Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Gender, Bullshit, Dinosaurier

Trotz des Anspruchs, in der Welt für Gendergerechtigkeit zu sorgen, kommen im humanitären Sektor immer mehr Fälle von sexueller Ausbeutung zum Vorschein. Es bildet sich Widerstand. Aber reicht das?

Von Markus Spörndli

Überall Täter, überall Menschen, die die Übergriffe geduldet haben: Uno-Generalversammlung mit ­Unaids-Chef Michel Sidibé am Rednerpult. Foto: Albin Lohr-Jones, Pacific Press / LightRocket via Getty

Ohne den Genderbegriff geht nichts mehr in der Entwicklungszusammenarbeit. Die Ermächtigung von Frauen ist ein Ziel von so ziemlich jedem Hilfsprojekt – neben dem Schutz von Kindern, Behinderten, LGBTI und anderen «gefährdeten Bevölkerungsgruppen».

Und dann die News: Im April wird in Nepal Peter Dalglish verhaftet. Der Sechzigjährige, der lange hohe Uno-Funktionen innehatte, wird beschuldigt, Kinder vergewaltigt zu haben. Offenbar missbrauchte der Kanadier, der in seinem Heimatland ein hochdekorierter Promi ist, jahrzehntelang seine humanitären Jobs zum Ausleben pädophiler Neigungen.

Allein aus Nepal könnte man noch ein paar ähnliche News aufzählen. Bekannter ist der «Oxfam-Skandal» (siehe WOZ Nr. 8/2018): Ein geleakter interner Bericht zeigte im Februar auf, dass verschiedene Mitarbeiter des grossen britischen Hilfswerks in Haiti Hilfsbedürftige – mutmasslich auch Minderjährige – als Prostituierte ausnutzten und dass die Oxfam-Leitung einigen der Täter einen unauffälligen Abgang gewährte, noch bevor die interne Untersuchung abgeschlossen war.

Das #MeToo-Momentum

«Oxfam ist wahrscheinlich die am wenigsten schlimme aller humanitären Organisationen», sagt die Aktivistin Lori Handrahan. «Es gibt viele weitere Täter, meist weisse Männer, die strafrechtlich verfolgt werden müssen, und viele Whistleblower, meist Frauen, die Schutz benötigen.» Seit Jahren übt Handrahan (wie auch Gry Tina Tinde, vgl. Interview: «‹Glauben Sie mir?›») vehemente Kritik an den Führungen internationaler Organisationen: Sie würden sexueller Gewalt nicht entgegentreten; sie würden die Täter statt die Opfer schützen.

Handrahan arbeitete zwei Jahrzehnte lang für Uno-Organisationen und internationale NGOs in Zentralasien, auf dem Balkan und in Afrika. Meist war sie Genderbeauftragte, und wieder und wieder stellte sie fest, dass sie nur zur Schönfärberei angestellt war. «Organisationen verstreuen das Wort ‹Gender› in allen Dokumenten, um die Geldgeber zufriedenzustellen», sagt die 48-Jährige, die in Washington D. C. lebt. «Für ein angekündigtes ‹Gender-Training› stehen dann aber weder ein Budget noch Mitarbeitende zur Verfügung.»

Im Zuge der #MeToo-Bewegung lancierte Handrahan zusammen mit anderen feministischen Kräften der humanitären Szene #AidToo. Als ein Resultat dieser Bewegung werden vermehrt vertrauliche Dokumente geleakt, die beweisen, dass sexuelle Gewalt und Diskriminierung in internationalen Organisationen gerade auch gegenüber den eigenen Mitarbeitenden grassieren.

So hagelt es in diesen Tagen Rücktrittsforderungen an den Unaids-Chef Michel Sidibé, weil er die mutmasslich systematischen sexuellen Übergriffe seines Stellvertreters auf Mitarbeiterinnen geduldet hatte. Die südafrikanische Autorin Sisonke Msimang, die früher für diese Uno-Organisation arbeitete, schreibt auf dem Nachrichtenportal «Al-Jazeera», dass der Unaids-Chef heute wie ein «Dinosaurier» dastehe: «Vor einigen Jahren hätte Sidibés Verhalten wohl nicht zu einem solchen Aufschrei geführt. Schliesslich kommen Männer im Uno-System schon lange dank Schikanen und Mobbing weiter. Aber die Welt ist in sehr kurzer Zeit eine andere geworden. Die Dynamik, die vom Widerspruch der Frauen in all den Institutionen ausgeht, hat das Spiel verändert.»

Lori Handrahan sieht hingegen kaum Fortschritte: «Die grossen Geldgeber verlangen nun zur Beruhigung einfach wieder mal einen Bericht. Finanziellen Druck, damit sich wirklich etwas ändert, üben sie nicht aus.»

Dem widersprechen InsiderInnen, gemäss denen zumindest die britische Entwicklungsagentur DFID und das Europäische Amt für humanitäre Hilfe (Echo) auf einschneidende Massnahmen zur Verhinderung sexueller Ausbeutung pochen. Andernfalls werde nächstes Jahr ein bedeutender Teil der Gelder gestrichen.

Tut die Deza genug?

Auch die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) hatte als eine der ersten Institutionen ihre Zahlungen an Oxfam auf Eis gelegt. Nun habe sich die Deza «mit einer systematischen Befragung zu spezifischen Massnahmen zur Prävention und zum Schutz vor sexueller Belästigung und Ausbeutung an alle institutionellen Partnerorganisationen gewandt», schreibt die Behörde auf Anfrage. Die Rückmeldungen seien «grösstenteils positiv». Die Präventionsmassnahmen müssten «sicherstellen, dass die Mitarbeitenden ausreichend informiert und sensibilisiert sind, dass Vorkommnisse gemeldet und geeignete Schritte zur Ahndung von spezifischen Fällen unternommen werden können».

Handrahan lässt sich davon nicht beeindrucken: «Das ist eine hundertprozentige Bullshitübung. Natürlich sind die Rückmeldungen positiv, NGOs wären ja blöd, schlechte Nachrichten mit ihren Geldgebern zu teilen. Was es braucht, sind handfeste Kontrollmechanismen, damit Mitarbeitende, die den humanitären Kontext für Verbrechen ausnutzen, nicht geschützt, sondern dem Rechtssystem zugeführt werden.»

Doch es gibt keine sofort anwendbare Massnahme, die das Machtgefälle verringern könnte, das in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe grundsätzlich besteht und sexuelle Gewalt begünstigt: oben die internationalen Organisationen und gut bezahlten Expats, unten die HilfsempfängerInnen und lokalen MitarbeiterInnen. Lori Handrahan zählt auf demografische Veränderungen in den Geberländern wie den USA, die bald nicht mehr mehrheitlich «weiss» sein werden. Und auf zunehmende Süd-Süd-Kooperation durch neue Geberländer wie China oder Nigeria und lokale Initiativen.

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