Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Als die Einkaufstüte riss

Der eine Fall klärt sich, doch die verschwundene Frieda lässt Kriminalpolizistin Vera Brandstetter weiterhin nicht los. Auch wenn ihr Freund Thorsten sie mit seiner Frisur und seiner Küche ablenkt.

Von Stephan Pörtner (Text) 
und Christina Baeriswyl (Illustration)

Seit Montag waren die Coiffeursalons wieder offen. Vera Brandstetter hoffte, dass Thorsten als einer der Ersten hinginge, doch dem gefiel sein neuer Look. Ihr Freund glich zusehends einem aufgeplatzten Stoffball, aus dem die orangefarbene Füllung quoll. «Solange ich nicht zur Arbeit muss, gehe ich auch nicht zum Frisör», hatte er beschlossen.

Er arbeitete als Koch, und es gab Hoffnung, dass sein Betrieb bald wieder aufgehen würde. Der Umgang mit den Bestimmungen war in den letzten Wochen lockerer geworden, die Disziplin liess nach. Thorsten stand eines Abends vor Brandstetters Tür, und sie wies ihn nicht ab. Er kam seither oft vorbei und bekochte sie. Eine ausgewogene Ernährung war wichtig für das Immunsystem, rechtfertigte sie ihr Verhalten.

Im Wald entsorgt

Seit der Tod von Valeria Budai aufgeklärt war, sass sie vor allem im Büro und arbeitete Liegengebliebenes auf. Der Tod der Nanny war ein Unfall gewesen. Doch anstatt ihn zu melden, hatte das Ehepaar Graziano beschlossen, sie zu entsorgen, um keinen Ärger zu bekommen. Sie luden die Leiche in ihren Audi Kombi, und der Mann verscharrte die Tote im Wald.

Als Brandstetter die uniformierten KollegInnen und die Spurensicherung aufgeboten hatte, bockte er, rief seinen Anwalt, brüllte etwas von Polizeistaat. Solche Sachen hatten bis vor ein paar Jahren allenfalls Waffennarren bei Durchsuchungen von sich gegeben oder HausbesetzerInnen bei Räumungen. Inzwischen gehörte es fast zum guten Ton, sich als unterdrückter Freiheitskämpfer zu gebärden. Die Spurensicherung wurde im Wagen schnell fündig, und die Aussicht auf 48 Stunden Untersuchungshaft liessen den Wütenden kleinlaut werden.

Ein Aufenthalt im Gefängnis war in Zeiten des Virus noch bedrohlicher geworden. Es gab keine ZeugInnen ausser Esmeralda, sie war mit ihrer Nanny allein gewesen, als es passierte, die Mutter kam eine Stunde später aus dem Fitness und alarmierte ihren Mann, der von der Arbeit wegeilte. Weil niemand das Treppenhaus benutzte, bekam niemand im Haus etwas mit. Die Aussage des Mädchens stimmte mit dem von der Rechtsmedizin festgelegten Todeszeitpunkt überein, auch der Genickbruch passte zur Geschichte: Valeria war die Einkaufstüte gerissen, als sie aus dem Lift trat, die Äpfel rollten die Treppe hinunter, sie rannte hinterher und stolperte. Ein banaler Haushaltsunfall. Stolperunfälle forderten jedes Jahr ungleich mehr Todesopfer als Strassenverkehr und Tötungsdelikte zusammen.

Frau Graziano würde wahrscheinlich eine Busse, ihr Gatte im schlimmsten Fall eine bedingte Strafe erhalten. Natürlich wäre niemandem gedient, wenn die Eltern ins Gefängnis kämen und das Mädchen allein blieb. Trotzdem empfand Brandstetter es als ungerecht. Es zählten eben nicht alle Menschen gleich viel. Die Grazianos hatten ihre Nanny als ihr Eigentum betrachtet, fast wie eine Sache, die sie im Wald entsorgten, als sie nicht mehr funktionierte. Brandstetter wollte nicht darüber nachdenken.

Feuer im Dach

Vor ein paar Tagen hatte sie gelesen, dass eine Nationalrätin und ihre beiden Schwestern sich jedes Jahr Dividenden auszahlten, die 5000 Jahreslöhnen von Angestellten in Pflegeberufen entsprachen. Die Menschen, die in der Krise Unglaubliches leisteten, mussten sich mit Balkonapplaus begnügen. Mehr Respekt oder gar Lohn würde es nicht geben. Brandstetter rechnete aus, dass sie seit über 5000 Jahren, seit der frühen Bronzezeit, hätte durcharbeiten müssen, um auf diesen Betrag zu kommen. Die Schwestern aber pochten darauf, dass ihr Verdienst dem entsprach, was sie für die Gesellschaft leisteten.

Über Frieda hingegen, die noch immer nicht aufgetaucht war, dachte sie öfter nach. Es gab keine Vermisstenanzeige und somit keinen offiziellen Fall. Wenn sie im Büro etwas Zeit hatte, schaute Brandstetter sich immer wieder die alten Akten an und suchte am Computer nach Friedas Spuren. Den Kampf, den diese gegen Polizei und Behörden geführt hatte, konnte sie nicht nachvollziehen, er hatte etwas Fanatisches. Allerdings herrschten früher noch andere Zustände. Die Polizei konnte mehr oder weniger machen, was sie wollte, und prügelte gern und oft. Das hatte sich geändert. So gesehen hatte Frieda, die fast jeden Prozess verloren hatte, am Ende doch Erfolg gehabt.

Doch irgendwann mochte sie nicht mehr, die Prozesse wurden weniger. Beinahe hätte Brandstetter das letzte Verfahren übersehen. Frieda hatte gegen einen Beschluss ihrer Hausgenossenschaft geklagt. Auch über diese gab es eine dicke Staatsschutzakte. Weil bei den Gerichten viele Leute im Homeoffice arbeiteten, dauerte es eine Weile, bis Brandstetter alle Unterlagen beieinanderhatte und sich ein Bild machen konnte.

Die Sitzung hatte stattgefunden, als Frieda in den Ferien war. Sie hatte gegen einen Sitzungsbeschluss geklagt, weil er nicht den Statuten entsprach, die verlangten, dass alle Genossenschafterinnen zustimmen mussten. Sie hatte recht bekommen, die anderen zogen das Urteil weiter und unterlagen erneut. Im Haus war Feuer im Dach.

Dies ist der 8. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1., 2. ,3. ,4., 5., 6., 7., 9. und 10. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun
Lockdown (5): Die Frau auf dem Phantombild
Lockdown (6): «Homeoffice, das ist doch ein Witz»
Lockdown (7): Zeit für die Kavallerie
Lockdown (9): Uralte Statuten
Lockdown (10): Ach, die lieben NachbarInnen

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