Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Jesus hilft. Hilft Jesus?

Christliches Engagement in der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition. Kritisch wirds, wenn es evangelikal-freikirchliche ChristInnen sind, die ihren «Dienst am Menschen» erbringen. Denn bei ihnen ist der Missionsgedanke allgegenwärtig.

Von Noëmi LandoltMail an AutorIn

Illustration: Franziska Meyer

In Glarus, so scheint es an diesem Dezembermorgen, bleibt es eine Stunde länger dunkel als in der restlichen Schweiz. Die Wolken hängen tief an den umliegenden Bergen. Hell leuchten die Fenster der Werkstatt Produktiva in den Regen hinaus. Drinnen begrüsst Geschäftsleiter Xili Fux-Pacozzi und lädt in sein Büro. Noch ist es ruhig in den Werkstätten. In einem Nebenzimmer sitzt eine Gruppe von jungen Männern im Kreis, die Hände im Schoss gefaltet, die Augen geschlossen. Es ist die Morgenandacht der Mitarbeiter. Bald kommen die sogenannten KlientInnen aus den Wohnheimen von Teen Challenge, um in den geschützten Werkstätten ihre Arbeit aufzunehmen. Teen Challenge ist eine anerkannte soziale Institution im Kanton Glarus und arbeitet mit psychisch beeinträchtigten Menschen. Neben der Werkstatt Produktiva betreibt sie zwei betreute Wohnheime im selben Ort: die Villa Hochwart, ein Langzeitangebot für ältere Menschen, sowie das Hotel Rössli als Übergangslösung für Leute bis 45. Teen Challenge ist aber auch eine weltweit tätige evangelikale, der Pfingstbewegung nahestehende Organisation.

Glaubensgewisse StudentInnen

Christliches soziales Engagement hat eine lange Tradition. Die Diakonie gilt als Grundpfeiler der Kirche. Unzählige Vereine und Institutionen christlichen Ursprungs betreiben in der Schweiz Altersheime, Anlaufstellen für Junkies oder für SexarbeiterInnen, Jugendtreffs, Gassenarbeit, Flüchtlingshilfe, Kinderkrippen … Nichts Aussergewöhnliches also, und solange die Landeskirchen das Angebot stellen, scheint niemand Bedenken zu haben. Das evangelikal-freikirchliche Engagement in der sozialen Arbeit birgt jedoch Zündstoff. In den letzten Jahren war in verschiedenen Medien zu lesen, dass evangelikale und freikirchliche StudentInnen an Fachhochschulen KommilitonInnen und Dozierende mit homophoben Äusserungen im Unterricht irritierten, sich weigerten, sich mit Themen wie Abtreibung oder Scheidung zu befassen, oder Behinderungen als gottgewollt bezeichneten. Für Aufsehen sorgte auch eine Nationalfondsstudie aus dem Jahr 2009, laut der zwanzig Prozent der StudentInnen an der Pädagogischen Hochschule Bern angaben, «über absolute Glaubensgewissheit» zu verfügen.

Diese StudentInnen schliessen ihre Ausbildung irgendwann ab und werden in die Berufswelt entlassen. Sie nehmen Stellen als Lehrerinnen an, als Schulsozialarbeiter, in der Jugend- und Gassenarbeit oder eben in betreuten Wohnstrukturen. Darüber, wie sich ihre Weltanschauung auf die soziale Arbeit auswirkt, ist erstaunlich wenig bekannt.

«Bei Freikirchlern stehen seit jeher jene Berufe hoch im Kurs, die mit Menschen zu tun haben», weiss der Religions- und Sektenexperte Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle Relinfo. «Es geht ihnen nicht darum, Geld zu verdienen, sondern vielmehr um das Praktizieren der Nächstenliebe.» Man finde verhältnismässig wenige Evangelikale in kaufmännischen Berufen, dafür seien sie beispielsweise auch in der Pflege überrepräsentiert. Laut Schmid ist fast jede zweite Institution zur Drogenrehabilitation im freikirchlichen Umfeld anzusiedeln.

