Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Jesus, Aslan, Gandalf und Harry

Christliche Motive sind in Fantasy-Geschichten allgegenwärtig. Doch diese sind kein nachreligiöses Phänomen. Vielmehr spielen sie mit Elementen des Christentums – etwa mit der Auferstehung.

Von Corina Fistarol

Illustration: Franziska Meyer

Aslan, der König von Narnia, schreitet zum Altar. Er weiss, dass ihn die Hexe töten wird. Sein Opfer soll Edmund, den einsichtigen Verräter, erlösen, damit dieser mit seinen Geschwistern den Thron übernehmen kann. Doch eine überirdische Macht gibt dem toten Körper das Leben zurück. Aslans Erweckung in C. S. Lewis’ «Chroniken von Narnia» ist genau nach der christlichen Passionsgeschichte strukturiert: Er nimmt den Leidensweg auf sich, um für fehlerhafte Menschen ein Recht auf Leben zu bewirken.

Obschon die Auferstehung im Christentum zentral ist, stellt sie eines der schwer fassbaren biblischen Motive dar – besonders vor dem Hintergrund unseres wissenschaftlich-rationalistischen Weltbilds. Aber gerade weil sie irrationale Elemente enthält, passt sie ausgesprochen gut in die fantastische Literatur – hier allerdings mit anderen weltanschaulichen Ideen vermengt und ohne religiöse Verbindlichkeit. Das Fantasy-Genre beschreibt eine Welt oder Parallelwelt, in der Magie möglich ist. Doch auch dort gibt es Regeln: Der Tod zum Beispiel ist eigentlich immer die endgültige Grenze.

Sowohl Jesus als auch Aslan wissen von ihrem bevorstehenden Leiden und ihrer Auferstehung. Der Zauberer Harry Potter indessen ahnt nicht, dass er den Tod überwinden wird. Er weiss nur, dass er sterben muss, um Lord Voldemort sterblich zu machen, denn er trägt einen Teil der Seele des dunklen Lords in sich. Deshalb kann das Böse nur durch seinen eigenen Tod restlos besiegt werden. Harry überlebt den Todesfluch, während Voldemorts Seelenfragment in ihm vernichtet wird. Dank der so gewonnenen Kraft lässt ihn die Autorin J. K. Rowling, eine bekennende Christin, auferstehen.

Weltweite Bestseller

Beide Werke, «Harry Potter» (1997–2007) und «Die Chroniken von Narnia» (1939–1954) gehören zu den weltweit am meisten verkauften Büchern aller Zeiten. Ebenfalls ein Bestseller der Weltliteratur ist «Herr der Ringe» (1954–1955). Sein Autor J. R. R. Tolkien war mit «Narnia»-Autor C. S. Lewis befreundet. Dieser liess sich sogar von Tolkien vom Atheisten zum Christen bekehren. Später kühlte ihre Freundschaft ab – unter anderem, weil sich Tolkien negativ über die «Narnia»-Chroniken äusserte, besonders über die vielen allzu populärchristlichen Allegorien.

Tatsächlich erscheinen christliche Motive in Tolkiens Geschichten in verhüllter Form. Im ersten Band von «Herr der Ringe» etwa stirbt der Zauberer Gandalf der Graue im Kampf gegen einen Balrog, ein Ungeheuer, damit seine Begleiter entkommen können. Er stürzt sich in die Tiefe, erhebt sich danach aber wieder und erscheint als Gandalf der Weisse, um den Helden Frodo in seinem Kampf gegen den dunklen Feind Sauron zu unterstützen.

«Wenn jemand den Tod überwindet und damit für andere befreiend wirkt, ist dies ein klares christliches Motiv», sagt der Berner Religionswissenschaftler Oliver Steffen. «auch wenn die Auferstehung in der Fantasy-Literatur eher situativ begrenzt und nicht so zentral und umfassend dargestellt wird wie in den Evangelien.» Dennoch dürften mit Fantasy ähnliche Bedürfnisse bedient werden wie mit Religion: Nur das Gute scheint auferstehen zu können. Dies könnte auf einen guten Gott verweisen, der jedoch in keinem der literarischen Werke erwähnt wird.

Die Erweckung dient sowohl Jesus wie auch den Fantasy-Helden dazu, ihre Mission zu erfüllen – unabhängig davon, ob sie sterblich oder unsterblich sind. Allerdings darf die Auferstehung nicht mit der ebenfalls oft in fantastischen Texten vorkommenden Reinkarnation verwechselt werden: Bei dieser lebt eine Seele in einem anderen Körper weiter. Bei der Auferstehung hingegen geht es um den ganzen Menschen mit Leib und Seele.

Bibel hat anderen Anspruch

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass biblische Wundergeschichten wie die der Auferstehung im Literaturgenre Fantasy ihren Niederschlag finden. Die LeserInnen von fantastischen Geschichten wissen, dass die geschilderten Ereignisse in der Realität nicht stattfinden können. Niemand glaubt wirklich daran, dass Harry Potter auf einem Besen fliegen und ein Löwe wie Aslan sprechen kann. Die Bibel hat andere Ansprüche an die LeserInnenschaft: Biblische Wunder können zwar auch symbolisch verstanden werden, doch sie werden bezeugt. Gläubige gehen davon aus, dass die Wunder Jesu die Botschaft der Jünger authentisch inspirierten. Während Religion den Anspruch hat, das Irdische und das Überirdische ineinander zu verzahnen und zu erklären, bleibt Fantasy ein Spiel in einer Parallelwelt, das seine ernsthaften Botschaften auf indirekte Weise vermittelt.

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