Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Herrschte in Zürich eigentlich Anarchie?

Der Schriftsteller Georg Büchner über seine Zeit als politischer Flüchtling und Anatomiedozent in Zürich, seine Vorliebe für Casinos und den durchgreifenden Wohlstand in der Zwinglistadt.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Interview) und Philip Bürli (Illustration)

Georg Büchner: «Die deutschen Zeitungen erzählten den guten Deutschen jeden Tag von Mord und Totschlag in der Schweiz. Die Wirklichkeit war anders.»

WOZ: Georg Büchner, im Oktober 1836, kurz nach Ihrem 23. Geburtstag, machten Sie sich von Strassburg aus, wo Sie als Flüchtling lebten, auf die Reise nach Zürich. Wieso Zürich?
Georg Büchner: Die politischen Verhältnisse Deutschlands zwangen mich schon eineinhalb Jahre zuvor, mein Vaterland zu verlassen. So setzte ich meine medizinischen und zoologischen Studien zunächst in Strassburg fort. In die Schweiz wollte ich aber bereits im Frühling 1836. Doch die damaligen Vorfälle in Zürich hielten mich davon ab.

Was war geschehen?
Unter dem Vorwand, die deutschen Flüchtlinge beabsichtigten einen Einfall in Deutschland, wurden von der Züricher Polizei Verhaftungen unter denselben vorgenommen. Nun wusste ich aber, dass die meisten Flüchtlinge jeden direkten revolutionären Versuch unter den damaligen Verhältnissen für Unsinn hielten. Die Hauptrolle unter den Verschworenen soll ein gewisser Herr von Eib gespielt haben. Dass dieses Individuum ein Agent des Bundestags gewesen sein könnte, ist mehr als wahrscheinlich.

Gab es Indizien dafür?
Die Pässe, welche die Züricher Polizei bei ihm fand. Und der Umstand, dass er starke Summen von einem Frankfurter Handelshause bezog. Übrigens war dieser von Eib schon früher verdächtig. Jedenfalls wurde der Plan vereitelt und war die Sache für die Mehrzahl der Flüchtlinge ohne Folgen geblieben, sodass ich mich im Herbst entschloss, nach Zürich auszureisen. Hierfür hatte ich der Philosophischen Fakultät meine Untersuchung «Über das Nervensystem der Barbe» geschickt.

Mit welchem Ergebnis?
Am 3. September 1836 wurde ich zum Doctor philosophiae kreiert. Nach einem so günstigen Urteile der Herren Professoren Oken, Schinz, Löwig und Heer konnte ich hoffen, auch als Privatdozent aufgenommen zu werden.

Was hätte Sie daran hindern können?
Als ich am 22. September 1836 bei den Behörden in Strassburg um einen Pass nachsuchte, erklärten mir diese, es sei ihnen auf Ansuchen der Schweiz untersagt, einem Flüchtling einen Pass auszustellen, der nicht von einer Schweizer Behörde die schriftliche Autorisation zum Aufenthalt in ihrem Bezirk vorweisen könne.

Was haben Sie daraufhin unternommen?
Ich wandte mich an den Züricher Bürgermeister Hess, mit der Bitte um die von Strassburg verlangte Autorisation. Dazu legte ich ein Zeugnis bei, welches beweisen konnte, dass ich seit der Entfernung aus meinem Vaterlande allen politischen Umtrieben fremd geblieben bin und somit nicht unter die Kategorie derjenigen Flüchtlinge gehöre, gegen welche die Schweiz und Frankreich die bekannten Massregeln ergriffen hatten. Schliesslich wurde ich für die Probevorlesung zugelassen. Am 5. November las ich «Über die Schädelnerven» und wurde daraufhin zum Privatdozenten ernannt.

Und wie erlebten Sie die damalige Schweiz?
Was das politische Treiben anlangte, so durfte man sich nicht durch die Ammenmärchen in deutschen Zeitungen stören lassen. Die Schweiz war eine Republik, und weil die Leute sich gewöhnlich nicht anders zu helfen wussten, als dass sie sagten, jede Republik sei unmöglich, erzählten sie den guten Deutschen jeden Tag von Anarchie, Mord und Totschlag. Die Wirklichkeit war anders.

Wie denn?
Schon unterwegs sah man überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern. Und dann, je mehr man sich Zürich näherte und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand. Dörfer und Städtchen hatten ein Aussehen, wovon man in Deutschland keinen Begriff hatte. Die Strassen liefen hier nicht voll Soldaten, Accessisten und faulen Staatsdienern, man riskierte nicht, von einer adligen Kutsche überfahren zu werden; dafür überall ein gesundes, kräftiges Volk, und um wenig Geld eine einfache, gute, rein republikanische Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhielt – eine Art Steuer, die man in Deutschland wohl überall als den Gipfel der Anarchie ausgeschrieen hätte.

Sie konnten also in Ruhe dozieren?
Ja, es waren gute Umstände. Ich wohnte in der Spiegelgasse 12 im Hause des liberalen Regierungsrats Dr. med. Zehnder, wo noch weitere politische Flüchtlinge waren. Am 26. November erhielt ich eine vorläufige Asylaufenthaltsgenehmigung für sechs Monate im Kanton Zürich. So hielt ich bis Ende Januar 1837 mein erstes Kolleg «Zoologische Demonstrationen», wofür ich das gesamte Kopfnervensystem der Fische jeweils an frischen Exemplaren präparierte, und wollte dann im Februar zur Anatomie der Amphibien übergehen. Daneben arbeitete ich an meinen Dramen: «Leonce und Lena», «Woyzeck» und «Pietro Aretino». Dafür mietete ich mir Ende Januar ein grosses Zimmer am Zürichsee an.

Und wie verbrachten Sie die Freizeit?
Jeden Abend sass ich eine oder zwei Stunden im Kasino. Ich hatte eine Vorliebe für schöne Säle, Lichter und Menschen um mich.

Der deutsche Schriftsteller Georg Büchner feiert am 17. Oktober 2013 seinen 200. Geburtstag. Vom 
18. Oktober 1836 bis zu seinem typhusbedingten Tod am 19. Februar 1837 lebte er in Zürich.

Büchners Antworten sind aus Briefwechseln zusammengesetzt und ergänzt mit Erinnerungen eines damaligen Schülers.

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