4. Berlin: «Yalla, yalla – Migrantifa» oder den braunen Spuk beenden
Berlin Kreuzberg, 2026, im Café Kotti. «Kämpfen, trauern, gedenken und weitermachen», sagt Amal Malik, «das gehört zusammen.» Die 24-Jährige – sie spricht klar und überlegt, blickt ab und zu in ihr Notizheft – verwendet ein Pseudonym. Seit Februar 2020 engagiert sie sich bei der Berliner Migrantifa, die sich kurz nach dem rassistischen Anschlag im hessischen Hanau gegründet hat.
Zwei Tage vor dem Attentat hatte sich der Täter von Hanau online eine Rede des AfD-Faschisten Björn Höcke angeschaut. Am Abend des 19. Februar zog er los und erschoss zehn Menschen: Gökhan Gültekin. Sedat Gürbüz. Said Nesar Hashemi. Mercedes Kierpacz. Hamza Kurtović. Vili Viorel Păun. Fatih Saraçoğlu. Ferhat Unvar. Kaloyan Velkov. Ibrahim Akkuş.
Der Anschlag sei der Hauptauslöser für die Gründung der Migrantifa gewesen, sagt Malik. «Aber 2020 war auch sonst wichtig für antirassistische Kämpfe.» In den USA entwickelte sich Black Lives Matter nach dem Mord an George Floyd zu einer der grössten Protestbewegungen in der Geschichte des Landes. Sie forderte nicht nur ein Ende von tödlicher und rassistischer Polizeigewalt – sondern ganz grundsätzlich die Abschaffung der Polizei.
«Bei Hanau erlebten wir ein weiteres Mal», so Malik, «dass uns staatliche Strukturen nicht schützen, sondern mit organisierten Neonazis und Faschisten zusammenhängen.» Im Berliner Bezirk Neukölln betreibt die Gruppe einen Nachbarschaftsladen – «gegen die Vereinzelung und um kollektiv zu überlegen: Wie können wir uns selber schützen?» Das Netzwerk strebt die Verbindung migrantischer und internationalistischer Kämpfe an: die Selbstorganisation geflüchteter Menschen, den Kampf gegen den Rheinmetall-Konzern, der im Stadtteil Wedding Kriegsmaterial produzieren will, und die Palästinasolidarität – «eine der prägendsten Erfahrungen, die die Menschen in Neukölln in den letzten Jahren gemacht haben».
Damit meint die junge Aktivistin nicht zuletzt die Repression. Die Forschungsplattform Civicus Monitor hat Deutschland wegen des drastischen Vorgehens gegen die Bewegung herabgestuft – die bürgerlichen Freiheiten seien nicht nur «beeinträchtigt», sondern gar «beschränkt». So etwa wurde 2025 in Berlin eine Kundgebung gewaltsam aufgelöst, weil Menschen Arabisch sprachen – die polizeilichen Auflagen hatten Reden, Lieder und Parolen nur auf Deutsch und Englisch erlaubt.
«Um Platz für Trauer unabhängig von staatlicher Anerkennung zu schaffen und um aus dieser Trauer Kraft zu schöpfen», sagt Malik, organisiert die Migrantifa jeden Februar eine Grossdemo für Hanau: antirassistische Kampftage, die deutlich machen, dass es sich bei solchen Anschlägen nicht um Einzelfälle handelt.
«Die Kontinuitäten aufzeigen»
Wie etwa in Neukölln, wo immer wieder migrantische und antifaschistische Menschen sowie Versammlungsorte angegriffen werden. Mindestens 23 Brandstiftungen und 50 weitere Taten zählen Aktivist:innen seit 2009 – darunter zwei Morde. 2012 wird der 22-jährige Burak Bektaş auf offener Strasse erschossen, 2015 der 31-jährige Luke Holland. Als 2018 ein Denkmal für Bektaş errichtet wird, beschädigen es Unbekannte mit Chemikalien. Bei den Ermittlungen kommt es zu Ungereimtheiten; es gibt Hinweise auf in den Neukölln-Tatkomplex verstrickte Polizist:innen.
Auch wenn der Fokus der Migrantifa woanders liegt: «In solchen Momenten», sagt Malik, «merkt man ganz konkret, wie unabdingbar antifaschistische Recherche ist.» Nicht zuletzt, um Täter:innen und Strukturen identifizieren zu können. «Rechte Gewalt und staatliche Gewalt hängen zusammen», betont die Aktivistin. Es seien Aspekte desselben repressiven Systems.
