Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Was stand in Ihrer Fiche, Frau Weber?

Im November 1989 flog die Fichenaffäre auf. Dreissig Jahre später blickt die Grundrechtsaktivistin und ehemalige Berner Stadtparlamentarierin Catherine Weber zurück – auf einen Skandal, der damals die Schweiz erschütterte.

Von Merièm Strupler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Catherine Weber an der Taubenstrasse 16 in Bern: «Wegen der fünfzigjährigen Sperrfrist werde ich mein Originaldossier wohl nicht mehr selbst einsehen können.»

WOZ: Frau Weber, im November 1989 wurde bekannt: Der Schweizer Geheimdienst hatte über 900 000 Personen überwacht und fichiert. Ahnten Sie, dass Sie eine davon sind?
Catherine Weber: Nein!

Wie war das für Sie, von der eigenen Fiche zu erfahren?
Es hat mich schockiert und wahnsinnig wütend gemacht! Ich habe mich davor recht unbedarft politisch engagiert. Für mich war klar: Alles, was ich mache, liegt im Rahmen der Legalität. Nicht ganz alles – aber praktisch alles. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, dass ich fichiert sein könnte. Wenn man sich ständig nur überlegt, dass man überwacht werden könnte, macht man am Schluss gar nichts mehr.

Wofür hatten Sie sich politisch eingesetzt?
Ich habe mich für Flüchtlinge und Migrantinnen engagiert, Initiativen und Referenden mitlanciert, ich war im Christlichen Friedensdienst in der Flüchtlingskommission. Das war überhaupt nichts, weswegen ich hätte denken müssen, dass ich überwacht würde.

Was stand denn in Ihrer Fiche?
Meine gesamte politische Karriere. Die Übergabe einer Petition für den Aufenthalt einer Flüchtlingsfamilie an den Regierungsrat. Die Retraite des Christlichen Friedensdiensts. Unser Referendum gegen das Asyl- und Ausländergesetz. Mein Antiapartheidengagement. Alles schön säuberlich aufgeschrieben.

Waren diese Daten öffentlich zugänglich, oder kamen sie von Informantinnen und Informanten?
Vermutlich beides. Einerseits war ich mit meinem Engagement öffentlich auffindbar – etwa als Mitarbeiterin des Antiapartheidkomitees. Aber wenn wir jeweils der Justiz- und Polizeidirektion an der Berner Kramgasse eine Petition überreichten, dann nicht in meinem Namen, sondern im Namen einer Organisation. Da aber alle, die bei der Übergabe dabei waren, fichiert waren, musste jemand vor Ort gewusst haben, wer wer ist.

Haben Sie herausgefunden, wer das war?
Nein. Informantennamen, Polizistennamen, Staatsschutzagentennamen – das alles war stets eingeschwärzt.

Bis heute?
Bis heute – mit einer ausserordentlichen Sperrfrist von fünfzig Jahren. Ich werde mein Originaldossier wohl nicht mehr selbst einsehen können. Obwohl, vielleicht mit 83 Jahren könnte ich es schaffen.

Trotzdem gingen gewisse politische Kreise sicherlich schon vor der Fichenaffäre davon aus, dass sie überwacht werden – oder etwa nicht?
Man wusste immer, dass es so etwas wie einen Staat im Staat gibt. Der Staatsschutz hat während des Kalten Kriegs fichiert wie blöd und anschliessend eine Eigendynamik entwickelt. Sehr linke Kreise haben schon immer vor Überwachung gewarnt. Aber mit dieser Dimension hat niemand gerechnet. Die Fichierung ging weit über diese Kreise hinaus – und das ohne rechtliche Grundlage. Dieses Ausmass hatte niemand erwartet. Das war der Skandal!

Dabei flog die Fichenaffäre nur durch Zufall auf. Eigentlich sollte die Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) die Amtsführung der FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp untersuchen …
Die PUK hatte den Auftrag, zu prüfen, was rund um das Telefongespräch zwischen Kopp und ihrem Mann Hans W. Kopp falsch gelaufen war. Kopp hatte ihren Ehemann wegen Ermittlungen in einem Fall von Geldwäscherei gewarnt. Hätte sie damit gewartet, bis sie am Abend zu Hause gewesen wäre – wir wüssten bis heute nichts von den Fichen. Eigentlich müssen wir ihr dankbar sein.

Für den Fall Kopp nutzte die PUK abhörsichere Räume der Bundespolizei an der Berner Taubenstrasse …
Aus einer Laune heraus haben einige Parlamentarier und Parlamentarierinnen in der Pause die Schränke angeschaut – und eine riesige, alphabetisch geordnete Karteikartensammlung entdeckt. Die grüne Nationalrätin Rosmarie Bär schaute zufällig bei «B» nach und merkte: «Huch, das bin ja ich!» Das war der Beginn.

Wie haben Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahrgenommen, als alles aufflog?
Einen Moment lang hat der Fichenskandal wirklich das Land erschüttert. Das war eine Riesengeschichte. Der «Blick» hat auf der Titelseite einen Musterbrief gedruckt, wie man Einsicht in die Fichen verlangen kann. Das würde er heute wohl nicht mehr machen. Damals war es ein Indiz dafür, wie schockiert viele waren.

Gab es auch Momente, in denen Ihnen die Überwachung Angst gemacht hat?
Nein, wir waren ja alle so hässig. Doch diese Wut war ein guter Antriebsmotor: für die Gründung des Komitees gegen den Schnüffelstaat; für all unsere Aktionen wie zum Beispiel für die Protestpiketts, die wir bis zur grossen Demo vom 3. März 1990 jeden Mittag vor der Taubenstrasse 16 abhielten.

Catherine Weber (63) hat als Sekretärin des Komitees «Schluss mit dem Schnüffelstaat» die Fichenaffäre aufgearbeitet. Vom Geheim-dienst fichiert wird ihr politisches Engagement bis heute: inzwischen als ehrenamtliche Geschäftsführerin des Vereins grundrechte.ch.

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