Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Handelsware Hass

Wie destruktive und falsche Behauptungen die Mediendebatte bestimmen, zeigt die Auseinandersetzung um die Schweizer Fussballnati.

Von Hansi Voigt

Seit die tragenden Figuren nicht mehr Odermatt und Kuhn, sondern Xhaka, Shaqiri, Embolo und Lichtsteiner heissen, spielen wir in einer anderen Liga. Vor dreissig Jahren waren wir auf dritte Plätze in der WM-Ausscheidung abonniert, heute hadern wir mit verlorenen Achtelfinals.

Die Geschichte der Fussballnati ist die Erfolgsgeschichte der Schweiz. Das Zuwanderungsland ist erfolgreicher geworden – und sicherer. Seit Jahren sinken in der Kriminalitätsstatistik sämtliche Werte. Die Jugendkriminalität liegt in der Schweiz heute niedriger als 1999. Das BIP stieg im gleichen Zeitraum um 31 Prozent.

Insbesondere der Doppeladler Stephan Lichtsteiners ist das Symbol der langen, aber erfolgreichen Integrationsgeschichte. Auch der Urschweizer Captain und Aussenverteidiger hats begriffen: Albaner, Kongolesen, Chilenen, Wädenswiler, Waadtländer – egal! Vergesst den Eidgenossenquatsch, wir sind die Schweiz. Basta!

Rickli und Glarner liefern

Mit der Geste hatte zunächst niemand wirklich ein Problem. Nur den AngstmacherInnen vom rechten Rand muss das sich abzeichnende Schweizer Multikultisommermärchen ein echter Graus gewesen sein. Verständlich: Hass, Kriminalität, Neid und Ausgrenzung sind ihre politische Geschäftsgrundlage.

Die Desintegrationsbeauftragten der SVP, Natalie Rickli und Andreas Glarner, mussten deshalb liefern. Und sie lieferten gut, wie sich im Rückblick zeigt. Statt gegenseitig die gelungene Integration im albanisch-schweizerischen Autokorso zu bejubeln, nahm die Mediendebatte mit sehr gehässigem Grundton Fahrt auf.

Rickli konnte sich auf Twitter über den Sieg nicht recht freuen. «Der Doppeladler spaltet die Schweiz», behauptete kurz darauf «20 Minuten». Glarner tischte eine Geschichte auf, für deren Wahrheitsgehalt die Formulierung «Eben ruft mich eine enttäuschte Mutter an …» genügte. Und schon titelte das Gratisblatt: «Cervelat-Verbot aus Rücksicht auf Muslime?» Hate sells!

Als im Zuge der einsetzenden Ausgrenzungsdebatte ein hoher Funktionär des Fussballverbands darüber schwadronierte, künftig DoppelbürgerInnen die Segnungen der internen Fussballkurse nicht mehr zukommen zu lassen (vgl. «Die Hüte des Alex Miescher»), wird dies im «Tages-Anzeiger» als «brisante Idee» präsentiert. Die Tatsache, dass der Verband, der den Xhakas und Shaqiris seine EM- und WM-Reisli zu verdanken hat, offenbar völlig aus der Zeit gefallen ist, wird zunächst nicht thematisiert.

Die Medien erledigen den Rest

Das Schema setzt sich wieder und wieder fort: Die konstruktive Seite der Politik versäumt es, die Erfolgsgeschichte zu vereinnahmen und zu erzählen. Die destruktiven Kräfte übernehmen. Sie werfen den Medien ein paar besonders ekelhafte Brocken hin, und diese erledigen den Rest. So weicht das gesellschaftliche «vorwärts» einem professionell gelenkten und zunehmend unregierbar gemachten «gegeneinander».

Die Auseinandersetzung um die Nati ist beispielhaft, die Sujets sind beliebig. Ob Doppeladler oder Silvesternächte: Mit wirren und falschen Behauptungen bekommt das Thema den Spin. Die ernsthaften Medien müssen die Fakten auflösen, die anderen weiden, im besten Fall, die Unanständigkeit der Urheber aus.

In der Kakofonie geht jeder differenzierte Ansatz unter, während die Entfremdung zu den demokratisch gewählten VertreterInnen und das Gefühl der Ohnmacht zunehmen. Die Zerstörungskraft dieser politischen Sprengsätze ist enorm. Sie funktionieren auf Abruf. Irgendwann kommt der Ruf nach dem starken Mann. Donald Trump weiss das. In Europa und in der Schweiz wissen es immer mehr.

Zwietracht ist aus Mediensicht kein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell. Zum vorsichtigen Umgang mit Hass als emotionaler Handelsware ist dringend zu raten. Ansonsten muss man bald froh darum sein, dass sich viele LeserInnen vom klassischen Medienkonsum verabschieden.

Dem medialen Wahnsinn ist auch mit einer Flucht in die Satire nicht mehr zu entkommen. Inzwischen behaupten die Berner Scherzkekse von der «Beta-Show Deluxe», sie hätten Glarner die enttäuschte Cervelatmutter geliefert. Falls dem so wäre, wirkte die Satire dank der medialen KolporteurInnen erschreckend real. So oder anders: Der von «20 Minuten» und Co. gestreute Hass ist kein Witz.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zur Medienzukunft.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch