Nr. 27/2013 vom 04.07.2013

Sie sahen Ihre Geliebte durch Froschzehen und Fischschwänze?

Der revolutionäre Schriftsteller Georg Büchner über seine heimliche Verlobung mit einer Strassburger Pfarrerstochter, die Augenwassersucht nach seiner Flucht nach Zürich und die Schönheit sterbender Liebe.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Interview) und Philip Bürli (Illustration)

Georg Büchner: «Damals träumte ich von einer Liebe, in der alle Uhren zerschlagen und alle Kalender verboten sind und Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr gezählt werden!»

WOZ: Georg Büchner, wie ging es Ihnen, nachdem Sie im Sommer 1833 aus Strassburg geflohen waren und Ihre Geliebte Wilhelmine Jaeglé hatten verlassen müssen?
Georg Büchner: Im Äusseren war ich zwar ruhig, doch war ich in tiefe Schwermut gefallen. Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir. Es engten mich auch die politischen Verhältnisse ein. Das arme Volk schleppte geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielten. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Zu dieser Zeit hatte ich nicht einmal die Wollust des Schmerzes und des Sehnens. Ich war ein Automat; die Seele war mir genommen. Vor allem aber dürstete ich nach einem Briefe meiner Verlobten. Ich fühlte mich allein wie im Grabe.

Können Sie diese Sehnsucht beschreiben?
Vierzehn Tage lang stand das Bild meiner Verlobten beständig vor mir, ich sah sie in jedem Traum. Ihr Schatten schwebte immer vor mir, wie das Lichtzittern, wenn man in die Sonne gesehen. Ich wollte ein Teil des Äthers sein, um sie in meiner Flut zu baden und mich auf jeder Welle ihres schönen Leibes zu brechen. Und immer wieder fragte ich mich: Warum kann ich ihre Schönheit nicht ganz in mich fassen, sie nicht ganz umschliessen?

Konnten Sie da überhaupt noch schreiben?
Meine geistigen Kräfte waren gänzlich zerrüttet. Arbeiten war mir unmöglich, ein dumpfes Brüten hatte sich meiner bemeistert, in dem mir kaum ein Gedanke noch hell wurde. Zwar nahm ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Alles verzehrte sich in mir selbst. In diesen Zeiten konnte ich kaum Jemand starr anblicken, ohne dass mir die Tränen gekommen wären. Es ist dies im übrigen eine Augenwassersucht, die auch beim Starrsehen oft vorkommt. Ich schrieb dann meiner Geliebten: Wann erweckt mich deine Hand?

Zuvor hatten Sie sich in Strassburg verlobt. Warum denn heimlich?
Ich mochte nicht hinter jedem Kusse die Kochtöpfe rasseln hören und bei den verschiedenen Tanten das Familienvatergesicht ziehen. Was konnte ich meiner Geliebten denn sagen, als dass ich sie liebe? Was versprechen, als was in dem Worte Liebe schon liegt, Treue?

Sie waren damals neunzehn Jahre alt …
Natürlich, da waren auch Fragen: die sogenannte Versorgung zum Beispiel. Student noch zwei Jahre; die gewisse Aussicht auf ein stürmisches Leben, vielleicht bald auf fremdem Boden! Und dann, natürlich, es ist ja manchmal auch ein sonderbares Ding um die Liebe: Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand über die Stirn – und wie über Nacht hat sich dieses Gefühl in Luft aufgelöst … Manchmal frage ich mich: Ist denn eine sterbende Liebe nicht schöner als eine werdende? Und ist nicht selbst der Geringste unter den Menschen so gross, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?

Aber hatten Sie nicht auch später, in Zürich, wo Sie an der Universität mit Fischen und Amphibien experimentierten, schreckliche Sehnsucht nach Wilhelmine?
So im Anfang ging’s noch: neue Umgebungen, Menschen, Verhältnisse, Beschäftigungen. Aber dann, da ich an Alles gewöhnt war, alles mit Regelmässigkeit vor sich ging, dachte ich, dass ich graue Haare bekommen würde, wenn sie nicht bald kommen würde … Das Beste war: Meine Phantasie war tätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparierens liess ihr Raum …

Wie hat sich das geäussert?
Ich sah Wilhelmine immer so halb durch zwischen Fischschwänzen und Froschzehen. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Heloïse immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt?

Was hat Sie an Wilhelmine Jaeglé denn eigentlich so angezogen?
Ihre innere Glückseligkeit, ihre göttliche Unbefangenheit, ihr lieber Leichtsinn und all ihre bösen Eigenschaften. Böses Mädchen! Es reden ja viele Stimmen über die Erde, und man meint, sie sprächen von andern Dingen. Aber diese eine Stimme, Wilhelmines Stimme ... Ich glaub, ich hatte sie verstanden. Sie ruhte auf mir wie der Geist, da er über den Wassern schwebte, eh’ das Licht ward. Welch Gären in der Tiefe, welch Werden in mir, wie sich die Stimme durch den Raum goss!

Damals träumte ich von einer Liebe, in der alle Uhren zerschlagen und alle Kalender verboten sind und Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr gezählt werden, nur nach Blüte und Frucht! Um dann das Ländchen mit lauter Brennspiegeln zu umstellen, dass es keinen Winter mehr gibt, und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken!

Der Schriftsteller Georg Büchner feiert am 17. Oktober seinen 200. Geburtstag. 
1832 verlobte er sich in Strassburg mit der Pfarrerstochter Wilhelmine Jaeglé; 1836/37 lebte er als Privatdozent für vergleichende Anatomie 
in Zürich.

Büchners Antworten sind aus seinen Stücken «Dantons Tod», «Leonce und Lena», aber vor allem aus Passagen aus seinen Briefen an seine Verlobte zusammengesetzt. Viele seiner Briefe sind verschollen, Jaeglés Antworten sind allesamt verloren gegangen.

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