19.10.2000

Endlich Räume zum Lernen!

Christine Goll. Geboren 1956 in Zürich. Realschullehrerin und Journalistin. Zur Zeit des Interviews freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig und Geschäftsleiterin «Dachverband Schuldenberatung». SP-Nationalrätin und -Vizepräsidentin.

Interview: Heinz Nigg

Mein Gegenstand: Das Ziel der Volksuni. Mit- und voneinander lernen, um Veränderungen zu bewirken. Foto: Gertrud Vogler

Mit meinen beiden jüngeren Geschwistern bin ich in Zürich aufgewachsen, und ich fühle mich durch und durch als Stadtzürcherin. Meine Mutter ist Italienerin. Als Arbeitsmigrantin kam sie nach dem Krieg in die Schweiz, arbeitete im Gastgewerbe und lernte hier meinen Vater kennen. Er war Drucker. Da beide erwerbstätig waren, mussten wir Kinder schon früh auf uns selber abstellen. Das war eigentlich ganz gut so: Ich lernte zu verantworten, was ich selber machte.
Dadurch dass meine Mutter arbeiten ging, zeigte sie mir, wie wichtig es ist, finanziell unabhängig zu sein. Obwohl sie nicht viel verdiente, war sie stolz darauf, einen materiellen Beitrag an die Familie zu leisten.

Hast du auch etwas von ihrer «Italianità» mitbekommen?
Sie hat keine Hemmungen, beim Streiten laut zu werden. Das ist vielleicht ein Cliché, aber bei ihr ist das so, und ich fand das nie negativ. Hingegen fand ich es mühsam, wenn ich in Familien von Schulkolleginnen und Schulkollegen sah, wie Emotionen einfach unterdrückt wurden. In unserer Familie konnte es Streit geben, aber nachher war alles wieder gut.

Welche Rolle spielten Religion und Politik in eurer Familie?
Die Religion war kein Thema. Die Tatsache, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme, hat mich geprägt. Das fing schon beim Sackgeld an: zu sehen, wie viel andere Kinder zur Verfügung hatten, deren Eltern mehr verdienten; zu hören, wie mein Vater als Jugendlicher darunter gelitten hatte, dass er nicht studieren konnte, weil es damals noch keine Stipendien gab. Und dann in der Schule zu merken, dass es nicht nur darauf ankommt, wie gescheit du bist, sondern ob du auch gefördert wirst. Die soziale Frage war für meine Entwicklung entscheidend.

Du hast die Sekundarschule gemacht und danach die Mittelschule absolviert. Wie hast du diesen sozialen Aufstieg erlebt?
«Ein Kind aus der Arbeiterklasse gehört nicht ins Gymnasium!», hiess es nach der sechsten Klasse trotz bester Schulnoten. Aber meine Primarlehrerin machte mir Mut: «Versuch den Übertritt in die Mittelschule nach der Sek. Das ist vielleicht sogar besser für dich.» Da hatte sie nicht Unrecht. Ich hätte das fremde soziale Umfeld im Gymi vielleicht gar nicht ertragen. Während der Mittelschule hielt ich den Kontakt zu meinen Freundinnen und Freunden aus der Sekundarschule weiterhin aufrecht. Die meisten machten eine Lehre. Da konnte ich gut den Unterschied zu uns MittelschülerInnen sehen: Während die StiftInnen bereits im Arbeitsleben standen, konnte ich mich noch voll aufs Lernen konzentrieren. Ich fühlte mich privilegiert. Nach der Matura machte ich das LehrerInnen-Seminar. Mein erster Lohn als Reallehrerin war höher als das Einkommen, das mein Vater zur gleichen Zeit kurz vor seiner Pensionierung hatte.

