Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Jetzt nur nicht trübsinnig werden!

Alles wird schlimmer? Wir halten dagegen: Gerade das letzte Jahrzehnt zeigt, wie sich der Diskurs auf manchen Ebenen zum Besseren verschoben hat. Sieben frohe Botschaften.

Von Silvia SüessMail an AutorIn, Franziska MeisterMail an AutorIn, Florian KellerMail an AutorIn, David HunzikerMail an AutorIn, Daniel HackbarthMail an AutorIn, Daniela JanserMail an AutorIn

Illustration: Franziska Meyer

Sexismus von gestern

Ein Journalist will hinter das Geheimnis der Schönheit der Berner Frauen kommen. Seine Undercover-Recherche beginnt er in der Badi, klar doch, «ein guter Ort für Empirie»: Hier kann der Mann ungeniert Frauen im Bikini anstarren und merken, dass es «keinen Unterschied macht, ob Bernerinnen angezogen sind oder nackt». Als Experten zieht er ausschliesslich Männer bei, denn die sind ja historisch gesehen die Experten für alles – für Frauen sowieso. Von denen erfährt er dann auch ganz viel Interessantes. So seien Bernerinnen halt einfach natürlich, zutraulich, nicht so schnippisch und vor allem: nicht leicht zu knacken. Zwar, so schreibt der Journalist, habe Casanova eine dreizehnjährige Bernerin entjungfert, aber «nicht jeder ist Casanova».

Was sich heute wie ein schlechter Witz oder eine Satire liest, ist vor zwölf Jahren als ernst gemeinter Artikel im «Magazin» erschienen, geschrieben von einem angesehenen Journalisten. Seither ist das allgemeine Bewusstsein über die Macht der Sprache und darüber, wer wie mit welchem Blick über wen schreibt, auch dank #MeToo viel grösser geworden. Und der Umgang mit Sprache sorgfältiger. Keine seriöse Zeitung würde solch einen Artikel heute noch abdrucken – und wenn, wäre ein Shitstorm programmiert. Zu Recht.

Silvia Süess

Und plötzlich sind sie da

Die «junge digitale Generation» sei kein politisches Phänomen, sondern «eines der blossen Unterhaltung», geprägt von der «weitgehend entpolitisierten Kommunikation in den neuen digitalen Netzwerken». Bei diesen Jungen herrsche offensichtlich der Wunsch vor, «angesichts neuer globaler Unübersichtlichkeiten verschont zu bleiben von politischer Auseinandersetzung». So lamentierte noch vor sechs Jahren ein längerer Essay im «Deutschlandfunk», und seither sorgt sich ein Heer an Pädagogen und Psychologinnen um vereinsamte, wahlweise aggressive oder depressive Jugendliche, verloren in den Endlosschlaufen von Onlinegames und -chats auf ihren Smartphones.

Und dann, vor exakt einem Jahr: «Ufe mit de Klimaziel, abe mit em CO2!», skandieren ein paar Tausend SchülerInnen in den Strassen Zürichs. Wenige Wochen später sind es Zehntausende, schliesslich Millionen, die freitags in den Strassen der urbanen Zentren weltweit gegen die Untätigkeit der Politik im Kampf gegen die Klimaerhitzung protestieren. Sie sind dezentral und basisdemokratisch organisiert – vernetzt quasi in Echtzeit über Google Drive, Whatsapp, Telegram und Co., wo man sich auf Englisch in verschiedensten Arbeitsgruppen koordiniert, lokal, regional und international. Übers Internet die Strassen erobert: Dieser Klimajugend gehört die Zukunft!

Franziska Meister

Mehr Meinungen für alle

Ständig verkündet irgendein Schreihals das drohende Ende der Meinungsfreiheit, bei jeder Diskussion wittert jemand eine Diskurspolizei, die unliebsame Meinungen zensiert. Alle wurden sie Lügen gestraft, denn wenn die nicht enden wollende Debatte um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke eines gezeigt hat, dann das: Jede, aber wirklich jede erdenkliche Meinung, Theorie, Erinnerung, Recherche oder Verschwörung zu dieser Angelegenheit konnte frei geäussert und publiziert werden.

Daniela Janser

Die aufrechten Horden

Klar, sie sind mir auch instinktiv zuwider, diese aufrechten Horden auf ihren geleasten E-Trottinetts, die seit diesem Jahr die Städte unsicher machen. Völlig zu Unrecht, wenn man sichs recht überlegt.

Erstens sind wir ja nur eifersüchtig, dass uns plötzlich ein anderes Feindbild den Rang abläuft, weil die mit ähnlich freier Regelauslegung durch die Strassen und über die Trottoirs kurven wie wir auf unseren Velos. Zweitens die Stilfrage: Diese aufrechte Fortbewegung an der frischen Luft, lautlos und ohne Anstrengung, ist das nicht ein Inbild des Fortschritts, eine Vision aus einer Zeit, als der Mensch noch von der Zukunft zu träumen wusste? Und drittens: Wir sind doch sonst immer für geteilte Güter, wieso also dieser Kult um den Privatbesitz, wo es ums eigene Velo geht? E-Trottinetts sind die kapitalistischen Vorboten des Umbruchs, sie bereiten uns insgeheim auf den Kommunismus vor! Jetzt müssen wir nur noch das ökologische Problem mit den Batterien lösen und die Leasingfirmen vergemeinschaften, dann kommts gut.

