06.07.2000

Von der Sippe zur Interessengemeinschaft

Rosa Schwarz. Geb. 1957 in St. Gallen. Comestibles-Traiteur-Verkäuferin. Arbeitet zur Zeit des Interviews in der Stiftung Suchthilfe in St. Gallen.

Interview: Heinz Nigg

Für Rosa Schwarz ein prägender Satz: «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.» (Rosa Luxemburg)

Meine Mutter war die Tochter eines Taglohnknechts. Sie hat ihr ganzes Leben gearbeitet. Mit ihrem Lohn als Putzfrau unterhielt sie unsere Familie. Mein Vater war der Sohn eines Stickereizeichners. Er hatte keine Ausbildung. Er brachte sich mehr schlecht als recht mit einem Buch- und Kunstantiquariat durch. Er hatte den Ruf eines Paradiesvogels. Trotzdem war er ein Fan von Zucht und Ordnung und schwärmte für Hitler. Was aber in Deutschland tatsächlich geschehen war, hätte seinem Freiheitsgeist absolut widerstrebt. Ich wuchs als einziges Kind in einer überbehüteten Atmosphäre auf. Dem Bild der Schönsten und Besten, das mein Vater von mir hatte, konnte ich nie genügen. Meine Mutter gab mir auf jede Frage eine Antwort, egal wie heikel sie war. Sie mochte mich trotz meiner Fehler.

Wie war es in der Schule?
In meiner Klasse hatte es Kinder von gut situierten Gewerbetreibenden, von Metzgern, Bäckern und Besitzern von Kleidergeschäften. Dann waren da auch Kinder vom reichen Rosenberg, den wir nur den Bonzenhügel nannten. Ich und zwei, drei andere Kinder von mittellosen Eltern wurden ausgegrenzt. Auch war ich eine Aussenseiterin, weil ich viel las und viel wusste. Ich machte in der Schule nicht richtig mit, so dass ich für die Lehrerin ein rotes Tuch war.

Und deine Berufswünsche?
Ich wollte ein Sicherheitsoffizier wie Eva Pflug in «Raumpatrouille Orion» werden. Mein Traummann war der Chef der Patrouille, gespielt von Dietmar Schönherr. Dann imponierte mir der Beruf eines Bundesweibels in Bern, und später, während meiner Pubertät, wollte ich wegen meiner Auflehnung gegen alles nichts mehr werden.

Rosa Schwarz. Foto: Regina Kühne

Wie kamst du in die St. Galler Jugendszene?
Ich wollte Leute kennen lernen, die zeigten, dass sie anders waren. In der St. Galler Innenstadt gab es den so genannten Kreis. Dieser bestand aus dem Jugendhaus, dem Musikclub Africana und dem Gassenspunten Goliath. Im Kreis verkehrten Rocker, Hippies und die ersten Junkies.

Wie verbrachtest du deine Freizeit?
Ich hatte heimlich einen Freund. Ich war vierzehn, er vierundzwanzig. Ich sah ihn nur am Sonntagnachmittag. Ich hörte auf mit ihm, weil er begann, harte Drogen zu konsumieren. Dann hatte ich einen anderen Freund – auch heimlich. Eines Tages verhaftete uns ein Fahnder im Jugendhaus. Mein Freund wehrte sich und wurde an den Haaren durchs Jugendhaus gezogen. Auf dem Posten wurden wir wegen Verführung von Minderjährigen verhört, obwohl er nur ein Jahr älter war. Er wurde als Erster entlassen. Kaum war er weg, wandte sich der Polizist zu mir und sagte:
«Du weisst sicher, dass es um etwas anderes geht.»
«Um was denn?»
«Ja, um den Freund, den du vor diesem hattest. Woher hat er seine Drogen?»
Ich wusste von nichts. Auch wenn ich etwas gewusst hätte, ich hätte nichts gesagt. Es gab eine lange Geschichte daraus. Das war ganz am Schluss der Sekundarschule. Damit es nicht auffiel, musste ich jeweils am Mittwochnachmittag zum Verhör, zu einer Polizistin. Die wollte aber nur wissen, was ich mit einem zehn Jahre älteren Mann im Bett gemacht hatte. Ich verweigerte die Aussage. Mein Vater war natürlich an der Decke und willigte ein, mich durch die Bezirksärztin untersuchen zu lassen, ob ich noch Jungfrau sei. Da mein Vater nie auf ein Amt ging, wurde meine Mutter vor den Untersuchungsrichter zitiert, wo sie aufgefordert wurde, Anzeige wegen Verführung und Missbrauch von Minderjährigen zu erstatten. In meiner Anwesenheit las sie die Gesprächsprotokolle, schaute dann den Untersuchungsrichter an und sagte: «Ich mache diese Anzeige nicht. Ich bringe niemanden hinter Gitter!» Obwohl meine Mutter immer Angst vor meinem Vater hatte, setzte sie sich zum ersten Mal gegen ihn durch. Ich war wütend und begann an diesem System zu zweifeln.