Von der Casa Shalom ins Hotel Rössli

Auch Teen Challenge, 1971 in den USA von David Wilkerson im Umfeld der Jesus People gegründet, arbeitet, international gesehen, traditionell mit drogenabhängigen Jugendlichen. Manch einer ersetzte damals das Heroin durch Jesus. Teen Challenge Glarus sei daher mit seinem Fokus auf psychisch beeinträchtigte Menschen eine Ausnahme, sagt Xili Fux. Er arbeitet selbst schon seit über dreissig Jahren im sozialen Bereich. Bevor er 2007 nach Glarus kam, leitete er, ebenfalls für Teen Challenge, im Quartier Monti della Trinità oberhalb von Locarno die Casa Shalom, ein Drogenrehabilitationszentrum.

Mit strikten Regeln sollten die KlientInnen auf den rechten Weg gebracht werden. In den ersten sechs Monaten war jeglicher Kontakt zur Aussenwelt verboten, auch Briefeschreiben oder Telefonieren. Der Tagesablauf war vorgegeben, bei der morgendlichen Andacht galt Anwesenheitspflicht, auch wenn nicht mitgebetet werden musste. Xili Fux und seine Frau lebten mit ihren Kindern und den KlientInnen zusammen unter einem Dach; hinzu kamen externe MitarbeiterInnen. «Da viele von unseren Klienten aus dysfunktionalen Familien kamen, ging es darum, ihnen familiären Halt zu vermitteln. Teen Challenge hat seinen Ursprung ja in der Hippiezeit, als das Zusammenleben in Kommunen erprobt wurde.»

In den beiden Glarner Wohnheimen sind während 24 Stunden MitarbeiterInnen anwesend. Xili Fux-Pacozzi wohnt mit seiner Frau ausserhalb, die Kinder sind alle ausgezogen. Als Geschäftsführer hat er nur noch wenig direkten Kontakt mit den KlientInnen. Aber nach den Jahren des Zusammenlebens auf engem Raum ist er froh um etwas Distanz.

Gespräche über «Gott und die Welt»

Es ist ein Zusammenspiel von Bescheidenheit und Barmherzigkeit, das Evangelikale für die soziale Arbeit begeistert. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Das Werben für den eigenen Glauben, also die Mission oder die Evangelisation, ist jedoch grundlegender Bestandteil des Evangelikalismus. Das kann zu Konflikten führen, wie Georg Otto Schmid sagt: «Evangelikale Menschen werden von ihren Gemeinschaften aufgefordert, für ihren Glauben zu werben. Zwar halten sich Evangelikale erfahrungsgemäss an Vereinbarungen, die eine missionarische Tätigkeit im beruflichen Umfeld ausschliessen. Wenn dieses aber die Betreuung von Menschen ist, dann kann die Abgrenzung zwischen rein säkularen und religiös gefärbten Beratungsgesprächen im Einzelfall schwierig werden.»

Xili Fux-Pacozzi von Teen Challenge ist der Meinung, er könne niemanden vom Glauben überzeugen: «Freiwilligkeit ist ein Markenzeichen des Evangeliums.» Bei der täglichen Morgenandacht in den beiden Wohnheimen sei der jeweilige Mitarbeiter oft allein. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Abendprogramm. Da entstünden immer wieder Gespräche über «Gott und die Welt», also auch übers Evangelium.

Teen Challenge arbeitet laut Website «konfessionsneutral, aber auf der Grundlage des christlichen Glaubens». Das heisst, dass auch NichtchristInnen die Dienstleistungen von Teen Challenge in Anspruch nehmen können. Laut Xili Fux hat der Grossteil der KlientInnen mit dem Evangelium nichts am Hut. Die Angestellten selbst sind hingegen alle gläubig, in Stellenanzeigen wird dies jeweils explizit als Voraussetzung verlangt.

