Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Einsamer Minusrekord

Der geplante Verkauf der «BaZ» ist vor allem die Geschichte der publizistischen, politischen und kommerziellen Niederlage des Medienunternehmers Christoph Blocher.

Von Hansi Voigt

Medienunternehmer Christoph Blocher hatte eine klare Strategie: Statt weiterhin Geld in Zeitungsinserate, etwa für SVP-Kampagnen, zu stecken und damit die vermeintlich linken Medien finanziell zu stärken, kaufte er die Titel gleich selber. Lange hiess es, Blocher liege bei der NZZ auf der Lauer. Dann kaufte Blocher die «Weltwoche».

Am Anfang funktionierte das Modell sehr gut. Der Chefredaktor verbreitete das Weltbild des Inhabers. Die Mainstreammedien nahmen alarmiert jede noch so routiniert hingeworfene Antithese zur Kenntnis und verbreiteten mit Schnappatmung die rechten Standpunkte. Und die Verluste hielten sich, nicht zuletzt dank regelmässigem Sponsoring des Kreuzworträtsels durch die Ems-Chemie, in engen Grenzen.

Um dieses vermeintliche Propaganda-Perpetuum-Mobile noch auszuweiten, stieg Blocher, auf reichlich verwinkelte Weise, bei der «Basler Zeitung» ein. Das Ziel war es, die Verbreitung der rechten Sicht der Dinge, bei minimalen Kosten, auf tägliche und nationale Basis zu bringen. So weit, so schlüssig. Die «BaZ» wurde umgekrempelt. Doch noch schneller, als die Kosten sanken, verschwanden die LeserInnen. Blochers Statthalter Markus Somm hat die Auflage von 83 000 im Jahr 2010 auf 44 000 im Jahr 2017 fast halbiert. Das ist einsamer Schweizer Minusrekord unter den Regionalzeitungen.

Die Legende vom Turnaround

Zur blocherschen Legende des cleveren Unternehmers gehört aber zwingend der erfolgreiche wirtschaftliche Turnaround. Vor zwei Jahren berichtete Medienexperte Kurt W. Zimmermann von «einer der wundersamsten Auferstehungen unserer Pressegeschichte». Zimmermann beschrieb im von ihm geleiteten «Schweizer Journalisten», dass man mit der «Basler Zeitung» «ein nachhaltiges Überlebensmodell für die Regionalpresse» entwickelt habe. Und irgendwie fand Zimmermann bei schnell sinkendem Umsatz auch noch sechs Millionen Franken Reingewinn in den Zahlen, die niemand wirklich gesehen hat.

Mit harten Zahlen wurde das Basler Medienwunder nie belastet. Aber bis zur schlanken «BaZ» hat Christoph Blocher rund 200 Millionen Franken auf den Tisch gelegt: «Wer die Garantien für Kaufpreis (70 Mio.), Bankschulden (92 Mio.), Deckung der Pensionskasse (25 Mio.), Sozialplan Druckereischliessung (3,2 Mio.) usw. geleistet hat, ist mittlerweile bekannt», rechnete 2016 etwa Guy Krneta vor, der die Basler Medienentwicklung seit Jahren eng begleitet.

Im krassen Gegensatz zu den verbreiteten Erfolgsmeldungen steht denn auch die Kaufsumme, mit der sich die beiden Neuverleger Markus Somm und Rolf Bollmann an der «BaZ» beteiligen konnten: Für jeweils eine halbe Million Franken bekamen sie ein Drittel der Aktien. In der Tat, ein «Freundschaftspreis» – der Abschreiber von 200 Millionen Franken ging damit an Christoph Blocher.

Empörung bleibt aus

Noch letztes Jahr prägten Angst, Schrecken und Gratis-Sonntagszeitungs-Luftschlösser die Debatte um Medienunternehmer Blocher. Die aktuelle Diskussion um die Veräusserung der «BaZ» an Tamedia und den Erwerb des «Tagblatts der Stadt Zürich» im Gegenzug als Ergänzung zu eben erworbenen 25 Gratistiteln der Zehnder-Medien zeigt vor allem eins: Die publizistischen Brötchen, die die Medienunternehmer Blocher, Somm und Bollmann künftig zu backen gedenken, sind klein geworden.

Auch publizistisch hat sich das Empörungssystem von rechts aussen abgenutzt. Als insbesondere die Leitartikler der «Weltwoche» und der «BaZ» ihren journalistischen Nimbus verloren hatten, funktionierte die Masche nicht mehr. Selbst wenn grobes Geschütz aufgefahren wird wie jüngst beim Faschistenflirt mit Stephen Bannon. Am Schluss beschwerte sich Köppel angesichts der ausbleibenden Empörung, dass das SRF nichts bringt. Bei schmuddligen Gratiszeitungen wird die Empörungsmasche von Anfang an nicht funktionieren.

Das Fazit für den politischen Medienunternehmer Blocher fällt nach zehn Jahren vernichtend aus. Die LeserInnen sind davongerannt, Basel wählt linker denn je, wirtschaftlich bleibt ein Millionenloch, und politisch sind seine Produkte zunehmend wirkungslos. Es bleibt einzig die Drohung, irgendwann bei der NZZ einzusteigen. Aber da waren wir ja schon mal.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zur Medienzukunft.

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