Wie ging es für dich nach der Schule weiter?
Ich wurde Comestibles-Traiteur-Verkäuferin. Ich hatte einen despotischen Chef. Wir durften nie lachen. Positiv war, dass ich lernte, verschiedene Arbeiten gleichzeitig zu erledigen. Auch begann ich mit den Leuten zu reden, was ich ja vorher nicht konnte – ausser auf die rebellische Tour.
Nach der Lehre jobbte ich, machte Ferien im Ausland und heiratete früh einen Mann, der auch im Kreis verkehrte. Wir lebten neun Monate in Marokko. Ich wurde schwanger. Kurz nach der Geburt meiner Tochter trennte ich mich von ihm.

Wie konntest du dich alleine durchschlagen?
Ich wohnte bei einer jungen Wirtefamilie, hütete ihre Kinder und half am Buffet aus. Ich arbeitete viel, weil ich möglichst bald wieder unabhängig sein wollte. Ich lernte eine junge Punkfrau kennen, wohnte mit ihr ein Jahr zusammen und zog dann mit ihr und anderen Leuten in ein Bauernhaus am Rande von St. Gallen. Im Quartier waren wir als Kommune verschrieen. Die wildesten Gerüchte zirkulierten über uns.

War das die Zeit, als es mit der Bewegung losging?
Anfang 1980 gab es in St. Gallen noch das Restaurant Posthalle. Bands aus Zürich traten dort auf, eine hiess Absturz. Dann sollte die Posthalle abgebrochen werden. Zuerst wollten wir das Haus besetzen, aber wir waren zu wenig Leute. Da machten wir eine Scheinbesetzung. Wir rissen die Treppe heraus, die vom Parterre in den ersten Stock führte, vernagelten unten alle Spuntenfenster mit Verschalungsbrettern und hängten Transparente auf: «Wir weichen nicht!» Am Morgen waren wir pünktlich vor Ort – als Gaffer. Der ganze Tag war eine Slapstick-Komödie. Nur schon bis die Polizei merkte, dass gar niemand im Hause drin war! Dann kamen Leute vom Bauamt mit grossen Leitern und stiegen ins Haus ein. Jemand von uns nahm die Leitern weg und versteckte sie. Irgendwann schrie der Chef vom Bauamt wütend aus einem Fenster. Irgendein Privatdetektiv schlich herum und wollte unbedingt einen alten Holzofen aus der Posthalle kaufen. Alles war so schräg. Doch die Posthalle wurde abgerissen.

Hattest du keine Angst um deine Tochter, falls dir etwas zugestossen wäre?
In St. Gallen lief alles glimpflicher ab als in Zürich. Die Demonstrationen waren weniger militant und die Polizei zurückhaltender. Es war schon aussergewöhnlich, dass es überhaupt eine Bewegung in St. Gallen gab, die sich auf der Strasse zeigte, das Maul aufriss und Forderungen stellte. Meine Tochter war nie dabei. Es war immer jemand bei ihr zu Hause, wenn ich weg war. Mein damaliger Freund übernahm die Vaterrolle. So konnte ich weiterhin nach aussen aktiv sein.
Es gab immer wieder ungemütliche Szenen mit der Polizei. Bei einem Protestumzug gegen den Abbruch der Posthalle gingen wir auf der einen Hälfte der Fahrbahn. Plötzlich fuhr ein Gefangenentransporter vor. Türe auf, Polizisten mit Hunden drängten uns – wir waren etwa dreissig Leute – an einen Zaun und verhafteten uns. Die Polizisten schienen von ihrer Aktion selbst überrascht zu sein und sperrten uns einfach in eine grosse Putzkammer. Nur mit Tränen und Klagen konnte ich durchsetzen, dass sie mich freiliessen, weil ich zu Hause ein Kind hatte. Zwei junge Basler, die auf Besuch nach St. Gallen gekommen waren, hatten in der Nähe der Posthalle gehört, dass ich verhaftet worden war. Sie gingen ins Bauernhaus, um zu schauen, ob sich jemand um meine Tochter kümmerte. Natürlich war jemand im Haus. Ich fand es lässig, dass die beiden daran gedacht hatten. So half man sich damals aus. Wir waren wie eine Sippe, gaben aufeinander Acht und hatten gemeinsame Ziele. In den Zeitungen wurde das damals abschätzig als Polittourismus bezeichnet. Aber wir liessen uns nicht von Leuten aus anderen Städten dreinreden. In St. Gallen hatten wir unseren eigenen Stil.

