Wie wir leben werden (13): Mit Nadel und Faden gegen Fast Fashion

Nr. 5 –

Anstatt neue Mode zu entwerfen, häkelt Textildesignerin Anne Schlüter bunte Flicken, stopft Löcher in Kaschmirpullovern und zeigt, wie man Lieblingskleidern neues Leben einhaucht.

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Anne Schlüter sitzt am einem Tisch mit Schneiderei-Utensilien
«Wow, in so einer Korrektur steckt ja richtig viel gestalterisches Potenzial!»: Anne Schlüter.

Eigentlich wollte Anne Schlüter ein eigenes Stricklabel gründen und hochwertige Wollkollektionen entwerfen. Als sie während ihres Studiums in Textildesign an der Hochschule Luzern nach einem Thema für ihre Masterarbeit suchte, schien das naheliegend: Seit ihrer Kindheit im ostdeutschen Aue hatte sie gern gestrickt, gehäkelt und geklöppelt, sich mit Handarbeiten als Primarschülerin sogar ein Taschengeld dazuverdient; seit ihrer Jugend hatte sie selbstgestrickte Pullover getragen.

Doch eine Exkursion mit ihrer Textildesignklasse führte sie zum Hauptstandort von Texaid nach Erstfeld – und da auch in eine Lagerhalle, gefüllt nur mit Strickwaren. «Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass alle in der Verbrennung landen würden, weil es dafür auf dem Secondhandmarkt keinen Bedarf gibt», erinnert sich Schlüter.

Der «Heureka-Moment»

Zudem erfuhr sie während ihres Studiums, dass die Textilindustrie mit ihren CO₂-Emissionen ein wichtiger Treiber des Klimawandels ist. Der WWF Schweiz schätzt, dass die Branche weltweit jährlich 1,7 Milliarden Tonnen CO₂ verursacht. Und laut der Europäischen Umweltagentur haben die negativen Auswirkungen auf die Umwelt in den letzten Jahren sogar noch zugenommen, da der Textilkonsum stetig zunimmt: Haben Europäer:innen 2019 durchschnittlich 17 Kilogramm neue Kleider pro Jahr gekauft, waren es 2022 bereits 19 Kilogramm. Daran wollte sie keinen Anteil haben, denn die Umwelt ist Schlüter seit ihrer Jugend ein grosses Anliegen.

Schlüter zog 2007 zusammen mit ihrem Ehemann nach Luzern: wegen der schönen Landschaft, aber auch, weil sie an der Hochschule Luzern nun doch noch Textildesign studieren wollte. In Ostdeutschland fehlte ihr der Mut dazu: zu exotisch und unsicher schien es ihr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit. Stattdessen hatte sie dort Betriebswirtschaft studiert.

In Luzern absolvierte Schlüter dann nicht nur einen Bachelor in Textildesign, sondern hängte danach auch noch ein Masterstudium an. In jener Zeit wurde sie auch mehrfach Mutter. Erst mit der Geburt ihres dritten Kindes pausierte sie während zweier Semester.

In dieser Auszeit zu Hause, als sie einmal mehr einen Stapel Kinderkleider reparierte, hatte sie einen «Heureka-Moment», wie sie selbst sagt. Unter den Kleidern war ein selbstgestrickter rot-blauer Wollpullover, den bereits ihr Mann als Kind getragen hatte und der an einem Ellenbogen schon einmal mit einem kleinen Häkelpatch repariert worden war – wohl von der Grossmutter ihres Mannes. «Da habe ich realisiert: Wow, in so einer Korrektur steckt ja richtig viel gestalterisches Potenzial!», sagt Schlüter. «Anstatt ein Loch einfach nur zu stopfen, kann ich etwas richtig Schönes daraus machen.»

Die Idee war geboren: Anstatt ein Stricklabel zu gründen, wollte sie im Rahmen ihrer Masterarbeit Häkelpatches entwerfen und sich weitere kreative Flicktechniken aneignen. 2019 schloss sie den Master ab und schuf ihr Label The Hole Story. Der Name soll ausdrücken, dass jedes Kleidungsstück eine Geschichte hat, zu der eine Reparatur beitragen kann. Wie der Pullover ihres Mannes, den sie dereinst vielleicht an ihre Enkelkinder weitergeben kann.

Flickworkshops

Der Name sollte auch den ganzheitlichen Ansatz in Worte fassen, der ihr so wichtig ist: «Es geht nicht nur darum, Kleider zu flicken», sagt sie. «Wir sollten bereits beim Einkauf eines Kleidungsstücks darauf achten, dass die Qualität gut ist, dass es sich reparieren lässt und wir es lange tragen können. Wir sollten viel weniger Kleider kaufen und diesen dann Sorge tragen.» Material und Verarbeitung von Kleidern können bei der Einschätzung helfen, wie robust und langlebig sie sind: So lassen sich etwa stark elastische Stoffe weniger gut reparieren als Textilien ohne Elasthananteil. Bei Maschenware lassen sich Oberflächen, die in Rippen- oder anderen Strukturmustern gestrickt sind, weniger leicht reparieren als solche mit deutlich sichtbaren und ausschliesslich rechten Maschen auf der Vorderseite.

In ihrem Atelier in Meggen bietet sie nicht nur einen Reparaturservice an, in dem sie Kleidung ihrer Kundinnen und Kunden flickt. Sie führt auch Workshops durch, in denen sie ihr Wissen zu diversen Reparaturtechniken weitergibt und Teilnehmenden zeigt, wie sie die mitgebrachten Kaschmirpullover, Strickjäckchen, Jeans oder andere Lieblingsstücke am besten flicken können. Zudem erhält sie von diversen Geschäften und ihrer Kundschaft kaputte Strickwaren, die sie aufwertet und weiterverkauft. Während Kundinnen und Kunden meist möglichst unsichtbare Reparaturen wünschen, kann die Textildesignerin hier ihrer kreativen Ader freien Lauf lassen – sei es mit Häkelpatches, Stickereien oder indem sie Löcher mit auffälligen Farben gut sichtbar stopft. «Wenn ich schon so viel Zeit und Herzblut in eine Reparatur stecke, soll man sie auch sehen», sagt sie. Wer ihre Kleidung trägt, kann gut sichtbar ein Zeichen setzen gegen Fast Fashion und die Konsumgesellschaft.