Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Lässt sich Armut wegspenden?

«Kosteneffiziente Entwicklungshilfe» ist ein Hype im Silicon Valley – und Realität im ländlichen Kenia. Am 17. November entscheiden die Zürcher Stimmberechtigten, ob die Stadt sich an diesem Prinzip orientieren soll.

Von Markus Spörndli (Text) und Brian Ongoro (Foto), Kisumu

«Ich weiss nicht, warum ich ausgewählt wurde und mein jüngerer Bruder zum Beispiel nicht»: Ben Oluoch mit seinem Motorrad vor dem neuen Haus, dass er sich dank Give Directly leisten konnte.

Die Vermögenden werden fast automatisch immer reicher. So geht Kapitalismus. Wer hingegen wenig Einkommen und gar kein Kapital hat, wird kaum je aus der Armut herauskommen. So geht die Armutsfalle.

Menschen aus der Armutsfalle zu führen, ist das Ziel verschiedenster Entwicklungsprogramme. Meist bestimmt dabei eine Regierungsstelle oder eine Hilfsorganisation, was für die Zielgruppe gut sein soll. Die Leistungen erfolgen üblicherweise nicht als Geldtransfers, sondern in Form von Naturalien oder Beratung – Ausbau der Infrastruktur im Gesundheitswesen etwa oder landwirtschaftliche Ausbildung für KleinbäuerInnen.

Vor elf Jahren kam eine Gruppe junger Entwicklungsökonomen in den USA zum Schluss, dass solche Programme weder wirkungsvoll noch kosteneffizient seien. Die vier gründeten kurzerhand eine eigene Organisation, die die Armutsbekämpfung aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse revolutionieren will – Give Directly mit Sitz in New York. Der Name ist ihr Versprechen: Die SpenderInnen geben Geld, das direkt als Geldüberweisung zu den EmpfängerInnen fliesst. Nun ja, mehr oder weniger direkt: Auch diese Organisation hat MitarbeiterInnen, die Kosten verursachen; zumindest sollen von einem gespendeten US-Dollar 88 Cent ausbezahlt werden.

Erzkapitalistische Gutmenschen

Give Directly steht ganz im Zeichen des Effektiven Altruismus (EA). Das ist ein philosophisches Konzept und eine soziale Bewegung, deren AnhängerInnen möglichst vielen Menschen durch evidenzbasierte und kosteneffiziente Projekte helfen wollen. Man könnte sie als erzkapitalistische Gutmenschen bezeichnen. Und sie betätigen sich oft gar nicht direkt als HelferInnen. Denn im Sinne der EA-Optimierung besteht für viele die beste Option darin, einen möglichst gut bezahlten Job anzunehmen, um möglichst viel Geld spenden zu können – zehn Prozent des Einkommens gilt als Regel.

Was in studentischen Kreisen Grossbritanniens begann, wurde im kalifornischen Silicon Valley zum Hype – und schwappt immer mehr auf Europa über. An Schweizer Unis entstand die Stiftung für Effektiven Altruismus, die 2016 in Zürich eine Volksinitiative lancierte: «Die Stadt unterstützt hochwirksame Hilfswerke im Bereich der Internationalen Zusammenarbeit mit einem Prozent ihres Budgets», so lautete der erste Satz im Initiativtext. Der Gemeinderat machte einen Gegenvorschlag, worauf die InitiantInnen ihr Begehren zurückzogen. Am 17. November können die Stimmberechtigten nun immer noch dafür sorgen, dass mindestens 0,3 «Steuerprozente» in die internationale Zusammenarbeit fliessen. Die heutige städtische Spendentätigkeit (rund drei Millionen Franken pro Jahr) würde sich dadurch etwa verdreifachen – und sie müsste sich an der «vorhandenen wissenschaftlichen Forschung über Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit» orientieren.

Das Evaluationsunternehmen Give Well in San Francisco, das die EA-Philosophie zur Grundlage hat, erstellt jährlich eine Rangliste der «kosteneffizientesten» und «wirksamsten» Hilfswerke. Auf einem der ersten Plätze befindet sich Jahr für Jahr: Give Directly.

