Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Hat der Weltkrieg die Frauen befreit?

Zur Ikonografie des Ersten Weltkriegs gehören Bilder von schwer arbeitenden Frauen in Industrie und Landwirtschaft. Doch war ihr gesellschaftliches Engagement auch viel breiter – zu mehr Macht für die Frauen führte es kaum. Das zeigt das Beispiel Deutschland.

Von Ulrike Baureithel

«Da, wo ich herkomme, ist ein Mädchen nichts wert. Hier bin ich frei und gleichberechtigt. Als Frau darf ich Teil der kämpfenden Truppe sein. Das macht mich wirklich sehr stolz. Hier ist die Frau wertvoll.» So hat die fünfzehnjährige Sibel in einer Reportage der ARD jüngst erklärt, warum sie sich den kurdischen Volksbefreiungseinheiten angeschlossen hat. Mit ihrem Kampf für ein freies Kurdistan verbindet sie, ebenso wie ihre Kameradin Hayat, die Hoffnung, «nicht nur für unsere Erde, sondern auch für die Freiheit der Frau» zu kämpfen.

Der Krieg als Schrittmacher der Emanzipation? Soldatinnen, die sich durch ihren tödlichen Einsatz Anerkennung erkaufen, und wenn schon nicht die Hälfte, so doch zumindest ein Stück des Himmels? Es ist gerade einmal hundert Jahre her, dass Frauen in Deutschland ähnlich dachten. Obwohl vom Versammlungsrecht der Kaiserzeit extrem diskriminiert, hatten sich die Selbstbewusstesten in diversen Vereinen zusammengefunden und setzten sich für Frauenbildung ein, für bessere Arbeitsbedingungen und manche sogar für das Frauenstimmrecht.

Viele waren auch sozial engagiert; die einen propagierten Geburtenkontrolle, die anderen wollten Prostituierte vom schlechten Weg abbringen oder Arbeiterinnen zu guten Hausfrauen und Müttern ausbilden. Die Landschaft der bürgerlichen und proletarischen Frauenvereine war politisch so bunt wie heutzutage, aber 1914 hätte es wohl keine Gruppe gegeben, die sich kämpfend an die Seite der deutschen Soldaten, die nur noch ein Vaterland kennen sollten, gestellt hätte.

Die meisten dieser Frauen – von radikalen Pazifistinnen wie Anita Augspurg oder Lida Gustava Heymann und Sozialistinnen wie Clara Zetkin oder Rosa Luxemburg abgesehen – sahen den Krieg allerdings als einmalige Chance zu beweisen, dass sie zwar nicht gleich, aber gleich viel wert waren wie die Männer im Feld. «Ein Hauch weltgeschichtlicher Ereignisse rührt uns an, und wir haben zu zeigen, welch ein Geschlecht er trifft», liess Elisabeth Altmann-Gottheiner in der Verbandszeitschrift «Neue Bahnen» verlauten.

Frauen am Hochofen

Auf Initiative der Vorsitzenden des Bunds Deutscher Frauenvereine, Gertrud Bäumer, schlossen sich 1914 nicht nur die bürgerlichen Frauenverbände, sondern auch Sozialdemokratinnen und konfessionelle Frauenorganisationen dem Nationalen Frauendienst an. Er engagierte sich auf Gemeindeebene in der Wohnungs-, Kranken- und Kinderfürsorge, unterhielt Volksküchen und unterstützte Hinterbliebene. «‹Heimatdienst›», dekretierte Bäumer, «ist für uns die Kriegsübersetzung des Wortes ‹Frauenbewegung›.»

In der Tat schien nach der Einberufung der Männer zum Militär und der mit dem Notgesetz vom 14. August 1914 beginnenden Mobilisierung der weiblichen Arbeitskräfte eine organisierte Kriegsfürsorge unumgänglich. Das verstärkte sich in der zweiten Kriegshälfte, als sich das Kriegsamt veranlasst sah, 1916 ein eigenes Referat einzurichten, um im Rahmen des «vaterländischen Hilfsdiensts» Frauen für die Kriegswirtschaft zu mobilisieren – allerdings auf freiwilliger Basis, denn der ökonomische Druck an der «Heimatfront» war so gross, dass sie gar nicht zwangsrekrutiert werden mussten.