«Innerhalb der Migrantifa hatten wir verschiedene Bruchmomente oder Kipppunkte. Für mich war es Hanau, für andere die Erschiessung von Lorenz A. 2025, der NSU oder die ‹Baseballschlägerjahre›, die rassistischen Angriffe in den Neunzigern.» Während bürgerliche Erinnerungspolitik damit beschäftigt sei abzuschliessen, «geht es uns ums Gegenteil: darum, Kontinuitäten aufzuzeigen, Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, an historische Beispiele anzuknüpfen». Etwa an jenes der Berliner Antifaşist Gençlik, einer migrantisch geprägten Jugendorganisation der neunziger Jahre. Malik legt eine kleine Broschüre auf den Tisch. Es ist ein Text von Fatma Balamir, bekannt als Devran.
Landgericht Berlin, September 1994. «Wir stehen hier in erster Linie als Immigrantinnen und gleichzeitig als aktive Antifaschistinnen vor Gericht», liest Devran, Anfang zwanzig, aus ihrer Prozesserklärung. Sie ist eine von sieben Angeklagten im sogenannten Kaindl-Prozess. Zwei Jahre zuvor, am 3. April 1992, pöbeln Neonazis in Neukölln einen migrantischen Blumenverkäufer an. Das spricht sich rasch herum, umgehend finden sich einige Personen ein, um die Gruppe zu vertreiben. Doch die Aktion läuft aus dem Ruder: Der 47-jährige Gerhard Kaindl, rechtsextremer Funktionär der Deutschen Liga für Volk und Heimat, wird so schwer verletzt, dass er kurz darauf stirbt.
Die Polizei baut enormen Ermittlungsdruck auf. Die Anklage lautet auf «gemeinschaftlich begangenen Mord». Derweil gelangen Informationen aus den Ermittlungsakten an die Neonazis der Deutschen Liga. Dann, 1994, nimmt der Prozess eine überraschende Wende: Einer der Hauptangeklagten hat ein wasserdichtes Alibi. Der Mordvorwurf wird fallen gelassen. «Uns als Betroffenen von Brandstiftungen, Morden, Pogromen durch rassistische Totschläger und Neonazis», sagt Devran vor Gericht, «wird das Motiv ‹politisch motivierter Hass› unterstellt.»
1990 schlagen Neonazis in Eberswalde Amadeu Antonio Kiowa so brutal zusammen, dass er kurz darauf stirbt. 1991 und 1992 folgen die Pogrome gegen Asylsuchende in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, der Brandanschlag auf zwei Wohnhäuser in Mölln mit drei Toten, 1993 jener in Solingen. Fast dreissig Menschen sind in Deutschland allein 1992 von Neonazis umgebracht worden. Demgegenüber gelingt es der Antifaşist Gençlik, migrantische und proletarische Jugendliche zu organisieren. Als 1991 der neunzehnjährige Mete Ekşi von drei Rechten am Berliner Adenauerplatz mit Baseballschlägern so brutal verprügelt wird, dass er stirbt, mobilisiert die Gruppe innert weniger Stunden 5000 Jugendliche.
Devran wird Sozialarbeiterin, bleibt als Feministin und Antifaschistin politisch aktiv. Am 29. November 2025 ist sie verstorben. Noch im September hatte sie die kleine Broschüre verfasst, die im Café Kotti auf dem Tisch liegt und in der sie sich an aktuell angeklagte Antifaschist:innen wendet.
Auf Trumps Terrorliste
Deutschland erlebt derzeit eine der grössten Repressionswellen gegen Antifaschist:innen seit Jahrzehnten: Im Dresdener Prozess «Antifa-Ost 2.0» werden seit November sieben Personen der «kriminellen Vereinigung» beschuldigt – unter demselben Schlagwort wurden 2025 bereits Lina E. und drei Mitangeklagte verurteilt. Im November liess Donald Trump «die Antifa Ost» auf die Terrorliste setzen, worauf zwei Banken der Solidaritätsorganisation Rote Hilfe die Konten kündigten.
