Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Keine Party, keine Dealer

Bei einem Abstecher ins Vergnügungsviertel trifft Kriminalpolizistin Vera Brandstetter nur auf leere Trottoirs. Dafür ist sie nun der Frau auf der Spur, die sich wiederholt mit der Polizei angelegt hat.

Von Stephan Pörtner (Text) und Christina Baeriswyl (­Illustration)

Brandstetter ging zu Fuss zur Hauptwache. Nicht wegen des Virus; die zwei Jahre, die sie in der Agglomeration gewohnt hatte und die S-Bahn hatte benutzen müssen, hatten ihr den öffentlichen Verkehr gründlich verleidet. Die Stadt war still, vereinzelt waren Autos und Velos unterwegs, FussgängerInnen allein oder in Zweiergruppen. Sie wichen einander aus, wenn sie sich kreuzten. Es herrschte eine Stimmung wie an einem Pfingstmontag. Die Leute waren der Ausnahmesituation schon überdrüssig und sehnten den eben noch als langweilig bis unerträglich empfundenen Alltag herbei.

Auf der Wache gingen die KollegInnen den Wänden entlang, grüssten nur kurz. Normalerweise war es lebhafter. Inzwischen waren selbst die ausdauerndsten SprücheklopferInnen verstummt. Brandstetter öffnete die Tür des Büros, das sie mit Polizeiwachtmeister Glattfelder teilte. Er war nicht da. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, auf dem ein Papierstapel lag. Sie überlegte, ob sie ein Paar der Gummihandschuhe anziehen sollte, die bei Personenkontrollen verwendet wurden, hielt das aber für übertrieben und begann zu lesen.


Ihre Balkonnachbarin hiess Frieda Emma Rutishauser und war am 12. Februar 1954 in einem Dorf im Aargau zur Welt gekommen. In der Stadt angemeldet hatte sie sich erstmals 1975; seit 1986 wohnte sie in der Wohnung, in der Brandstetter sich umgesehen hatte. Von Beruf war sie Krankenpflegerin, seit zwei Jahren pensioniert. Seit Ausbruch der Krise wurden Pflegekräfte aus dem Ruhestand zurückgeholt. Vielleicht war sie irgendwo im Einsatz. Auf alle Fälle würde sie sich zu helfen wissen. Brandstetter blätterte in den Papieren und benetzte unbewusst den Finger mit der Zunge. Frieda war immer wieder mit der Polizei in Konflikt geraten, die Einträge reichten bis in die Mitte der siebziger Jahre zurück. Teilnahme an Kundgebungen der Frauenbefreiungsbewegung, verhaftet bei einer Sitzblockade vor einem Atomkraftwerk. Später engagierte sie sich in einem Verein, der Übergriffe der Polizei dokumentierte und anzeigte, zu Beginn vor allem solche gegenüber Demonstranten, später auch gegenüber Drogenabhängigen, MigrantInnen, Randständigen. Sie hatte Prozesse gegen Beamte angestrengt und verloren. Was Frieda wohl davon halten würde, dass sich ausgerechnet eine Polizistin Sorgen um sie machte? Nicht viel, vermutete Brandstetter, während sie den Rest der Papiere überflog. In Spitälern anzurufen oder gar vorbeizugehen, um nach ihr zu fragen, war in der aktuellen Situation nicht angebracht.

Das unterste Blatt war ein ausgedrucktes Mail: «Die Frau im Wald ist Valeria Budai aus Visegrad, Ungarn.» Das Mail war vor drei Tagen von einem Gmail-Account aus verschickt worden. Brandstetter verwünschte die verschlungenen Wege, die Informationen bei der Polizei mitunter nahmen. Sie schrieb ein Mail an die Adresse und bat um Rückmeldung. Sie rief das Phantombild der Toten auf und kopierte es in eine Vorlage, in der in acht Sprachen, darunter Ungarisch, gefragt wurde, wer diese Person kenne. Sie musste nur das Alter und die Grösse eintragen und druckte dreissig Kopien aus. Manchmal half diese altmodische Methode mehr als das Veröffentlichen des Bildes im Internet und in den Medien. Wer kein Deutsch sprach, las keine Schweizer Zeitungen und schaute nicht die «Tagesschau». SchweizerInnen und AusländerInnen lebten nah beieinander, aber in verschiedenen Welten, daran änderte auch der Lockdown wenig. Sie fand einen Plastiksack, stopfte die Akten und Ausdrucke hinein. Im Gehen schrieb sie Thorsten eine Whatsapp-Nachricht. Weil es in ihrem Job nicht immer möglich war, die vorgeschriebene Distanz einzuhalten, hatte sie sich selbst ein Kontaktverbot verhängt. Er schrieb sofort zurück. Seine Worte brachten ihre vernünftigen Vorsätze ins Wanken.


Auf dem Heimweg machte sie einen Abstecher ins Vergnügungsviertel. Eine Frau aus Ungarn, da ist «Milieu» das Erste, was einem in den Sinn kommt. Nur war das Milieu verschwunden. Die Strassen, auf denen sonst die Frauen und die Dealer standen, waren leer. Auch der Drogenhandel litt unter der Krise. Partydrogen waren mangels Partys nicht mehr gefragt, die Kiffer würden mittelfristig nicht allein aus heimischer Produktion versorgt werden können. Irgendwo wurden wohl ungenutzte Produktionsstätten und leere Lager zu Indoorplantagen umgenutzt. Die Schliessung der Grenzen und die verstärkten Kontrollen trieben die Preise für importierte Drogen in die Höhe. Auf verlassenen Trottoirs liessen sich keine diskreten Geschäfte machen. Das Publikum fehlte, weil die Studios und Kontaktbars ebenso geschlossen waren wie die Clubs. Brandstetter fragte sich, was aus diesen Frauen wurde, ob sie auch Geld vom Bund beantragen konnten. Daran, was mit jenen geschah, die mit Touristinnenvisas durch Europa geschleust worden waren und jetzt keinen Gewinn mehr erwirtschafteten, wollte sie lieber nicht denken. An einer viel frequentierten Busstation hängte sie den Steckbrief auf. «Valeria», sagte sie zu dem Bild, «heisst du wirklich so?» Bevor sie in die Wohnung hinaufging, schaute sie zu Friedas Balkon, der leer war, und klingelte noch einmal.

Dies ist der 3. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1., 2., 4., 5., 6., 7., 8., 9. und 10. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun
Lockdown (5): Die Frau auf dem Phantombild
Lockdown (6): «Homeoffice, das ist doch ein Witz»
Lockdown (7): Zeit für die Kavallerie
Lockdown (8): Als die Einkaufstüte riss
Lockdown (9): Uralte Statuten
Lockdown (10): Ach, die lieben NachbarInnen

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