Und so haben sich folgenreiche Bilder ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeprägt: Frauen in Munitions-, Pulver- und Stacheldrahtfabriken; Frauen am Hochofen; Frauen vor einen Pflug gespannt, weil die Pferde beschlagnahmt waren; Frauen als Strassenbahnschaffnerinnen und Postbotinnen anstelle ihrer eingezogenen Männer, Brüder oder Väter; und natürlich die unzähligen Krankenschwestern an der Front. Das Bild von der schwer arbeitenden Frau in Industrie und Landwirtschaft gehört zur unhinterfragten Ikonografie des Ersten Weltkriegs und wurde in den später entstandenen Kriegsromanen immer wieder gerne bestätigt.

Als sich die Neue Frauenbewegung in den siebziger Jahren dann auf die Suche nach weiblichen Vorbildern machte und dabei die Aktivistinnen der ersten deutschen Frauenbewegung wiederentdeckte, waren solche Bilder, aber auch die Hinterlassenschaften einer politisch aktiven und sozialpolitisch engagierten Grossmüttergeneration eine willkommene Vorlage. Die Aktivistinnen schienen politisch weniger kontaminiert als die Trümmerfrauen des Zweiten Weltkriegs, die unter dem Verdacht standen, «Hitler an die Macht gebracht» zu haben, wie ein berühmt gewordener Aufsatz titelte.

Anfang der achtziger Jahre findet sich in der einflussreichen Frauenzeitschrift «Courage» eine längere Auseinandersetzung mit der Frage, ob die im Nationalen Frauendienst organisierten und zweifellos national gesinnten Frauen als «übergreifende Selbsthilfe-Organisation» nicht auch dazu beigetragen hätten, Fraueninteressen sichtbar zu machen. Indem gerade bürgerliche Frauen die weibliche Industriearbeit als «wesensfremd» ablehnten, hätten sie zumindest einen latenten Widerstand gegen den Krieg und die «Selbstzerstörung des Patriarchats» forciert. Es gab allerdings auch andere feministische Fraktionen, die gerade die Einbeziehung der Frauen in männliche Arbeitsdomänen als «Schrittmacher der Emanzipation» betrachteten.

Relativ früh schon rieben sich feministisch orientierte Historikerinnen an der Tatsache, dass weder die gemässigten bürgerlichen Frauen die Gunst der Stunde nutzten, um das allgemeine Frauenstimmrecht zu fordern – dies überliessen sie nach wie vor den Radikalen und den Sozialdemokratinnen –, noch die Frauenbewegung verhindern konnte, dass die Arbeiterinnen 1918/19 massenweise demobilisiert und an den Herd zurückgeschickt wurden.

«Emanzipation auf Leihbasis»

Die historischen Studien der folgenden Jahre räumten erst einmal mit einer Legende auf: Entgegen der landläufigen Ansicht, erst der Krieg habe Frauen massenweise ins Erwerbsleben gespült, wurde deutlich, dass sich nach 1914 ein bereits existierender Trend der Vorkriegszeit fortsetzte. Nach den Berufszählungen von 1907 und 1925 stieg die weibliche Erwerbsbeteiligung von 30,5 Prozent (8,5 Millionen) lediglich auf 35,6 Prozent (11,5 Millionen) und wies eine geringere Steigerung auf als die der Männer.

Verändert hatte sich seit Beginn des Kriegs jedoch die Erwerbsstruktur: Die Frauen wanderten von der Landwirtschaft oder aus dem häuslichen Dienst vermehrt in die Industrie ab. Und auch innerhalb der Industrie verschob sich das Gewicht in Richtung kriegswichtiger Industriezweige.

