Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

Uralte Statuten

Vera Brandstetter verfolgt weiter die Spur der verschwundenen Frieda – und stösst dabei auf eine Hausgenossenschaft im Kriegszustand.

Von Stephan Pörtner (Text) und Christina Baeriswyl (Illustration)

Brandstetter klingelte bei Simone, die oben an Frieda wohnte. Keine Antwort. Sie schellte erneut und länger.

«Was ist denn?» Vom Balkon nebenan schaute Cornelia herunter.

«Ich wollte mit Ihrem Sohn sprechen …»

«Die sind nicht zu Hause. Sie mussten mal raus, alle zusammen.» Sie beugte sich ein wenig über das Balkongeländer. «Mark und Simone hatten furchtbaren Streit gestern Abend.»

«Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ich habe ein paar Fragen.»

«Sie waren schon mal da, vor ein paar Wochen.»

«Ja, es geht um Frieda.»

«Ich weiss nichts von Frieda.» Cornelia trat vom Geländer zurück.

«Sie wollen das Haus in Stockwerkeigentum umwandeln. Frieda hat es verhindert. Das Urteil wurde wenige Tage vor ihrem Verschwinden gefällt.»

«Was geht Sie das an?»

«Ich bin Polizistin.» Sie zückte ihren Ausweis, der vom Balkon aus nicht erkennbar war. Die Frau verschwand, und der Summer ertönte.

Die Wohnung bestand nur aus der Küche und dem grossen Schlafzimmer mit Balkon. Sie setzten sich an die entgegengesetzten Enden des Küchentischs, ein Modell aus den siebziger Jahren mit rot marmorierter Resopalplatte. So einer hatte auch bei Brandstetters Eltern gestanden, in Grau.

Cornelia bot ihr nichts an.

«Die Polizei hatten wir schon lange nicht mehr im Haus.»

«Früher scheint hier ziemlich etwas los gewesen zu sein.»

«Pah, das ist schon so lange her. Wir waren jung, wollten die Welt verändern. Sie hat sich verändert, mehr, als wir uns vorstellen konnten, aber nicht so, wie wir gehofft haben. Wir sind alt und wollen nur noch unsere Ruhe.»

«Ausser Frieda.»

«Ausser Frieda. Sie kann nicht loslassen. Klammert sich an die überholten Ideale und macht allen das Leben schwer. Es ist halt das Einzige, was sie hat. Sie ist kinderlos geblieben, wissen Sie.»

Na klar, dachte Brandstetter, das erklärt alles. Sie war selber in einem Alter, in dem einige fanden, sie verpasse den Zweck ihres Daseins, wenn sie sich nicht bald fortpflanzen würde. Dabei war sie gerade jetzt besonders froh, nie den Wunsch danach verspürt zu haben.

«Nur der Starrsinn treibt sie noch an, um nicht zu sagen, die Bösartigkeit. Sie hätte den ganzen ersten Stock bekommen. Da könnte sie ihr stalinistisches Wohnheim machen, aber nein.»

«Wie wäre das Haus aufgeteilt worden?»

«Mark und ich hätten den zweiten Stock und das Parterre bekommen. Theo und Hannah den dritten und den Dachstock. Der darf ausgebaut werden.»

«Theo und Hannah sind ein Paar?», wunderte sich Brandstetter.

Cornelia lachte. «Nein, wo denken Sie hin. Pablo und ich waren das einzige Paar im Haus, damals, als wir es übernommen haben. Das gab Anlass zu endlosen Diskussionen. Zweierkisten wurden als bourgeois angesehen, die Kleinfamilie als Keimzelle allen Übels. Als Marks grosse Schwester zur Welt kam, wären wir fast ausgeschlossen worden. Damals haben wir davon profitiert, dass bei wichtigen Beschlüssen alle einverstanden sein müssen. Mit der Einigkeit war es schon vorbei, als die Jugendbewegung aufkam. Frieda und wir, die Jüngeren, hatten Sympathien. Theo, Hannah und die anderen waren entsetzt. Sie sahen sich als die Avantgarde, die das Volk zur Revolution führen würde. Die jugendlichen Chaoten waren ihnen ein Gräuel. Frieda lud die jungen Leute zu uns ein, es gab heftigen Streit. Das war der Anfang vom Ende der gemeinsamen Vision. Mit der Zeit fand ein Rückzug ins Private statt: Paarbeziehungen, Familien, Trennungen, sogar Hochzeiten und Scheidungen. Wir haben einander schon lange nichts mehr zu sagen.»

«Darum wollten Sie die Genossenschaft auflösen?»

«Der Plan besteht schon seit langem. Wir sind aneinandergekettet, Hannah will aufs Land, ein Häuschen im Toggenburg oder so etwas, nur hat sie das Geld nicht. Theo hat bei der Stadt Karriere gemacht, sich einen guten Posten gesichert. Bis er mit 61 abserviert wurde, fristlos entlassen. Da war etwas mit einer jungen Kollegin. Er fand keinen Job mehr, seither ist er verbittert, gibt den Frauen und der politischen Korrektheit die Schuld an seinem Abstieg und driftet immer weiter nach rechts. So sehr, dass er sich in Ungarn niederlassen will, in einer Gegend, in der vor allem pensionierte deutsche Wutbürger leben. Ich brauche nicht viel, aber für meinen Sohn und seine Familie wären die Einnahmen von den Läden, wenn die vermietet würden, ein willkommener Zustupf. Die kommen ja kaum über die Runden.»

«Frieda hat es verhindert.»

«Dass sie mit diesen uralten Statuten durchkommt, das ist doch absurd. So können wir nie etwas ändern.»

«Ausser Frieda bleibt verschwunden.»

«Wissen Sie, wie lange es geht, bis jemand für tot erklärt wird? So blöd kann man doch gar nicht sein.»

«Wieso, was ist mit Frieda geschehen?»

«Ich weiss es nicht.»

«Antworten Sie mir! Wann haben Sie Frieda zum letzten Mal gesehen?»

«Ein paar Tage bevor Sie geläutet haben. Ich habe sie in der Waschküche getroffen.»

«War sonst noch jemand in der Waschküche?»

«Ja, und es gab heftigen Streit. Die beiden hassten sich.»

Dies ist der 9. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1., 2. ,3. ,4., 5., 6., 7., 8. und 10. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun
Lockdown (5): Die Frau auf dem Phantombild
Lockdown (6): «Homeoffice, das ist doch ein Witz»
Lockdown (7): Zeit für die Kavallerie
Lockdown (8): Als die Einkaufstüte riss
Lockdown (10): Ach, die lieben NachbarInnen

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