Warum habt ihr euch Güller Bewegung genannt?
Gülle heisst ja Jauche, Scheisse, und wir nannten St. Gallen immer Gülle; ein Wortspiel, das unsere Unzufriedenheit zum Ausdruck brachte. Bald hatten wir in St. Gallen ein AJZ erkämpft. Es gab aber immer wieder Auseinandersetzungen mit den so genannten Obersträsslern. Das waren Rabauken, eine Art Halbstarke. Die fuhren ins AJZ ein, schlugen alles kurz und klein und kamen am andern Tag zurück, um uns beim Instandstellen zu helfen. Wir versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dann stellten sie ihre Störaktionen ein. Sie waren völlig frustriert vom Leben in diesem Güllen, waren gleich alt wie wir, hatten kein Geld und waren nirgendwo willkommen.
Wir hatten eine eigene Zeitung. Die hiess «Schleppscheisse». Wir legten Wert auf ein schönes Layout und schrieben Artikel über die Bewegung, Kultur und Politik – zum Beispiel über den Nordirland-Konflikt. Wir konnten die Zeitung in einer Druckerei drucken, wo jemand arbeitete, der mit uns befreundet war, aber nicht zur Bewegung gehörte. Ich hielt auch sonst den Kontakt zu Leuten aufrecht, die ich von früher kannte. Es war ein Schutz für mich, Freunde ausserhalb der Bewegung zu haben.

Welche Erfahrungen hast du mit den Behörden gemacht?
Ich brauchte Jahre, bis ich in der Öffentlichkeit reden konnte. Hingegen war ich dabei, wenn nach den Vollversammlungen im kleineren Kreis mit den Behördenvertretern und den Sozialarbeitern diskutiert wurde. Ich fand es toll, dass wir ein AJZ hatten. Doch für mich war es eine Art Kuhhandel. Wir erhielten einen Raum und hatten nun ruhig zu sein. Wir wollten doch die Gesellschaft ändern, das System aufweichen! Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass viele Leute schon mit dem kleinen Finger zufrieden waren. Man war nun mit dem Instandsetzen und Instandhalten dieses Raums beschäftigt. Um Geld zu verdienen, arbeitete ich halbtags als Zimmermädchen.

Habt ihr mehr erreicht als ein Autonomes Jugendzentrum?
Nach kurzer Zeit brannte das AJZ auf mysteriöse Weise ab. Wieder waren wir ohne Raum und begannen, in leer stehenden Liegenschaften Konzerte und Filmvorführungen zu veranstalten. Wir nannten uns Mobile Aktionshalle. Dann zettelten wir einen Kulturgelderkrieg an und führten einen kommunalen Abstimmungskampf um ein alternatives Kulturzentrum. Wir gewannen, und die Grabenhalle ist für St. Gallen bis heute ein wichtiger Ort.
Die Stadt renovierte die Halle und stellte die Infrastruktur und einen jährlichen Betriebskredit zur Verfügung. Eine Interessengemeinschaft verwaltete die Halle und koordinierte das Programm. Die Veranstalter zahlten keine Miete, aber sie mussten alles selber machen: Werbung, Eintrittskasse, Aufbau der Bühne, Technik organisieren usw. Für mich war die Grabenhalle ein Instrument, um wichtige gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Auch war sie der Ort der neuen Kultur. Ich arbeitete sechs Jahre als Koordinatorin im Büro der Grabenhalle.

Wie kam die bewegte Szene mit dem Kulturkuchen aus?
Im Grossen und Ganzen gut. Es gab immer wieder Ressentiments auf beiden Seiten, aber auch gemeinsame Interessen. Eine mittelgrosse Stadt wie St. Gallen ist wie ein Puppenhaus: Man kennt sich und weiss einiges voneinander. Die Bewegung bestand vor allem aus Leuten aus der Unter- und Mittelschicht, mit ein paar wenigen aus der oberen Mittelschicht. Mit denen kam ich nie richtig klar, weil sie einen Dünkel gegenüber uns hatten, die nichts besassen. Es hatte auch einige aus Lehrerfamilien. Die waren auch wieder ein bisschen anders. Es war also ein ziemlich zusammengewürfelter Haufen.

Wie ging es für dich nach dem Ende der Güller Bewegung weiter?
Die Bewegung hatte mich geweckt. Ich wollte nicht aufhören, aktiv zu sein und etwas zu verändern, nur weil aus der Bewegung die Luft raus war. Ich engagierte mich in der Gewerkschaftsarbeit, im 1.-Mai-Komitee und für die Antiapartheidbewegung in Südafrika. Die Arbeit in den Komittees war trocken und machte mir manchmal Mühe. Immer nur reden, und wenig geschieht. Gegenwärtig bin ich politisch nicht tätig. Ich kümmere mich wieder mehr um mein Privatleben. Seit zehn Jahren arbeite ich in der Stiftung Suchthilfe St. Gallen. Aus einer kleinen Organisation entwickelten wir nebst anderen Betrieben die heroingestützte Behandlung. Das war spannende Pionierarbeit unter schwierigsten Bedingungen.
1980 dachten wir nicht, dass die Bewegung solch lange Auswirkungen auf unser Leben haben würde. Es war eine Jetzt-Bewegung. Wir wollten unmittelbar etwas erreichen und nicht erst morgen. Das war das Attraktive daran. Heute braucht es wieder solche Impulse. Von neuen Leuten und auf ihre Art.

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