Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Die Leiden der jungen Hannah

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Und wieder einmal treibt ein fiktionaler Selbstmord die Massen um. Eine der meistgeschauten Serien auf der Film- und Serienplattform Netflix ist gerade «Thirteen Reasons Why» oder in der verunglückten deutschen Übersetzung «Tote Mädchen lügen nicht». Im Zentrum steht die sechzehnjährige Hannah Baker, die zum Auftakt der Geschichte allerdings bereits tot ist. Dreizehn Folgen lang wird detailliert aufgerollt, wie es zu ihrem Selbstmord kam. Mit dem Internet erhält die alte Mobbinghölle Schule einen fatalen Verstärker und Echoraum. Die Serie zeigt gut, wie die von jugendlichen Hormonschüben befeuerten Attacken gegen die junge Frau von Tag zu Tag unerträglicher werden, und Hannahs Versuche, aus der Schusslinie zu kommen, immer verzweifelter. Als ob sie der digital verstrahlten Gegenwart eins auswischen wollte, hinterlässt sie ihre Version des Geschehenen aufgezeichnet auf sieben altmodischen Audiokassetten. Alle Hinterbliebenen sollen sich anhören, wie Hannah verraten und lächerlich gemacht wurde – in ihren Freundschaften wie bei den ersten sexuellen Begegnungen. Man erfährt von Entblössungen, unglücklichen Zufällen und davon, wie gut gemeint weiterhin das Gegenteil von gut ist (gilt besonders für Eltern).

Hannahs filmisch aufbereitetes Suizidhörbuch ist nicht zuletzt eine erschütternde Rache an ihrer Umgebung, und man muss weder Jugendpsychologie studiert haben noch Suizidexpertin sein, um so einiges an «Thirteen Reasons Why» problematisch zu finden. Wie immer bei populären Selbstmordgeschichten droht der «Werther-Effekt»: die Nachahmungsgefahr. Bedenkt man den bekannten pubertären Narzissmus, müssen Hannahs posthume Inszenierung ihres Abgangs und die Schreine, die an der Schule für sie errichtet werden, stutzig machen. Die Message: Selbstmord macht dich zum Star der Schule. Schwer wiegt auch das altbackene Rollenbild, das die US-Serie unhinterfragt vorführt. Denn hätte man die sympathische Protagonistin nicht als allzu passiven Spielball männlicher Zu- und Abneigungen geformt, hätte alles anders herauskommen können.

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