03.08.2000

Wir haben auf unseren Rechten beharrt

Christian Aebli. 1958 in Glarus geboren. Matura ohne weitere Ausbildung. Arbeitet zur Zeit des Interviews als Gewürz- und Teehändler in Schaffhausen.

Interview: Heinz Nigg

Als ich vier war, zügelte meine Familie von Glarus nach Thayngen bei Schaffhausen. Mein Vater konnte sich durch den Umzug beruflich verbessern, und wir wohnten nun in der Nähe meiner Verwandten mütterlicherseits. Als Kind war ich viel auf dem Bauernhof meiner Grosseltern. Das war schon schön, das Leben draussen, mit den Tieren. In der Schule habe ich mich so durchgebracht. Ich strengte mich nicht riesig an. Einmal hatten wir eine gute Fussballmannschaft. Zu Hause hatten wir keinen Fernseher. Ich besitze auch heute noch keinen. Für mich als Teenager waren Woodstock und Hair wichtig. Wir haben diese Filme im Kino gesehen.
Mein Vater sagte immer: Man muss eine gute Ausbildung haben. Ihr müsst Akademiker werden, ihr müsst studieren! Im Konfirmationsunterricht wurde uns Liebe und Toleranz gepredigt. Diese Werte deckten sich mit denen der Hippies aus der 68er-Zeit. Zu denen fühlte ich mich damals sehr hingezogen.

Wie war deine Schul- und Jugendzeit in Schaffhausen?
Ich machte die C-Matura. Während meiner Kantonsschulzeit war ich viel allein unterwegs. Meine Geschwister waren bereits ausgeflogen, und meine Eltern hatten genug mit sich selbst zu tun. Meine beiden Schwestern wurden Lehrerinnen und der Bruder Geologe. Ich war oft auf der Gasse, in den Spunten und bei Kollegen. Dort fühlte ich mich wohl, auch in den Discos. Man hörte nur noch die eigene Musik, das war damals vor allem Musik aus England und Amerika. Ich blieb nie länger in einer Gruppe. Ich wollte immer weiterziehen. Einmal war ich während der Sommerferien bei den Leuten von Longo Mai. Die hatten eine grosse Landkommune in Frankreich.

Wie ging es weiter nach der Matura?
Ich begann in Basel Medizin zu studieren. Je länger ich mich mit der Schulmedizin befasste, desto mehr begann ich sie in Frage zu stellen: Warum machen die Universitätsdozenten die Kräuterheilkunde so lächerlich, wenn sie doch selber auf den Stoffen der Natur aufbauen? Der Kampf gegen das Atomkraftwerk in Kaiseraugst verstärkte meine kritische Gesinnung: Wir können nicht weiter masslos konsumieren und dabei die Welt zugrunde gehen lassen!
Auch die damaligen politischen Diskussionen in der Schweiz lieferten Zündstoff. Wenn du sagtest, dass die Georg-Fischer-Giesserei in Schaffhausen Adolf Hitler während des Krieges auch Waffen geliefert hatte, wurde das schlichtweg verneint, weil diejenigen, die den Krieg erlebt hatten, noch in der Firma tätig waren. Da wurde man runtergemacht und es hiess: «Geht doch nach Russland!» Man wurde als Idealist und Weltverbesserer hingestellt. Heute, da die Akten offen liegen, haben wir Recht bekommen. Die Alten hatten gelogen.

