Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Corona reisst den Schleier auf

Von Adrian RiklinMail an Autor:in

Gab es je ein Jahr, in dem das Wort «Solidarität» so en vogue war? Doch immer, wenn Wörter pausenlos repetiert werden: Ab einem gewissen Punkt ist der Sinn komplett aus der Worthülse entwichen.

Vielleicht sollten wir eine Zeit lang auf das Wort verzichten. Zu sehr ist es abgenutzt, beschmutzt, vereinnahmt. Kein Zufall, ist es im Mannschaftssport derart inflationär: Wenn ein Fussballtrainer «Solidarität» fordert, bezieht er das normalerweise auf das Verhalten innerhalb seines Teams – gegen den Gegner. Überhaupt hört Solidarität oft sehr bald auf: an der Landesgrenze, vor der Siedlung – manchmal schon vor der eigenen Wohnung.

In der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung hat der Begriff eine sehr viel weiter reichende Bedeutung. Damit verbunden war lange ein mehr oder weniger homogenes Klassenbewusstsein. Bestenfalls war dieses so universal, dass es keinen Unterschied zwischen Menschen verschiedener Nationen machte und alle Unterdrückten mit einschloss. So hat die ArbeiterInnenbewegung historische Fortschritte erkämpft, von denen wir mehr profitieren, als uns vielleicht bewusst ist. Doch mit dem Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft und durch die Zwangsflexibilisierung der Arbeit ist der Zusammenhalt brüchig geworden – jenes «Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll», wie der Soziologe Alfred Vierkandt Solidarität vor bald hundert Jahren definierte.

Ausbeutung, Ausschluss und Unterdrückung bleiben, wenn auch mehr oder weniger verschleiert. Mit der Coronakrise ist der Schleier selbst hierzulande, in einem der reichsten Länder der Welt, ein Stück weit aufgerissen. Plötzlich öffnet sich der Blick auf ein Drama, in dem das Treppenhaus der realen Klassengesellschaft grell beleuchtet wird.

Zuunterst: zehntausende Sans-Papiers, die ohne die miserabel bezahlten Jobs, mit denen sie sich zuvor knapp über Wasser hielten, stundenlang für ein Lebensmittelpäckli anstehen – und dabei voyeuristisch fotografiert werden, derweil ein paar besonders Vermögende noch schöner ausgeleuchtet Wohltätigkeit zelebrieren; im Weiteren Menschen, die Anspruch auf Sozialhilfe hätten, aber aus Angst, die Aufenthaltsbewilligung zu verlieren, darauf verzichten; auf einer nächsten Stufe die, die, obwohl zuvor voll erwerbstätig, so wenig Lohn bekamen, dass sie in der Krise noch tiefer in die Armut fallen; dann die vielen Frei- und Temporärschaffenden – und schliesslich: Pflegefachleute, Pöstler, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiter, die Tag und Nacht weiterarbeiten dürfen, auf dass sie das System gefälligst vor dem Zusammenbruch bewahren, ohne dafür anständig honoriert zu werden. Und so fort weiter hinauf, in die oberen Etagen, zu jenen, die gute Jobs haben oder gar keine nötig haben, weil sie von ihren Vermögen leben (vgl. «Vorwärts nach Zürich Paradeplatz»).

Und die Solidarität? Ja, im Frühling, da trat man noch aus dem Homeoffice und klatschte. Aber nein, im Parlament hat man die Schwerarbeit der Spitalangestellten noch immer nicht honoriert. Lieber engagiert man sich für Leute, die glauben, ohne Skiferien kaum überleben zu können – lieber ein Beinbruch zu viel im überlasteten Spital als ein Juchzer weniger (vgl. «Hoffen auf die Auferstehung»).

Wie soll da praktische Solidarität stattfinden, wo schon der Applaus eines Zuschauers als solidarisch gilt – und der Rückzug ins Private, der die Entsolidarisierung erst richtig beförderte, einen neuen Zusammenhalt herbeizaubern soll? Was haben die einsam Sterbende im Altersheim, der Obdachlose im Park, der Leitartikler in der Stube und die Pflegerin auf der Intensivstation miteinander zu tun?

Die Zivilgesellschaft kann nicht ersetzen, was die Politik unterlässt: einen guten Service public und soziale Sicherheit für alle. Und die Politik kann wiederum nicht alles auffangen, was die Zivilgesellschaft verweigert: gegenseitige Hilfe. Es braucht beides: solidarische Politik, zivile Solidarität – und hoffentlich bald wieder ein paar weltoffene Quartierbeizen. Langfristig wird Solidarität nur konkret, wenn es Räume gibt, in denen sich all die Leute wild untereinander mischen, körperlich begegnen und verbünden können.

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