Ein Dorf im Geldsegen

Die längste Erfahrung hat Give Directly in ländlichen Gegenden Kenias. Arme Familien erhalten nicht nur Almosen, sondern tatsächlich ein kleines Vermögen: umgerechnet rund 1100 Franken – das verdient ein ärmerer Haushalt auf dem Land üblicherweise innerhalb von zwei Jahren. Mit diesem Startkapital sollen die Familien tun, was sie für richtig halten, und sich so für immer aus der Armutsfalle befreien. So geht zumindest die entwicklungsökonomische Theorie.

Klingt gut. Und sieht auf den ersten Blick auch nicht schlecht aus. Zum Beispiel in einem Dorf im Siaya County im Westen Kenias, in Gehweite zum riesigen Victoriasee, fünfzig Kilometer von der Grossstadt Kisumu entfernt. Give Directly verlangt, dass keine Ortsnamen genannt werden, «um die Empfänger zu schützen». Nennen wir das Dorf Synema.

Dort wohnen rund hundert Familien. Die Lehmhäuser stehen weit auseinander, umgeben von ein paar Feldern mit Mais, Getreide und Gemüse, dazu ein paar Hühner und anderes Kleinvieh. Etwa die Hälfte der Familien in Synema haben vor gut zwei Jahren ihr Startkapital erhalten. Auch Ben Oluoch, seine Frau und die fünf Kinder. «Ich weiss nicht, warum ich ausgewählt wurde und mein jüngerer Bruder zum Beispiel nicht», sagt der 43-Jährige in seinem Wohnzimmer.

Oluoch war sofort klar, wofür er den Grossteil des Geldes verwenden würde, das ihm auf sein Mobiltelefon überwiesen wurde: «Ich habe ein neues Haus gebaut. Nun haben wir vier statt nur ein Zimmer.» Was vom Geld übrig blieb, legte Oluoch in einer lokalen Spargruppe an. Vom Erlös kaufte er sich ein Motorrad. Dieses vermietet er für rund drei Franken pro Tag an Jugendliche des Dorfes, die damit Taxi- und Botenfahrten machen und selbst Geld verdienen.

An den neuen Häusern mit frischen, dicken Lehmwänden und glänzenden Wellblechdächern, oft mit Solarpanel und TV-Empfang, kann man in Synema ziemlich präzise ablesen, wer Geld bekommen hat. Zuvor hatten die meisten noch strohbedeckte Häuschen. Die Grösse und Qualität der Wohngebäude war ein wichtiges Kriterium, mit dem Give Directly bestimmte, wer Geld erhält und wer nicht.

Auch Edwin Onyango investierte sein Kapital hauptsächlich ins Wohnen. Er vergrösserte das Familiengebäude, kaufte neue Sofakissen und baute dem ältesten Sohn ein eigenes Häuschen. «Ich dachte zuerst daran, mit dem Geld Mango-, Orangen- und Papayabäume zu kaufen», sagt der 61-Jährige. «Doch der Ausbau des Hauses war dringender.»

Etwas weiter im Dorf steht eine Gruppe von drei stattlichen, aber etwas heruntergekommenen Häusern, die Dächer blass, die Mauern morsch. Vor dem mittleren Gebäude liegt eine alte Frau auf einer Strohmatte. Jane Achiambo heisst sie, ihr Geburtsjahr müsste sie auf der ID-Karte nachschauen, aber sie weiss noch, dass sie 1954 geheiratet hat. Sie kann sich auch erinnern, dass Leute von Give Directly hier waren. «Wir haben es nicht bekommen», sagt sie mit leiser, brüchiger Stimme.

Eine deutlich jüngere Frau kommt vorbei. «Unser Ehemann ist vor über zwanzig Jahren gestorben, Jane ist seine erste Frau, ich bin die dritte.» Sie glaubt, dass sie von Give Directly nicht ausgewählt wurden, weil sie dem Projekt misstrauten und mehr darüber wissen wollten. Dann verschwindet sie nebenan in ihrem Haus.

Erste Studien über die Wirkung solcher einmaliger Geldtransfers waren fast schon euphorisch: Wenige Jahre nach der Zahlung waren Vermögen und Einkommen der EmpfängerInnen deutlich höher als in der sogenannten Kontrollgruppe, die nichts erhalten hatte. Langzeitstudien für die Projekte von Give Directly stehen allerdings noch aus. In einem anderen Versuch in Uganda, wo die Leute weniger Startkapital erhielten und dieses in die Berufsbildung investieren mussten, war der positive Effekt nach vier Jahren noch da – aber nach neun Jahren verschwunden.