Florian Keller

Pop für die Zukunft

Billie Eilish wurde immer wieder dafür gelobt, dass sie auf die Sexualisierung ihres Körpers verzichte. Die Popsängerin, nie um eine clevere Antwort verlegen, spiegelte einfach die rückständige Moral zurück, die sich hinter diesem Lob verbirgt: Sie finde es schon seltsam, dass man sie unterstützen wolle, indem man Frauen beleidige, die sich anders anzögen als sie.

Ein Essay im «Guardian» zeichnete kürzlich nach, wie sich weibliche Popstars im Verlauf dieses Jahrzehnts schrittweise von den repressiven Erwartungen der Musikindustrie emanzipiert haben. Das bedeutet vor allem: Popsängerinnen haben keine Lust mehr, moralisches Vorbild zu spielen. Britney Spears und Miley Cyrus wurden mit ihren Abstürzen zu Pionierinnen; heute gehen Popstars wie Charli XCX, FKA Twigs oder eben Billie Eilish völlig offen mit ihren psychischen Abgründen um. Am wichtigsten aber: Die gewonnene Autonomie führt auch künstlerisch zu mehr Diversität. Wir können uns freuen auf den Pop der Zukunft.

David Hunziker

Weg mit den Mauern

Genau zehn Jahre ist es her, dass Barack Obama mit seinem Versprechen auf «change» zum US-Präsidenten gewählt wurde. Tatsächlich hat sich seither viel verändert – allerdings meist zum Schlechteren, nicht nur in den USA. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass trotz allem Mauern eingerissen wurden – wenn nicht reale, so doch mentale.

Noch in den «posthistorischen» bunten Neunzigern war es verpönt, einen allzu kritisch klingenden Begriff wie «Kapitalismus» auch nur im Mund zu führen, wenn man sich nicht als Ewiggestriger mit Hang zum Totalitären outen wollte. Spätestens nach der Finanzkrise 2008 wandelte sich das, was die globalen Aufstände von Kairo über Madrid bis New York wenig später noch einmal beschleunigten.

Zuletzt war viel von den diskursiven Bodengewinnen der Rechten die Rede, der Ausweitung des Sagbaren in immer menschenfeindlichere Abgründe. Das stimmt zwar, aber es werden auch wieder lebendige Debatten darüber geführt, wie eine Zukunft jenseits des Kapitalismus aussehen könnte. Und wenn jetzt die Klimajugend den «system change» fordert und in Deutschland plötzlich über die Enteignung grosser Immobilienfirmen debattiert wird, so zeigt das, dass sich der Möglichkeitshorizont durchaus auch erweitert hat.

Daniel Hackbarth

Hintertür ins Paradies

Gibt es etwas Hässlicheres als Louis-Vuitton-Taschen? Und gibt es etwas Grossartigeres als Frank Gehrys Louis-Vuitton-Gebäude im Bois de Boulogne in Paris? Dass Letzteres mit Ersteren finanziert wurde, ist eine der perversen kapitalistischen Ironien, die es auszuhalten gilt, eröffnet sie uns doch eine Hintertür ins Paradies. Die Postmoderne wird ja gern für alle möglichen Übel verantwortlich gemacht – bei Frank Gehry dagegen kann man erleben, wie postmoderne Architektur einen innert Sekunden von aller bedrückenden Erdenschwere und Zukunftsangst erlösen kann. Plötzlich ist der Glaube an den menschlichen Erfindungsgeist zurück. Alles scheint möglich. Und zwar egal, wo man sich in diesem verrückten Gebäude aufhält, das wahlweise einem Segelschiff, einer Wolke aus Glas, einem zerborstenen Ei oder einem Eisberg gleicht. Am besten funktioniert die Erlösung auf den Aussichtsterrassen – aber auch am Fuss des 2014 eröffneten Baus, wo den BesucherInnen über eine breite Aussentreppe viel Wasser entgegen fliesst: Mühelos verwandelt sich eine drohende Überschwemmung in ein Arrangement von sublimer Schönheit.

Dazu gibts bis zum 24. Februar eine Ausstellung über die Designerin Charlotte Perriand zu sehen. Das ist die Frau, die ziemlich sicher die berühmte Corbusier-Liege erfunden hat, aber auch andere smarte Möbel, Badezimmer, Kleinstküchen – oder ein formvollendetes Fertighaus, in das man sofort einziehen möchte. Wie Perriand hier aus dem Schatten der Ikone Le Corbusier geholt wird und zu ihrem Recht kommt, ist eine Richtschnur für die Zukunft.

Daniela Janser

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