Das bedeutet auch, dass der Glaube, das Vertrauen in Gott als «Grundlage für eine positive zukunftsfähige Lebensgestaltung» (Jahresbericht 2014) betrachtet wird. In den Räumen der Werkstätte und in den Wohnheimen hängen Bilder mit Schäfchen oder biblischen Motiven an den Wänden. Die Räume versprühen den Charme eines protestantischen Pfarrhauses aus den neunziger Jahren. «Wir laden unsere Klienten zum Beispiel jeden Sonntag zum Gottesdienst ein», erklärt Xili Fux. Vor dem Mittag- und Abendessen wird jeweils am Tisch gebetet, aber auch da müsse niemand mitbeten, der nicht möchte.

Für Georg Otto Schmid bedeutet die Erlaubnis, nicht mitbeten zu müssen, nichts anderes als die banale Feststellung, dass es möglich ist, während des Gebets an anderes zu denken: «Wenn eine religiöse Organisation im Staatsauftrag Menschen anderer Weltanschauung in einem sensiblen Bereich betreut, dann ist es wichtig, dass die Präsenz bei allen religiösen Veranstaltungen freiwillig ist und dass dies durch eine Vereinbarung mit der betreffenden Institution festgelegt ist.» Eine solche Vereinbarung gibt es allerdings nicht, wie Hans Jörg Riem, Leiter der kantonalen Fachstelle Heimwesen, der WOZ mitteilt. Es ist Riem jedoch wichtig zu betonen, dass man seit über zwanzig Jahren zur vollsten Zufriedenheit mit Teen Challenge zusammenarbeite. Auf kritische Fragen reagiert er unwirsch. An jenem grauen Dezembermorgen ruft er Xili Fux an, um ihn vor den Recherchen der WOZ zu warnen. Glarus ist klein, man kennt sich gut und ist aufeinander angewiesen. Kritik an der Arbeit von Teen Challenge wird hier nur hinter vorgehaltener Hand geäussert.

Geld vom Kanton

Die finanzielle Unterstützung durch den Staat mittels Subventionen oder Leistungsvereinbarungen betrachtet Georg Otto Schmid von Relinfo als problematisch, da dies evangelikalen Institutionen oft überhaupt erst ermögliche, solche Strukturen aufzubauen. So finanziert sich auch Teen Challenge in Glarus fast ausschliesslich über den Leistungsauftrag des Kantons. Die Inanspruchnahme von Angeboten evangelikaler Institutionen empfiehlt Schmid nur Personen, die selbst einen evangelikalen Glauben vertreten oder diesem mindestens positiv gegenüberstehen. Für diese Menschen ergebe eine staatliche Überweisung an solche Institutionen und ihre Finanzierung Sinn. Für alle anderen scheinen Schmid säkulare Angebote wünschbarer.

Doch oft haben gerade Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, keine wirklichen Auswahlmöglichkeiten. So auch im Kanton Glarus. Menschen mit psychischer Beeinträchtigung können entweder ins Menzihuus der Genossenschaft sozial-diakonischer Werke oder in die Wohnheime von Teen Challenge. Ist Ersteres voll belegt, bleiben nur noch das Hotel Rössli und die Villa Hochwart. Eine ausserkantonale Platzierung muss beim Amt für Heimwesen beantragt werden und wird nur aus behinderungsbedingten, beruflichen oder sprachlichen Gründen gewährt. Laut der Fachstelle Heimwesen werden solche Anträge jeweils lösungsorientiert behandelt.

Die WOZ hat jedoch von Fällen gehört, in denen solche Umplatzierungen mit hohem administrativem Aufwand verbunden waren und die vom Kanton restriktiv behandelt wurden. Hinzu kommt, dass Menschen, die in der Region verwurzelt sind und ihr soziales Umfeld haben, oft auch gerne dort bleiben möchten. Wirkliche Wahlfreiheit ist das nicht.

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