Wie wurdest du politisiert?
In der Sekundarschule hatten wir zum Teil repressive Lehrer, die uns mit Kleidervorschriften einengten: Du durftest nicht mit Plateauschuhen, Minijupes oder mit kurzen Hosen, den so genannten Hot Pants, in die Schule kommen. Natürlich hielten wir uns nicht an ihre Verbote, um sie erst recht zu nerven.
In der Mittelschule boykottierten wir die so genannte Rüebli-RS. Das war die Hauswirtschaftsschule, die «Husi», die damals für alle Mädchen noch obligatorisch war. Ich hatte Kontakt zur «Meitli-Gruppe» der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), die eine Broschüre über den Husi-Boykott herausgab. Ausserhalb der Schule machte ich beim Maulwurf mit. Das war die Jugendorganisation der RML, der Revolutionären Marxistischen Liga. Wichtiger als die so genannten Schulungskurse mit stinklangweiligen Frontalmonologen der Gurus und der ideologische Schlagabtausch mit den anderen damaligen Linksgruppen war für mich der soziale Zusammenhalt: miteinander an einem Wochenende wegfahren, während der Schulferien eine Hütte mieten und nächtelange Diskussionen über Politik, Beziehungen und unsere Träume führen.
Noch während ich im LehrerInnen-Seminar war, begann ich mich in den Gewerkschaften zu engagieren. Mich interessierte der Aufbau von Frauenstrukturen. Mit anderen Gewerkschafterinnen initiierte ich Ende der siebziger Jahre die ‘Gewerkschaftliche Kontakt- und Informationsstelle für Frauen’. Im Zürcher Kreis 4 eröffneten wir ein Ladenlokal und machten konkrete Beratungs- und Bildungsarbeit für Frauen. Damit wollten wir einerseits mehr Frauen für die Gewerkschaften gewinnen und andererseits die Gewerkschaften mehr dazu verpflichten, sich stärker frauenpolitisch zu engagieren.

Du stecktest also schon fest in der politischen Basisarbeit, als in Zürich 1980 die Unruhen ausbrachen. Wie hast du darauf reagiert?
Am 30. Mai war ich mit Freunden in der Stadt am Limmatquai unterwegs, als ich plötzlich sah, wie eine Gruppe von Leuten, die ich zum Teil kannte, damit beschäftigt war, Pflastersteine auszugraben. Ich erinnere mich noch, wie ich sie erstaunt fragte, was sie da machten. Am andern Tag erfuhr ich dann aus der Presse, wie es vor dem Opernhaus zu Krawallen gekommen war.

Hat dich diese Welle von Demos überrascht?
Ja, schon. Gleichzeitig war für mich dieser Aufruhr erklärbar. Die etablierte Kultur in dieser Stadt verfügte über viel mehr Mittel als die alternative Kulturszene. Die Jungen und die oppositionellen Kulturschaffenden hatten das gleiche Problem wie die Frauenprojekte: kein Geld und keine Räume.
Aber ich war ambivalent. Einerseits fand ich es gut, sich zu wehren. Manchmal braucht es Provokationen gegen die Arroganz der Mächtigen, um etwas zu erreichen. Andererseits wusste ich, dass du mit Einwerfen von Scheiben keine Überzeugungsarbeit in breiten Bevölkerungskreisen machen kannst. Ich habe mich nie mit der 80er-Bewegung identifiziert, und doch hatte ich viele Berührungspunkte mit Leuten, die darin aktiv waren. Mit der Bewegung verband mich vor allem die Raumfrage: Orte zu finden, die als soziale Knotenpunkte dienen, als Treffpunkte für Kultur- und Bildungsarbeit.

1984 wurde das Kultur- und Quartierzentrum Kanzlei erobert. Damit kam Zürich doch noch zu seinem autonomen Zentrum. Was bedeutete das Kanzlei für dich und deine Bildungsarbeit?
Für mich war das Kanzlei enorm wichtig. Ich erinnere mich, wie die verschiedensten Gruppen aus dem Quartier und aus der versprengten 80er-Bewegung die Räume des alten Schulhauses einfach belegten. Ich stand da drin und war begeistert: «Läck, wie heiss! Endlich haben wir Räume zum Lernen!» Die Frauen eroberten eine ganze Etage für sich. Zusammen mit anderen begann ich im obersten Stock des Kanzlei das Büro für die «Zürcher Volksuni» einzurichten.
Die Volksuni fand zwischen 1984 und 1987 dreimal statt und war ein Versuch, alle bestehenden sozialen Bewegungen wie die Frauenbewegung, die Gewerkschaften, die ökologischen Gruppierungen, die Gesundheitsbewegten, die Friedensbewegung und die kritischen WissenschaftlerInnen und ChristInnen zu einem Erfahrungsaustausch, zu einem Lernfest zusammenzubringen. Es war ein Bedürfnis da, zu reflektieren, was wir eigentlich machten, da die Politszene stark zersplittert war. Exemplarisch für diese Situation war die alte Frauenbewegung, die sich in eine Frauenprojektebewegung aufgespalten hatte. Aus der FBB waren viele Projekte von Frauen in Gratisarbeit entstanden: Frauenhäuser, Nottelefone und andere Beratungsstellen. Die Lernfeste der Volksuni hatten eine unglaubliche Anziehungskraft. Es kamen auch Leute, die ich noch nie im Kanzlei oder an einer Demo gesehen hatte. Das Kanzlei wurde immer mehr zu einem Treffpunkt für verschiedenste Gruppen. Es gab unter anderem ein Kafi, das Kino Xenix, die Frauenetage, einen Kindergarten, den historischen Verein Aussersihl, verschiedene AusländerInnen-Gruppen, eine Videowerkstatt und eine Frauen-Mitfahr-Zentrale. Ich selbst verdiente mein Geld im Impuls, einem Treffpunkt für Erwerbslose, den wir bewusst im Kanzlei einbetten wollten. Diese Durchmischung des Kanzlei fand ich äusserst spannend.

