Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Wahnsinn statt Multilateralismus

Von Markus Spörndli

Das war die grossartigste Trump-Woche aller Zeiten. Zuerst zwei Tage Angst und Abscheu in Quebec; ein Grüppchen vernunftbegabter Regierungschefs grösserer Industrienationen, die Donald Trump zeitweise sogar in kooperative Stimmung versetzten. Dann, noch vor Abschluss des G7-Gipfels, der Abflug in Richtung Singapur, ein Tweet in die Niederungen der Welt, mit dem der US-Präsident alles annullierte, was er Stunden zuvor noch feierlich verkündet hatte. Schliesslich die Landung in Singapur, das spektakulär nach Hollywood-Drehbuch inszenierte Treffen mit Nordkoreas Führer Kim Jong Un, gegenseitige Schmeicheleien, ein Deal.

Ein paar Tage, die den ganzen Wahnsinn dieser US-Präsidentschaft wie in einem Zeitraffer verdichteten. Das Gute ist – und dafür sollte ihn die ganze Welt auch immer wieder loben, ja lieben –, dass Trump noch immer keinen Krieg provoziert hat. Dies, obwohl in den USA bald die Zwischenwahlen anstehen und erwiesen ist, dass sich mit sauber in Szene gesetzten Waffengängen Wahlen gewinnen lassen. Möglicherweise spart sich Trump die Kriegskarte für die eigene Wiederwahl auf. Aber dass er Kim zuerst als Staatsfeind Nummer eins aufbaute, ihm und dessen stalinistisch geführtem Reich mit einer Vernichtung apokalyptischen Ausmasses drohte, nur um ihm Wochen später die Aufwartung zu machen und einen Deal unter ebenbürtigen Partnern zu unterbreiten: Das ist schon ziemlich verblüffend und zumindest nicht das Worst-Case-Szenario.

Natürlich ist der Deal kaum das Papier wert, auf dem er geschrieben steht. Eine «Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel», ohne jegliche Verbindlichkeit und Kontrolle, steht einem mündlichen Versprechen Trumps gegenüber, die Militärübungen mit Südkorea auszusetzen (was Vizepräsident Mike Pence schon mal anders sieht). Das ist sicher kein historischer Schritt hin zur Lösung eines brisanten Konflikts, sondern höchstens eine historische Inszenierung zweier notorischer Dealbrecher. Jetzt vergleichen sie nur die Innenausstattung ihrer Limousinen, morgen aber vielleicht schon wieder die Grösse ihrer Atomknöpfe.

Der Multilateralismus liegt nach dieser Trump-Woche im Koma. Im Koreakonflikt halten nun die Grossmächte USA und China die Zügel in der Hand, ob das den Regierungen Südkoreas und Japans passt oder nicht. Im Handelskonflikt teilt Trump gegen die westlichen Alliierten stärker aus als gegen den offiziellen Bösewicht China. Selbst die Linke, die mächtige Klubs wie die G7 gerade noch bekämpfte, kann froh sein, falls der Multilateralismus irgendwann wieder zum Leben erwacht.

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