Zurück zu deiner Studienzeit in Basel. Wie hast du da gewohnt?
Ich lebte in einer WG. Da hatte es Leute, die an einer Kunstschule waren und Stipendien erhielten. Ein anderer war ein Freak, der Saxofon spielte. Es waren also wieder Leute, die viel auf der Gasse waren. Im Februar 1980 schmiss ich mein Studium und brachte mich mit Jobben über die Runden. Dann brachen in Zürich die Unruhen aus. In Basel wurde der Szenentreff «Alte Schmitte» geschlossen, und ich machte zum ersten Mal bei etwas Verbotenem mit. Wir sind einfach in die geschlossene Beiz eingebrochen und liessen eine Party steigen. Wir tranken die Schnapsregale leer. Dann kam die Schmier, und ich sagte mir: «So, jetzt musst du dich verkrümeln!» Das ist mir auch bei allen Demos gelungen. Ich wurde nie verhaftet. Das Leersaufen dieser Beiz war eine geile Sponti-Action. In der gleichen Nacht suchten wir zu vierzigst noch einen Nachtklub heim. Wir brachten alles durcheinander und verschwanden wieder.
Ich beteiligte mich auch an Demos in Zürich und Bern. Ich kann mich gut an die Nacktdemo am 1. August 1980 in Zürich erinnern.

Es gibt ein Video «Sobern 1 + 2» vom Videokollektiv Container TV*, wo man dich in Bern auf der Strasse heftig über Gewalt diskutieren sieht. Worum ging es da?
Es war eine grosse Demo, wo auch Bewegte von Zürich dabei waren. Ich kam von Basel per Autostopp. Die Zürcher besetzten zwei Bahnwagen und fuhren schwarz nach Bern. Die Schmier hielt den Zug an irgendeinem verlassenen Bahnhof vor Bern an. Sechzig Leute wurden verhaftet und nach Bern ins Gefängnis gebracht. Ein paar wenige konnten abhauen und berichteten uns vor dem Bundeshaus von der Verhaftung. Die Schmier hatte das Gefängnis abgeriegelt. Doch wir schafften es, mit den Absperrgittern den Hauptharst der Bullen wegzudrängen, sodass wir freien Zugang zu den Gefängnistoren bekamen. Dann wurden uns die Verhafteten herausgegeben. Das war ein kleiner Sieg, den wir an diesem Tag erringen konnten.

Im Video sieht man, wie ihr heftig darüber streitet, wer denn mit der Gewalt begonnen hatte – ihr Demonstranten oder die Polizei.
Es wurde immer wieder darüber diskutiert, wann wir Gewalt anwenden sollen und wann nicht. Da gab es die Love-and-Peace-Anhänger, die für Gewaltlosigkeit eintraten, und es gab die, zu denen auch ich gehörte, die Gewalt vor allem als Gewalt gegen Sachen, das heisst als Sachbeschädigung, verstanden. Für mich waren die gewalttätigen Demos eher selten, wie eben die in Bern. Gewalt entstand meistens aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus.

Wie war das mit dem Jobben nach dem Abbruch deines Studiums?
Ich begann Rosen zu verkaufen. Eine Kleinbaslerin, deren Gewerbe der Verkauf von Rosen war, führte mich ein und überliess mir immer wieder ihr Revier. Wenn du an einem Abend einen grossen Busch wegbrachtest, konntest du schon 200 Franken verdienen.
Dann fuhr ich für ein paar Monate nach Berlin. Ich lebte in Kreuzberg bei den Häuserbesetzern. Da gab es viele Militärdienstverweigerer und Punks. Beim Bahnhof Zoo spielte ich auf meiner Querflöte. Da gaben mir die Omas immer etwas Geld. Aber viel zum Überleben hatte ich natürlich nicht.
Wieder in der Schweiz, ging ich einen Sommer lang als Hirt auf eine Alp im Bündnerland. Als ich von der Alp nach Schaffhausen zurückkehrte, war gerade die Besetzung des Logierhauses im Gang. Das kam mir sehr gelegen, denn so hatte ich wieder eine Bleibe. Dann kam es zu einer Vereinbarung mit der Stadt, der Besitzerin der Liegenschaft. Wir durften im Haus bleiben. Das Logi ist ein geräumiges, vierstöckiges Haus und bot Wohnraum für zwanzig bis fünfundzwanzig Leute.

Wie konntet ihr eure Forderungen durchsetzen?
Wenn wir im Herbst 1981 nicht etwa fünfzehn Leute gewesen wären, die seit Anfang 1980 in der Bewegung engagiert waren, hätten wir die Schaffhauser nie dazu bringen können, uns dieses Haus zur Verfügung zu stellen. Dazu brauchte es Erfahrungen: Wie geht man mit den Bullen um; was sind unsere Rechte; welches sind die Fristen bei Räumungsbefehlen usw. An den Vollversammlungen der Bewegten hatte es immer auch Juristen und Intellektuelle dabei, die Bescheid wussten. Wir haben also auf unseren Rechten beharrt und es verstanden, Druck auszuüben. Auch konnten wir Leute aus Basel, Bern und Zürich mobilisieren. Es gab so etwas wie Polit-Tourismus, um sich gegenseitig zu helfen. Auch bei den Einheimischen gab es Linke und Intellektuelle, die uns unterstützten.
Ich selbst war kein Wortführer. Ich blieb im Hintergrund als eine Art War-Chief. Das schnelle Reagieren machte mir Spass. Immer, wenn rasche Entscheidungen anstanden, konnte ich führend eingreifen. Das war meine Stärke.

Und die Zeit danach?
Es war schwierig, Arbeit zu finden. Immer hiess es: Aha, du gehörst auch zu denen! So arbeitete ich im Thurgau bei einem Bauern als Knecht, dann als Tankwart und später als Kellner in einer Disco. Dort stürzte ich auf Alkohol ab. Ich wohnte wieder im Logi. Wir waren alle jung, keiner älter als fünfundzwanzig, und wir lebten im Vollchaos. Lange war das Logi dem Sozialamt unterstellt. In der Szene lebten ja auch Sozialfälle und Gassenleute aus den Heimen. Dann stiessen ältere Hippies hinzu. Die wollten mit ihren Familien ein festes Zuhause. Sie sind bis heute geblieben und haben für Kontinuität gesorgt.

Zu welcher sozialen Schicht fühlst du dich heute zugehörig?
Aufgrund meiner Bildung hätte ich mich in die obere Mittelschicht hinaufarbeiten können, wurde aber zu einem Drop-out. Zu den Leuten von der Gasse kann ich mich auch nicht voll zählen. Ich bin ein Einzelgänger. 1989 wurde ich Vater einer Tochter. Zwei Jahre lang arbeitete ich als Hilfspfleger, dann fuhr ich eine Saison lang auf den Markt. Seitdem arbeite ich in einem Gewürz- und Teeladen, der einem Kollegen von mir gehörte und den ich seit drei Jahren selbständig führe. Auch dies ist ein idealistisches Unternehmen und hängt mit der Förderung der Naturheilkunde zusammen. Es ist schwierig, damit Geld zu verdienen.
Welche Auswirkungen hatte die Achtzigerbewegung in Schaffhausen?
Unsere damaligen Forderungen nach alternativen Kultur- und Lebensräumen sind erfüllt. Wir haben unter anderem das Kulturzentrum Kammgarn, das heute etabliert ist. Dazu gibt es viele Discos und Clubs. Die Politiker haben akzeptiert, dass man die Subkultur nicht verneinen und unterdrücken kann.
Die meisten Opfer forderten die Drogen. Die Leute aus Schaffhausen, die ich kannte und heute nicht mehr am Leben sind, waren alle Drogenopfer. Je unzufriedener man ist und je weniger einem das Leben wert ist, desto mehr Risiko geht man ein. Viele kamen in die Mühle der Psychiatrie. Wer die Psychi überlebte, ist Frührentner geworden.

Welche ideellen Momente der achtziger Bewegung waren für dich zentral?
No future bezog ich damals auf die Gesellschaft: Diese Gesellschaft hat keine Zukunft. Für uns selbst sahen wir schon eine Zukunft. Wir träumten vom Paradies und forderten das Unmögliche. Für mich persönlich bedeutete no future «down and out», das heisst, wenn du einmal in diesem System ganz zuunterst bist, dann kannst du nur wieder hochkommen, indem du etwas Neues suchst. Es ging für mich also um das Finden von neuen Wegen.

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