Was hat die Vernetzungsarbeit der Volksuni bewirkt? Zum Beispiel bei den Frauenprojekten?
Auf der Frauenetage organisierten wir regelmässige Kurse mit zum Teil über fünfzig Teilnehmerinnen, um aus der Geschichte der Frauenbewegung zu lernen. Wir gründeten den «Wyberrat». Er entstand direkt aus der Volksuni und war eine Vernetzung von verschiedensten Frauenorganisationen und Frauenprojekten in Zürich. Um die Vielfalt dieser Aktivitäten aufzuzeigen, gaben wir eine Broschüre mit allen Kontaktadressen heraus. Aus dem «Wyberrat» starteten wir unkonventionelle Aktionen. Unter dem Motto «Denk’ mal an Frau!» verwandelten wir beispielsweise in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Männerdenkmäler der Stadt Zürich in Frauenfiguren. Damit eröffneten wir den Kampf um das Frauenkulturzentrum in den Zeughäusern der Kaserne, gleich neben dem Kanzlei.

Die interessanten politischen Projekte und Aktionen der achtziger Jahre waren vorwiegend ausserhalb der politischen Institutionen angesiedelt. Wie und warum machtest du den Schritt ins Parlament?
Im «Wyberrat» wurde die Diskussion über parlamentarische oder ausserparlamentarische Politik sehr heftig geführt. Ich konnte dem nicht viel abgewinnen. Deshalb beteiligte ich mich 1986 an der Gründung von «Frauen macht Politik!» (FraP!) und wurde prompt in den Zürcher Kantonsrat gewählt.
Ich bin auch heute, da ich nun seit mehreren Jahren in der SP und im Nationalrat politisiere, weiterhin der Überzeugung, dass es eine Vernetzung aller fortschrittlichen Kräfte in den und ausserhalb der politischen Institutionen braucht, um in diesem Land etwas bewegen zu können. Es genügt nicht, auf der Strasse für Forderungen zu demonstrieren. Es braucht die Vernetzung mit PolitikerInnen. Umgekehrt ist es mir ein Anliegen, die SP bewegungspolitisch zu stärken. Die SP ist eine grosse Partei und verfügt zusammen mit ihrem Umfeld über ein unglaubliches Potenzial an kompetenten und motivierten Fachleuten aus den verschiedensten Bereichen. Aber diese Leute musst du auch holen und einbeziehen.
Ich politisiere also nicht nur in der Partei und im Parlament. Genauso wichtig ist für mich weiterhin die Bildungsarbeit an der Basis. Das gibt mir Bodenkontakt. 1987 machte ich mich beruflich selbständig und gebe seither die verschiedensten Kurse: In den Gewerkschaften und für sozial Tätige, unter anderem auch für Frauen- und Behindertenorganisationen. Ich unterstütze die Leute beim politischen Lobbying: Wie kann ich meine Anliegen besser durchsetzen? Wie trete ich vor den Medien auf? Es geht mir dabei in erster Linie um die Stärkung des Selbstvertrauens.

Welches sind die Folgen und Auswirkungen der aktions- und basisorientierten Bewegungspolitik der achtziger Jahre?
Wenn ich sehe, dass uns das Kanzlei durch eine Volksabstimmung Anfang der neunziger Jahre wieder weggenommen wurde, dann haben wir in Zürich verloren. Auf der realpolitischen Ebene hat doch ein Umdenken stattgefunden. Zum Beispiel in der Drogenpolitik. Eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger hat eingesehen, dass die ärztlich kontrollierte Drogenabgabe ein gangbarer Weg ist. Da nimmt die Schweiz nun eine Pionierrolle ein. Das ist zwar bescheiden, aber nicht selbstverständlich, wenn du bedenkst, wie in dieser Frage die Fronten jahrelang verhärtet waren.

Was können die heutigen Jungen von den unruhigen achtziger Jahren lernen?
Die Raumeroberung für soziale, politische und kulturelle Projekte war damals eine wichtige Sache. Damit verbunden war das Entstehen eines neuen Selbstbewusstseins: Es ist wichtig, sich konkrete Ziele zu setzen und diese dann auch durchzuziehen.

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