich die DUP noch weniger veranlasst sehen, SF als gleichberechtigte Partnerin anzuerkennen.

Die nordirische Regierungskrise wird sich in die Länge ziehen; ein Scheitern des Friedensprozesses ist nicht ausgeschlossen. Zumal SF-Präsident Gerry Adams, kaum hatten die Wahllokale geschlossen, die Forderung nach einem Referendum über die Zugehörigkeit Nordirlands erneuerte. Sollte London weiter auf einen «harten Brexit» setzen (inklusive einer befestigten Landgrenze zwischen dem Vereinigten Königreich und dem EU-Staat Irland), ist ein Votum zugunsten eines Anschlusses an die Republik denkbar. Durchaus möglich, dass die DUP mit ihrer Haudraufpolitik somit das Gegenteil dessen bewirkt, was sie anstrebt.

Dafür haben ihre bigotten und homophoben PolitikerInnen nun ein Zwischenziel erreicht. «Wir werden alles tun, damit Jeremy Corbyn nicht an die Macht kommt», versprach DUP-Chefin Arlene Foster nach der Wahl. Für die unionistischen HardlinerInnen ist Corbyn, der sich früher als andere PolitikerInnen für eine politische Lösung des Nordirlandkonflikts engagiert hatte (und deswegen auch mit SF sprach), ein «Terroristenfreund» und ein «Feind Ulsters».

Kein Religionskonflikt

Wie kommt es, dass bald zwanzig Jahre nach dem Karfreitagsabkommen die beiden Gemeinschaften nicht zueinandergefunden haben, die Gegensätze eher noch wachsen? Antworten darauf gibt das Buch «Nord-Irland für Reisende» von Michael Graf. Die Publikation ist zwar als Reiseführer konzipiert, beschäftigt sich jedoch auch mit der Geschichte und dem aktuellen Zustand der nordirischen Gesellschaft.

Graf schildert Hintergründe, blickt auf den Nordirlandkrieg zurück (der rund 3600 Menschen das Leben kostete), analysiert die räumliche, soziale und schulische Segregation, beschreibt in kurzen Kapiteln die wichtigsten Akteure, Institutionen und Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Und die Religion? Zwar handle es sich bei der von DUP-Gründer Paisley aus der Taufe gehobenen Free Presbyterian Church um «die konservativste aller calvinistischen Kirchen Europas», so Graf, von Beruf Pfarrer. Wichtiger aber als konfessionelle Gegensätze seien die unterschiedlichen historischen, kulturellen, politischen Identitäten, deren Wurzeln in die Zeit der britischen Kolonisierung Irlands zurückreichen.

Auf knappem Raum erläutert der Autor, ein exzellenter Kenner Nordirlands, was die UnionistInnen von den NationalistInnen trennt, wer sich weshalb republikanisch oder loyalistisch nennt, was die Blockadehaltung der DUP anrichtet und warum bisher weder die Konfliktparteien noch die Londoner Zentralregierung den vielen Opfern des Kriegs gerecht wurden.

Im zweiten Teil des Buchs folgen Reisehinweise und empfehlenswerte Reiserouten. Wer sich einen Einblick in die komplexen Verhältnisse verschaffen will, findet im deutschsprachigen Raum derzeit keine bessere Lektüre.

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