Nr. 18/2020 vom 30.04.2020

Zeit für die Kavallerie

Die Suche nach Hinweisen zum Ableben von Valeria Budai geht weiter: Kriminalpolizistin Vera Brandstetter klingelt bei der letzten Arbeitgeberin des toten Kindermädchens – und wird abweisend empfangen.

Von Stephan Pörtner (Text) und Christina Baeriswyl (Illustration)

Brandstetter drückte die Klingel. Die Siedlung lag still da. Sie war schön gelegen, die Wohnungen hatten grosse Terrassen. Trotzdem wirkte sie ausgestorben. Die Leute sollten doch zu Hause sein. Oder sie waren alle in ihre Zweitdomizile geflohen.

«Ja?», schnarrte die Gegensprechanlage.

«Brandstetter, Kriminalpolizei. Lassen Sie mich rein.» Von Anfang an bestimmt auftreten. War wichtig. Der Summer ertönte, sie drückte die Tür auf und trat ins Treppenhaus. Es roch nach Reinigungsmittel mit Blütenduft.

Die Familie Graziano wohnte im zweiten Stock. Unter der Tür wartete eine Frau Ende dreissig mit langen, braunen Haaren. Ihre Lippen waren zu gross, die Backenknochen zu hoch, die Augen leicht verzogen. Ein Gesicht, das ungeschminkt nicht funktionierte. Sie trug einen flauschigen, pinken Trainingsanzug mit dem Chanel-Logo über der Brust. Hinter einem ihrer langen Beine schaute ein Mädchen von etwa sieben Jahren hervor.

«Frau Graziano? Ich muss mit Ihnen reden. Es geht um Valeria Budai, Ihre Nanny.»

Die Pupillen der Frau, die nicht aussah, als hätte sie einen guten Tag gehabt, weiteten sich. Der Rest des Gesichts blieb unbewegt.

«Bist du die Esmeralda?», fragte Brandstetter und beugte sich zum Mädchen, das verwundert zurückwich. Auch die Mutter trat zur Seite. Das war der Zweck des Manövers, sie war in der Wohnung.

«Wo können wir reden?»

«Es ist nicht aufgeräumt.» Die Mutter sprach Hochdeutsch mit leichtem Akzent, den Brandstetter nicht einordnen konnte.

«Das macht nichts.» Brandstetter schob sie sanft in Richtung der Fensterfront, ins Wohnzimmer. Gross der Bildschirm, gross das Sofa aus weissem Leder, gross die Unordnung: Spielzeug, Kleider, Zeitschriften, Pizzakartons, Teller und leere Dosen. Rechts, etwas zurückversetzt, stand ein Esstisch, der so lang war wie Brandstetters Wohnung breit. Frau Graziano wies auf einen der Stühle mit den hohen Rückenlehnen. Das Kind trat an den Tisch.

«Geh in dein Zimmer. Wir müssen etwas besprechen.»

«Es geht um Vali», sagte Brandstetter freundlich. Esmeralda schossen Tränen in die Augen.

«Los», zischte die Mutter, und das Kind zog ab.

«Valeria hat als Nanny für Sie gearbeitet.»

Die Finger der Frau verknoteten sich.

«Keine Angst, ich bin nicht von der Sozialversicherung.»

Die Hände lösten sich und fuhren in die Höhe. «Sie ist einfach weggelaufen, gerade als die Krise losging. Wahrscheinlich wollte sie heim zu ihrer Familie. Ich konnte keinen Ersatz mehr finden, die Grenzen sind dicht.» Sie schüttelte den Kopf. «Es ist eine Katastrophe. Ich bin völlig fertig. Kochen, putzen, auf die Kleine aufpassen und jetzt noch Schule geben. Ich kann das nicht.» Die Verzweiflung war echt.

«Sie hat Ihnen den ganzen Haushalt gemacht?»

Der Zeigefinger der rechten Hand, geziert von einer langen, gebogenen Kralle, stiess vor. «Hören Sie, Valeria hat 700 Euro im Monat verdient. Netto, dazu Kost und Logis. So viel verdient in Ungarn ein Universitätsprofessor. Es war für alle das Beste, aber die Schweizer Gesetze lassen so etwas nicht zu, lieber lässt man Drogenhändler und Prostituierte ins Land.»

«Warum haben Sie eine ungarische Nanny, stammen Sie von dort?»

«Nein, sie wurde mir empfohlen. Valeria gehört der deutschen Minderheit in Ungarn an. Sie sprach perfekt deutsch.»

Sprach, dachte Brandstetter, und sie hat immer noch nicht gefragt, warum ich sie suche.

«Wo hat sie denn gewohnt?»

«Hier bei uns.»

«Sie hatte ein eigenes Zimmer?»

«Nein, sie schlief bei Esmeralda, das war am besten so, für alle.»

«Wieso glauben Sie, dass sie davongelaufen ist? Gab es einen Grund?»

«Der Grund ist, dass die Menschen undankbar und egoistisch sind.»

«Valeria ist tot. Wir haben ihre Leiche im Wald gefunden.»

Die Frau schaute starr vor sich hin. Sie wusste es bereits.

«Wo ist Ihr Mann?»

«Er ist einkaufen gegangen. Das dauert Stunden. Er fährt in den Nachbarkanton, nur um möglichst lange weg zu sein.»

«Darf ich Ihre Tochter etwas fragen?»

«Nein. Es ist schwer genug für sie. Valeria hat sie seit ihrem zweiten Lebensjahr betreut. Ihr Verschwinden war ein Schock für sie, und jetzt noch dieses Virus.»

Mit einem Ruck erhob sie sich. «Ich weiss nicht, was mit Valeria passiert ist. Bitte gehen Sie jetzt.»

Brandstetter stand auf und legte ihre Karte auf den Tisch.

«Ihr Mann soll sich sofort melden, wenn er zurückkommt. Wenn ich in den nächsten drei Stunden nichts höre, wird er zur Fahndung ausgeschrieben.»

Frau Graziano sagte etwas von einem Anwalt, Brandstetter liess sie einfach stehen und ging zur Wohnungstür. Eine Zimmertür öffnete sich einen Spaltbreit, Esmeralda spähte hinaus und steckte ihr ein zusammengefaltetes Papier zu. Die Pantoffeln der Mutter klackten heran. Brandstetter verliess die Wohnung. Die Tür wurde hinter ihr verriegelt. Sie faltete das Blatt auf. Die Zeichnung stellte eine Frau in einem blauen Kleid dar, die eine Treppe hinunterfällt. Unten ein Mann mit einem langen, grauen Auto.

Sie griff zum Handy. Zeit für die Kavallerie.

Dies ist der 7. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1., 2. ,3. ,4., 5., 6., 8., 9. und 10. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun
Lockdown (5): Die Frau auf dem Phantombild
Lockdown (6): «Homeoffice, das ist doch ein Witz»
Lockdown (8): Als die Einkaufstüte riss
Lockdown (9): Uralte Statuten
Lockdown (10): Ach, die lieben NachbarInnen

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch