27.04.2000

Plötzlich so ein Blues

Giovanni Schumacher, bekannt als Fashion. Geboren 1961 in Bern. Autodidakt und Jobber. Zur Zeit des Interviews Geschäftsleiter einer Genossenschaftsbeiz in Thun.

Interview: Heinz Nigg

Giovanni Schumacher: Ich bin in Bern aufgewachsen. Als ich elf war, haben sich meine Eltern getrennt. Wir sind bei der Mutter aufgewachsen. Ich bin der Älteste von drei Kindern. Mit zwölf hatte ich eine Jugendbande in Rüfenacht, in einem aus dem Boden gestampften Vorort von Bern. Wir waren sechzig Goofen, hatten eine eigene Zeitung, sehr einfach. Mit einem Matrizendrucker schafften wir es auf vier Nummern. Den erhielten wir von der Kirche. Mit der Kirche hatten wir sonst nichts zu tun. Die wollten uns in geordnete Bahnen lenken, weil wir Baustellen geplündert und Bretter geklaut hatten, um einen eigenen Robinson-Spielplatz zu bauen. Damals war natürlich eine allein erziehende Mutter mit drei Kindern, die arbeiten ging, für jedes Sozialamt ein Fall zum Eingreifen. Als ich elf war, kamen mein Bruder und ich für zwei Jahre ins Waisenhaus.
Da fällt mir ein schönes Ereignis ein. Der Pfarrer im Waisenhaus wollte, dass ich meine Stiefel am Samstag putze, weil wir am Mittwoch nicht frei hatten, weil wir den Saustall ausmisten mussten. Er war hässig, aggressiv und drohte mir mit Massnahmen. Ich fand: nein, auf mich warten 25 Goofen – ich war schon als Junger Führer bei den Pfadfindern und hatte eine Übung geplant. «Nein, die Stiefel putze ich nachher», sagte ich. Seine Autorität war gebrochen. Ich habe das Bild noch deutlich vor mir, wie er mir vom Waisenhaus aus nachrennt hinunter zum Schosshalden-Bus. Da kommt ein Taxi. Der Fahrer fragt mich, ob ich es eilig habe. Ich sage ja und steige ein, der Pfarrer rennt hintendrein, und ich bin schon weg.

Wie war das mit den Pfadfindern?
Das war eine wichtige Zeit für mich. Mein Name Fashion ist eigentlich mein Pfadfindername. Wir hatten Hippies als Führer, so Rand-68er. Die waren Freaks und wollten einfach das Leben geniessen. Sehr schnell habe ich Verantwortung für Kinder übernommen. Wir waren die einzige Pfa, die Knaben und Mädchen aufnahm – Koedukation. Das war damals noch verboten. Wir wurden deswegen aus der Pfadi ausgeschlossen und gründeten eine gemischte Pfa in Bern.

Welche Erfahrungen hast du mit der Schule gemacht?
Durch den Wohnortswechsel kam ich immer wieder in eine neue Schule. So wurde ich früh zum Einzelgänger. In der zweiten Klasse kam ich zu einer schlimmen Lehrerin. Die fand, wir Schumacher-Kinder seien schulisch nicht präsent. Wir mussten in die Jugendberatung. Da war immer dieses Jugendamt mit der Drohung: Wir nehmen euch die Kinder weg.
Meine Mutter war eine Powerfrau, die sich durchsetzen konnte. Wir Kinder hatten nicht das Gefühl, wir hätten zu wenig. Klar, wir waren nicht reich, wir sahen schon, dass andere Kinder zu Ostern ein Velo erhielten und wir nichts. Ich kann mich erinnern an die zweite oder dritte Klasse, wie wir mit ihr am Morgen um vier Uhr das Kino putzen gingen. Sie nahm uns mit, weil sie Angst hatte, wir würden zu Hause Unheil anrichten. Von der zweiten Klasse an kam ich in eine Kleinklasse für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Mich hat das total aus meiner Müdigkeit aufgeweckt. Ich hatte nun jüngere Lehrerinnen, die Energie hatten und kreativ waren. Wir waren auch weniger Schüler.

Wie ging es nach der Schule weiter?
Ich habe viel gejobbt. Eine Ausbildung im eigentlichen Sinn machte ich bis heute nicht.