Seit Januar stehen zudem in Düsseldorf Paula P., Emilie D., Clara W., Nele A., Luca S. und Moritz S. vor Gericht, alle zwischen 23 und 25 Jahre alt. Sie sollen – wie Ilaria Salis – im Februar 2023 Neonazis in Budapest angegriffen haben. Im Herbst wurde deswegen bereits Hanna S. in München zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Verfahren fungiert als Rechtshilfe gegenüber Ungarn, die Anklage lautet auf «Bildung einer kriminellen Vereinigung» und «versuchten Mord». Nach dem «Tag der Ehre» in Budapest fahndete die Polizei unter Hochdruck in Italien, Frankreich und Deutschland nach Antifaschist:innen, die an den Angriffen beteiligt gewesen sein sollen. Die in Düsseldorf Angeklagten suchte sie zwei Jahre lang vergeblich – im Januar 2025 stellten sich die jungen Leute selbst. Unter einer Bedingung: nicht nach Ungarn ausgeliefert zu werden.
Antifaschistische Praxis, schreiben einige von ihnen in einer Erklärung, bedürfe immer kritischer Reflexion und sollte in erster Linie Neonazis daran hindern, «das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht daran hindert: diejenigen bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre beschränkte Welt passen».
Nie restlos aufgeklärt
Berlin Kreuzberg, 2012. Im Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (Apabiz) durchsucht eine Mitarbeiterin die Neonazipostille «Der Weisse Wolf» von 2002 und entdeckt im Vorwort den Satz: «Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-)».
Im Jahr zuvor, am 4. November 2011, hat sich der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) selbst enttarnt, nachdem die rechtsterroristische Gruppe von 2000 bis 2007 unbehelligt neun migrantische Menschen und eine Polizistin ermordet hatte: Enver Şimşek. Abdurrahim Özüdoğru. Süleyman Taşköprü. Habil Kılıç. Mehmet Turgut. İsmail Yaşar. Theodoros Boulgarides. Mehmet Kubaşık. Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Hinzu kommen Sprengstoffanschläge, Raubüberfälle und ein grosses Umfeld an Unterstützer:innen, auf das der NSU vertrauen konnte. Einen rechtsextremistischen Hintergrund oder überhaupt einen Zusammenhang zwischen den Morden wollten die Ermittlungsbehörden lange nicht sehen. Derweil hatten migrantische Communitys durchaus auf einen rassistischen Zusammenhang hingewiesen. Bis heute ist der NSU-Komplex nicht restlos aufgeklärt; nicht zuletzt, weil wenige Tage nach seinem Auffliegen ein Verfassungsschutzmitarbeiter zahlreiche Akten schredderte.
Berlin Kreuzberg, 2026, im Apabiz. «Die Selbstenttarnung des NSU war auch deshalb ein Schock», sagt die Historikerin Julia Ziegler, «weil sie offenlegte, wie wenig Verknüpfungen zu antirassistischen Strukturen und Betroffenen in der antifaschistischen Bewegung bestanden.» Das Apabiz, im vierten Stock eines ehemaligen Industriegebäudes, sammelt Fachliteratur, Dokumente zur antifaschistischen Bewegung seit 1945 – und vor allem: neonazistische Bücher, Flyer, Postillen, Zeitungen und Plakate. «Wir bewahren diese Dokumente auf, um das Wissen nicht zu verlieren und Kontinuitäten in der extrem rechten Szene nachzeichnen zu können», sagt Ziegler. Das Apabiz publiziert regelmässig zwei Infoblätter und stellt sein Material Forscherinnen, Journalisten und Aktivist:innen zur Verfügung. «Recherchearbeit als zentrale antifaschistische Aktionsform», betont Ziegler, «reicht in der Geschichte weit zurück. Schon in der Nachkriegszeit war es oft die Zivilgesellschaft, die Täter aus der NS-Zeit identifizierte und outete.»
Jena, 2. Dezember 2011, im Paradiespark. «Wir werden den braunen Spuk beenden», ruft Udo Lindenberg bei seinem Auftritt ins Mikrofon. Einen Monat zuvor ist der NSU aufgeflogen. Gegründet hatte er sich, so wurde gleichzeitig bekannt, in Jena, einer Thüringer Universitätsstadt. Das Entsetzen sitzt tief. Rund 50 000 Menschen besuchen das Konzert für die «Bunte Republik Deutschland».
Darunter auch Wolfram Jarosch und sein zehnjähriges Kind: Maja.