Von einer «Emanzipation durch Männerarbeit» jedoch, so die Historikerin Barbara Guttmann, könne schon aufgrund des aufgeweichten Arbeiterinnenschutzes, der schlechten Arbeitsbedingungen und der Belastung durch die miserable Versorgungssituation im Krieg nicht die Rede sein, zumal Frauen auch jetzt die am schlechtesten bezahlten Arbeitsplätze einnahmen und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht grundlegend erschüttert wurde. Auch das mag ein Grund gewesen sein, warum viele Frauen ihre Jobs nach dem Krieg wieder aufgaben.

Ähnlich lesen sich die Befunde der Historikerin Ute Daniel: Frauen an Männerarbeitsplätzen einzusetzen, sei aus der Not geboren worden und habe nach Kriegsende keineswegs zu einer grösseren gesellschaftlichen Akzeptanz von Frauenlohnarbeit geführt, sondern zu ihrer Verdrängung in «weibliche» Arbeitsbereiche. Es habe sich um eine «Emanzipation auf Leihbasis» gehandelt.

Wichtige Weichenstellerinnen

Dennoch hat der Krieg die Geschlechterverhältnisse durcheinandergewirbelt: Weniger Eheschliessungen, Empfängnisverhütung und ein signifikanter Geburtenrückgang relativierten die Ehe als «Normalexistenz» für Frauen. Die Aktivistinnen, die den Nationalen Frauendienst angeschoben und unterhalten hatten, stellten so die Weichen für die sozialpolitischen und fürsorgerischen Reformen der Weimarer Republik; unter anderem setzten sie verbesserten Mutterschutz und das Mutterschaftsgeld durch, Mindestlöhne für Heimarbeiterinnen und den Gesundheitsschutz für Prostituierte.

Als Gegenleistung für ihre «weibliche Pflichterfüllung» hofften sie auf das Wahlrecht, das allerdings nicht von den Frauenorganisationen, sondern von Liberalen und Sozialdemokraten auf den Weg gebracht wurde. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1918 zog Kurt Eisner zum Landtag in München und forderte: «Öffnen Sie das Haus! Es ist Revolution, wir sind die Regierung.» Die radikalen Frauenrechtlerinnen Augspurg und Heymann gaben sich telefonisch Bescheid: «Eisner hat das Wahlrecht der Frauen für Bayern proklamiert. Deutschland muss folgen.»

Und Deutschland folgte. War das Wahlrecht ein pflichtschuldiges Geschenk an die Frauen, ein Trostpflaster? Darüber gehen die Meinungen der Historikerinnen auseinander: Sabine Hering oder Irene Stoehr etwa interpretieren es als Folge und Erfolg der weiblichen «Unterwanderung» kommunaler Wohnungs-, Gesundheits- oder Fürsorgeeinrichtungen. Und tatsächlich war die «Selbst-Organisation» auf Gemeindeebene eine der vielleicht wichtigsten Kriegserfahrungen von Frauen. Guttmann und Daniel dagegen befinden, dass von einem «Machtverlust der Männergesellschaft» (Guttmann) keine Rede sein könne. Der Einschluss in Form des Frauenwahlrechts ging mit dem weiblichen Ausschluss einher, indem die Frauen auf ihr angestammtes Arbeitsplatzspektrum verwiesen wurden und sie auf politischer Ebene unterrepräsentiert blieben.

Was die Frauen nach dem Krieg vorfanden, war ein Land, das von einer kurzen Revolutionseuphorie in die Depression stürzte. Sie kamen zu spät, um den lange zuvor von Männern geprägten Institutionen – seien es Gewerkschaften, Gremien der Selbstverwaltung, politische Parteien oder Parlamente – noch ihren Stempel aufdrücken zu können. Nicht nur blieben Fraueninteressen unterbelichtet. Sie kultivierten auch eine Zeitökonomie und Arbeitsweise, die Personen, die mit Haus-, Erziehungs- und Pflegeaufgaben belastet waren, von vornherein benachteiligten. Das ist die Hypothek, mit der Frauen noch heute zu kämpfen haben.

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