Wie bist du als Jugendlicher in die Achtziger-Bewegung gekommen?
Durch verschiedene Anlässe sind wir von der Pfa mit dem Jugendzentrum Gaskessel in Kontakt gekommen. Das war ein Produkt aus der 68er-Bewegung. Schon bald kam es zu einem Konflikt. Erstens protestierten wir gegen die Eintrittskosten, weil wir kein Geld hatten, und zweitens störten wir uns daran, dass immer ein Securitas-Mann an der Türe stand, denn wir sahen nicht ein, was der da sollte, ausser dass er das Vereinsbudget belastete. So gründeten wir die «Ästhetische Gruppe». Wir begannen mit Mitbenützern vom Gaskessel zu diskutieren, Plenen zu organisieren. Dann kamen Studenten von der Uni, die damals einen Vortrag von Jeanne Hersch gestört hatten. Die waren sehr politisiert. Ich habe sie zwar nie richtig verstanden, weil sie halt wie Studenten intellektuell daherredeten. Ich besuchte sie in ihrer Wohngemeinschaft, ass und diskutierte mit ihnen. Das war meine erste politische Schulung.
Ich begann zu organisieren. Ich machte 1977 mit dem Soldatenkomitee eine Veranstaltung zur Militärdienstverweigerung. Dann organisierte ich eine Veranstaltung mit Günter Amendt über sein «Sex-Buch». Dann kam eine andere Veranstaltung im Gaskessel zur Cannabis-Legalisierung zustande. 1978/79 waren im Gaskessel schon über hundert Leute in der Ästhetischen Gruppe. Im Sommer besetzten wir den Platz vor dem Gaskessel.
Später besetzten wir ein altes Bauernhaus, das vor dem Abbruch stand. Wir organisierten ein erstes Konzert. Ein paar aus unserer Gruppe schrummten auf Gitarren; der eine von ihnen spielt heute bei Zürich-West. Das war
Hippie-Romantik um ein Lagerfeuer herum. Dann vernetzten wir uns mit immer mehr Gruppen. Die AusländerInnen schalteten sich ein. Es waren vor allem Italiener, Secondos. Die hatten auch keine Räumlichkeiten. Da fanden wir: «Machen wir doch alle zusammen eine Demo gegen den Abbruch des Bauernhauses!» Es ist plötzlich ein Blues gekommen, der einfach so eingefahren ist.
Zu fünft gingen wir an eine SP-Sitzung. Ich redete drauflos, ohne Anstand. Traktanden interessierten uns nicht. Das ist denen eingefahren, die Lebendigkeit, die da war. Und so hat es eine immer grössere Vernetzung gegeben.
Zwei Monate später war der Mai-Opernhaus-Krawall in Zürich. Ein Lehrer kam zu uns, der das selbst miterlebt und ein Flugi geschrieben hatte. Dann gab es eine Gruppe mit dem Jazzmusiker David Gattiker, die nannte sich Kulturguerilla; die machten Flugis mit lustigen Comics. Bei dieser Vernetzung ging es immer stärker ums Tramdepot. Wir fanden: Wir machen mit. So fand am Vorabend die Sache beim Tramdepot statt, und am Samstag war die Bauernhaus-Demo, wo recht viele Leute mitmachten: mit Mistgaretten, spontan. Dann ging es los in Bern. Fast jeden Abend war eine Demo.

Warum haben plötzlich so viele Leute mitgemacht?
Rund ums Bauernhaus sind wir immer zahlreicher geworden. Die Ästhetische Gruppe hatte auch Zulauf aus den wohlhabenden Kreisen aus Kehrsatz und Muri bekommen. Ein Familienvater hatte immer Angst, ich würde die Kinder von Muri verführen. Den Bezug zu den Reichen hatte ich ja nie gehabt, aber in diesem Moment hatte ich ihn. Ich lernte auch die bürgerliche Streitkultur kennen und habe bis heute einige dieser Kontakte aufrechterhalten.

Was meinst du mit bürgerlicher Streitkultur?
Ich habe wohl situierte Leute kennen gelernt, die sozialdemokratisch wählten. Es war eine Offenheit da, und es gab heftige Diskussionen. Ich hatte dort meine ersten AKW-Diskussionen, die mit einem schönen Erlebnis verbunden sind. Ich diskutierte mit Dr. B. Er war voll dafür und ich voll dagegen. Ich war neunzehn und er natürlich älter; ich ein Prolo ohne Ausbildung und er mit Doktortitel. Zwei Welten, die aufeinander prallen. Da kommt ein Professor auf Besuch und verwendet genau die gleichen Argumente, die ich vorher in meiner Einfachheit meinem Gesprächspartner entgegengehalten hatte. Plötzlich hatte ich einen Verbündeten! Das als Jugendlicher zu erleben, die Entlarvung dieser Arroganz, die da vorher im Spiel war, das war ein wahnsinniges Erlebnis. Das gab mir viel Selbstvertrauen für die kommenden Diskussionen.

