Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

«Verschwunden ist die Selbstsucht»

Den Anschluss ans Volk suchen: Die europäischen Intellektuellen reihten sich am Anfang des Ersten Weltkriegs willig in die nationalistischen Fronten ein.

Von Stefan Howald

Alle Distanz zur Nation und zum Staat, jede kritische Aufklärung und Vernunft waren weggeschwemmt. Als die europäischen Regierungen im August 1914 den Ersten Weltkrieg begannen, fanden sich die meisten Intellektuellen jubelnd ein.

Der Philosoph Henri Bergson, der mit seinem Konzept einer schöpferischen Lebenskraft gegen deterministische Vorstellungen europaweit AnhängerInnen gefunden hatte, verankerte sich plötzlich im guten Gewissen der französischen Nation und nannte im August 1914 in einer Rede den Krieg gegen Deutschland «einen Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei». In Britannien wurde die patriotische Mobilmachung nach der Verletzung der Neutralität Belgiens durch die deutsche Armee vorangetrieben. So unterstützten Konservative wie Arthur Conan Doyle und Rudyard Kipling sowie Liberale wie H. G. Wells den Krieg gegen das «barbarische Deutschland», wobei Letzterer ihm einen pazifistischen Anstrich verleihen wollte, als jenem «Krieg, um alle Kriege zu enden».

Darauf antworteten 93 deutsche Intellektuelle, Kulturschaffende und Wissenschaftler in einem Aufruf «An die Kulturwelt», in dem sie den «aufgezwungenen schweren Daseinskampf» Deutschlands rechtfertigten, die Belege für deutsche Kriegsverbrechen in Belgien als «Greuelpropaganda» leugneten und auch ein wenig Rassismus gegen «russische Horden» und «Negersoldaten» einstreuten.

Der Krieg bedeutete nicht nur den Rückbezug auf die Nation, sondern wurde auch als eine Läuterung angesichts der verweichlichten Zivilisation verstanden. Der in Berlin lebende Klagenfurter Robert Musil, der in «Die Verwirrungen des Zöglings Törless» die Verheerungen einer militaristischen Internatserziehung seziert hatte, schrieb jetzt darüber, «wie schön und brüderlich der Krieg» sei und wie der Einzelne auf die «elementare Leistung» eingeschmolzen werde, «den Stamm zu schützen». Mit einem Rest kritischer Einsicht zeichnete er den Vorgang nach, den er da mit sich geschehen liess: «Die Welt klaffte in Deutsch und Widerdeutsch, und eine betäubende Zugehörigkeit riss uns das Herz aus den Händen, die es vielleicht noch für einen Augenblick des Nachdenkens festhalten wollten.» Worauf er pflichtschuldig ins Feld zog und für seinen Einsatz an der österreichisch-italienischen Isonzo-Front mehrfach ausgezeichnet wurde.

Auch der Philosoph Ludwig Wittgenstein liess es sich nicht nehmen, sich mit der «deutschen Rasse» zu identifizieren. Freiwillig rückte er in die österreichische Armee ein, um angesichts latenter Schuldgefühle für seine Homosexualität Sühne zu leisten: «Jetzt wäre mir Gelegenheit gegeben, ein anständiger Mensch zu sein, denn ich stehe vor dem Tod Aug in Auge.»

Die Nation, die Rasse hiessen immer auch: die Menge, die Masse, das gemeine Volk. Die bisher arrogant betriebene einsame Tätigkeit des Geistes konnte jetzt durch das Eingehen ins grössere Ganze gesühnt werden.

Eisig klar fasste diese Attraktion des Kriegs im September 1914 der deutsche Soziologie Georg Simmel zusammen: «Verschwunden ist damit der Mammonismus, der uns so oft verzweifelt machte, jene Anbetung aller äusseren, in Geld ausdrückbaren Erfolge; verschwunden die Selbstsucht der einzelnen und der Klasse, für die der Gedanke des Ganzen zur Chimäre wurde; verschwunden das ästhetisierende Geniessertum, das von den Furchtbarkeiten und Gefahren der Existenz einfach wegsah.»

Nur wenige konnten sich dem nationalistischen Taumel entziehen, so der englische Philosoph Bertrand Russell oder der französische Romancier Romain Rolland, die für eine internationale, pazifistische Verständigung warben. Im November 1914 starb der deutsche Dichter Georg Trakl nach einem Suizidversuch, den er angesichts des Grauens in einem Kriegslazarett unternommen hatte. Es mussten noch Hunderttausende Menschen sterben, bis mehr Intellektuelle das Nachdenken wiedergewannen.

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