Ob die Geldtransfers in Synema länger nachwirken, ist fraglich. Der grösste Teil des Kapitals wird ins Wohnen investiert, was zu mehr Lebensqualität führt, aber nicht zu mehr Einkommen. Wenn die Leute Motorräder oder Fruchtbäume kaufen, ist das sicher zukunftsträchtiger. Aber auch dann ist ungewiss, ob das Investment erneuert werden kann, falls das Motorrad kaputtgeht oder die Plantage einer Dürre zum Opfer fällt.

Die Regenfälle sind in den letzten Jahren sehr unregelmässig geworden. Nur ein Teil der verfügbaren Flächen in Synema wird landwirtschaftlich genutzt. Ben Oluoch erwartet mehr staatliche Leistungen: «Wir bräuchten ein Bewässerungssystem und landwirtschaftliche Beratung.»

Selbst mit geschenktem Kapital ist es nicht so einfach, der Armutsfalle zu entkommen. Besonders in einem Land wie Kenia, wo KleinbäuerInnen kaum staatliche Unterstützung erhalten und praktisch auf sich allein gestellt sind. Und wo ein Dorf nicht unbedingt eine Gemeinschaft ist. In Synema gibt es kein Dorfzentrum, kaum gemeinschaftliche Räume ausser einer Schule. Aus dem individuellen Kapital wurde nichts Gemeinschaftliches geschaffen, keine kollektive Entwicklung.

Von McKinsey nach Kenia

Dem Leiter des Keniaprogramms von Give Directly ist bewusst, dass ein Startkapital nicht die Lösung aller Armutsprobleme bedeutet. Mark Laichena sitzt in seinem Büro in Nairobi und vertritt eine bescheidenere Vision als die vier Gründer und manche GrossspenderInnen aus dem Silicon Valley. «Ich sage nicht, dass Geldtransfers per se besser sind als andere Formen der Entwicklungszusammenarbeit», sagt der knapp Dreissigjährige. «Jede Organisation sollte die Hilfe aber evidenzbasiert vergeben und fragen: Ist die geplante Massnahme effektiver, als wenn wir einfach Geld verteilen würden?»

Laichena ist ein typischer Vertreter des Give-Directly-Managements, das meist jung ist und oftmals schon eine Karriere im Investmentbanking oder in der Unternehmensberatung hinter sich hat. Laichena wurde nach dem Bachelorabschluss McKinsey-Berater in Washington. Die Unternehmensberatung schickte ihn nach Nairobi, wo er sich bald die Sinnfrage stellte: «Es musste etwas Besseres geben, als multinationale Unternehmen zu beraten.»

Give Directly versteift sich keineswegs auf die Idee, mittels Startkapital die Armutsfalle ein für alle Mal zu beseitigen. 2017 startete Give Directly das weltweit grösste Experiment mit einem universellen Grundeinkommen. In fast 200 kenianischen Dörfern erhalten alle erwachsenen BewohnerInnen zwölf Jahre lang umgerechnet 22 Franken pro Monat – den Betrag, den man auf dem Land in etwa zum Überleben braucht. Derzeit werden Daten gesammelt, um auszuwerten, welche Art von Geldtransfer wirksamer ist. Doch ob Startkapital oder Grundeinkommen: Es ist absehbar, dass individuelle Geldtransfers in Kenia keine entwicklungspolitische Revolution auslösen. Schon 2005 schrieb der Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs, dass neben Geld weitere Kapitalformen notwendig seien, um aus der Armutsfalle zu kommen: Human-, Umwelt-, Wissens- und Sozialkapital.

Für eine langfristige Verbesserung müssten direkte Geldtransfers womöglich mit traditionelleren Massnahmen der internationalen Zusammenarbeit verbunden werden. Das scheinen manche Organisationen erkannt zu haben: Nicht nur in humanitären Notsituationen sind Bargeldzahlungen längst etabliert. So setzen etwa die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und Caritas Schweiz Geldtransfers bereits ausserhalb von reinen Notsituationen ein – doch immer im Rahmen staatlicher Massnahmen.

Das ist auch die Position von Solidar Suisse. «Gib den Leuten Geld in die Hand! Das kann zu Empowerment führen», sagt Felix Gnehm, Kodirektor der linken Hilfsorganisation. «Wir schätzen solche Projekte grundsätzlich als positiv ein – aber nur, wenn bereits eine Grundversorgung sichergestellt ist.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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