Wie ist es auf der Strasse weitergegangen?
Unsere Militanz kam aus dem Bauch. Wir klauten zum Beispiel in der Migros Raclette-Käse für tausende von Franken, immer wieder rein und raus. Und haben nachher mit einer Gulaschkanone auf dem Bärenplatz Gratis-Raclette ans Volk verteilt und unsere Ziele erklärt.
Als dann später während dem Kampf ums AJZ die Schmier hoch aufgerüstet eingefahren ist, haben wir zum ersten Mal die Staatsgewalt erlebt und impulsiv darauf reagiert. Ich war der Erste, der kriminalisiert wurde, weil die Bullen meinen Namen hatten und weil ich für sie schon der Rädelsführer der Ästhetikgruppe gewesen bin. Meistens bin ich vor oder nach den Demos verhaftet worden. Bei mir hat dies keine Radikalisierung bewirkt. Die hatte ich bereits hinter mir. Mein Weltbild wurde also nicht zerstört.

Wie hat sich die Berner Bewegung organisiert?
Wir haben uns nicht an den Mechanismus von Briefeschreiben und Bittstellen gehalten. Wenn wir mit dem Polizeidirektor reden wollten, sind wir einfach in sein Büro gegangen: Da sind wir, und sie müssen mit uns reden! Dann kam meistens die Schmier. Aber er musste doch Stellung beziehen. Wir liessen uns auch nicht einspannen von all den Politgrüppli, die plötzlich auftauchten, Maoisten und andere. Wir wehrten uns gegen alle Parteistrukturen.

Was hat die Berner Bewegung erreicht?
Sehr prägend für mich war dieses Heimatgefühl. Ich fühlte mich dazugehörig. Ich wurde weiter politisiert durch das, was wir gemacht haben. Wahnsinnig, dieses Gefühl, in so kurzer Zeit so viele Erfahrungen gemacht zu haben. Intellektuell konnte ich das erst später aufarbeiten. Trotz Repression und dem harten politischen Klima, an dem Einzelne zerbrochen sind und in dem andere, die ich kannte, an Drogen gestorben sind, bin ich ungebrochen geblieben.

Wann endete die Berner Bewegung?
Für mich ist sie eigentlich auch heute noch nicht zu Ende, weil wir die Reithalle ja immer noch haben. Jetzt ist eine neue Generation am Werk. Es hat nur noch wenige Achtziger dabei.

Wie ist es für dich persönlich weitergegangen?
Ich war immer wieder in Untersuchungshaft. Alle Urteile, die ich aus dem Jahr 1980 hatte, habe ich bis 1985/86 weitergezogen. Ich hatte sie deshalb noch gar nicht abgesessen ausser in Form von Untersuchungshaft. Ich war also immer wieder tagelang im Knast. 1983 wurde ich offiziell ausgeschrieben, weil ich abgetaucht war. Ich machte politische Arbeit aus dem Untergrund: bei der Anti-AKW-Bewegung und beim Zaff und später beim Zaffaraya, oder wir besetzten den Ballenberg. Ich wollte nicht in den Knast, weil meine Freundin ein Kind bekam. Ich war dann vier Jahre Hausmann in dieser illegalen Zeit. Meine Freundin hatte gegen mich einen Vaterschaftsprozess angestrebt als Tarnung, und es hat super funktioniert. Sie kamen nicht auf die Idee, dass wir etwas miteinander zu tun haben könnten.

Ist ein solcher Aufbruch wie die Achtziger-Bewegung wieder denkbar?
Hier in Thun haben wir drei Politgruppen, die sich regelmässig treffen und grossen Zulauf haben. Wir haben eine Juso, die überquillt und vielleicht die radikalste in der ganzen Schweiz ist. Sie hat einen schwarzen Stern auf ihrem Juso-Fläggli, distanziert sich immer mehr von der SP, debattiert über Anarchismus und ist bei jeder Demo, auch bei der WTO-Demo in Davos, dabei. Es ist nicht eine Militanz im Sinne von «Wir schlagen alles kurz und klein», sondern es ist eine Militanz im Denken. Ich staune, wie belesen die Jungen sind und wie sie sich klar ausdrücken können.

Wenn man so aktiv lebt wie du, besteht da nicht die Gefahr, dass du zum gestressten Revolutionär wirst?
Ich arbeite hier in der Beiz sechzig Prozent, wenn ich nicht gerade politisch absorbiert bin. Ich muss mich auch zurückziehen können, wenn ich müde bin. 1980 habe ich zum Teil andere Sachen erlebt. Wenn eine Frau Kinder bekam, dann war sie weg vom Fenster. Wenn jemand eine Krise hatte, ist niemand nachfragen gegangen. Solche Ausgrenzungsmechanismen fanden in der Bewegung in den achtziger Jahren immer wieder statt. Das ändert sich langsam, so dass du Zeit hast, dich zurückzuziehen, und es fragt immer noch jemand nach dir.

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