Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Wenn der Drucker sitzt, läuft die Maschine gut

Davor Cvijanovic ist erst seit sieben Jahren Schweizer. Umso intensiver setzt er sich mit der Schweizer Demokratie und den Rechten der ArbeiterInnen auseinander. Nicht zuletzt, weil er viermal im Jahr das eidgenössische Abstimmungsbüchlein druckt.

Von Corsin Zander (Text) und Ursula Häne (Foto)

Davor Cvijanovic: «Mein Chef ist ein guter Chef. Aber er bleibt halt ein Chef.»

Maschinengeräusche übertönen die Radiogeräte, die überall im hell erleuchteten Raum stehen. Nur die rötlichen Augen von Davor Cvijanovic erinnern daran, dass es 2 Uhr nachts ist.

Cvijanovic steht in der Produktionshalle der Merkur Zeitungsdruck AG in Langenthal, eines familiären Betriebs mit 45 MitarbeiterInnen. Er zitiert ein altes Druckersprichwort: «Wenn der Drucker sitzt, läuft die Maschine gut.» Zuerst muss er die Maschine aber starten: Das Zeitungspapier schiesst über Rollen und Förderband, wird bedruckt, zugeschnitten, auf A5 gefaltet und ausgespuckt. Heute druckt Cvijanovic den «Woche-Pass», einen Gratisanzeiger. Er kontrolliert die Farbe der Werbungen auf ihre Intensität und schaut, dass sie nirgendwo verschmiert, justiert die Druckeinstellungen über einen Computer.

Davor Cvijanovic ist in Bugojno, einer kleineren Stadt im heutigen Bosnien, aufgewachsen. Als Teenager flüchtete er mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg in die Schweiz. Eigentlich habe er wie der Vater Elektriker werden wollen, aber in der Schweiz sei es für ihn am einfachsten gewesen, eine Druckerlehre zu beginnen. Heute ist Cvijanovic 33 Jahre alt, verheiratet und Vater einer vierjährigen Tochter und eines bald zwei Jahre alten Sohnes. Diesem würde er nicht empfehlen, Drucker zu werden: «Das hat keine Zukunft.»

Geduldig, pflichtbewusst, respektvoll

Bei Merkur arbeitet Davor Cvijanovic nur jede dritte Woche nachts. Darüber ist er froh, denn er hält wenig von der Nachtarbeit: «Als ich regelmässig in der Nacht arbeitete, habe ich fast meinen gesamten Freundeskreis verloren.» Das einzig Positive an der Nachtarbeit sei – neben dem zusätzlichen Geld –, dass der Chef nicht da sei, meint Cvijanovic mit einem Augenzwinkern. Allerdings hat Bruno Witmer, Produktionsleiter bei Merkur, fast nur Gutes über Cvijanovic zu berichten. «Manchmal könnte er ein wenig schneller sein», sagt Witmer lediglich.

Er arbeite eben gründlich, kontert Cvijanovic. Davon zeugt der graue Lappen, der aus der Gesässtasche seiner blauen Latzhosen hängt: Er mag es nicht, wenn seine Hände schmutzig sind. Über seinen Vorgesetzten will er nichts Schlechtes sagen: «Er ist ein guter Chef. Aber er bleibt halt ein Chef.» Der Drucker findet es wichtig, allen Menschen mit Respekt zu begegnen. Und das gelingt ihm auch: Jörg Otto, ein fünfzigjähriger Deutscher, der momentan bei Merkur eingearbeitet wird, sagt: «Davor schaut mich wenigstens nie böse an, wenn ich einen Fehler mache. Er erklärt immer geduldig, was ich anders machen muss.»

Die körperliche Anstrengung macht Davor Cvijanovic bei der Nachtarbeit über die Jahre am meisten zu schaffen: «Die erste Nacht würde ich ohne Energydrink nicht überstehen», sagt er. In dieser Nacht hält ihn jedoch ein Druckfehler auf Trab. Als Cvijanovic die Seiten der Werbezeitung kontrolliert, bemerkt er plötzlich, dass eine der Werbungen zu gross geraten ist. Es wird hektisch: Cvijanovic stoppt sofort die Maschinen, rennt zum Telefon und wählt die Nummer seines Vorgesetzten: «Er muss beurteilen, ob wir die Zeitung so ausliefern können.» Diese Entscheidung könne er nicht treffen: «Ich habe das einmal getan, und danach war ich schuld. Das war gar nicht gut.» Als sein Chef mit Jogginganzug und zerzausten Haaren in der Druckerei erscheint, bricht dieser die Produktion ab und klingelt eine Polygrafin aus dem Bett.

Sich gegen Ungerechtigkeiten wehren

So etwas sei ihm hier noch nie passiert, sagt Davor Cvijanovic. Er arbeitet seit fünf Jahren bei der Merkur Zeitungsdruck AG, zuvor hatte er – nach der vierjährigen Lehre in Bern – bei der SOL Print in Solothurn gearbeitet. «Das war eine anstrengende Zeit», sagt Cvijanovic. Wöchentlich wechselten sich Tages- und Nachtschicht ab: «Als ich jünger war, ging das ohne Probleme. Ausserdem habe ich hundert Prozent Lohnzuschlag erhalten, heute sind es ja nur noch siebzig.» Cvijanovic weiss genau, wie viel Geld ihm zusteht. Bei SOL Print war er in der Personalkommission. Es sei wichtig, dass man den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) genau kenne. Er setzte sich gerne für die Rechte der Arbeiter ein. Umso mehr ärgert es ihn, wenn die Bedingungen schlechter werden: «Bei jeder GAV-Verhandlungsrunde wird den Druckern immer mehr genommen.» Cvijanovic machen solche Ungerechtigkeiten wütend: «Das Problem ist, dass die Menschen zu habgierig sind.»

Wenn über die 1:12-Initiative abgestimmt wird, will sich Davor Cvijanovic genau informieren. Nicht nur, weil Merkur auch die eidgenössischen Abstimmungsbüchlein druckt. Als Cvijanovic 2006 eingebürgert wurde, sei ihm klar gewesen, dass dies mit Pflichten verbunden sei. Er findet es wichtig, dass sich alle SchweizerInnen an Abstimmungen beteiligen: «Wer nicht abstimmt, müsste eine Busse bezahlen.» Er wählt «Mitte-rechts – also die Normalen». Was er bei der Verschärfung des Asylgesetzes stimmen wird, weiss Cvijanovic noch nicht: «Ich habe mich bisher nicht darüber informiert. Ich werde aber bestimmt abstimmen.» Um seine Beteuerung zu bekräftigen, zückt er die Abstimmungsunterlagen: «Ich muss nur noch das lesen.»

In dieser Nacht wird er nicht mehr dazu kommen. Morgens um 6 Uhr ist seine Schicht zu Ende. Gesessen ist Davor Cvijanovic während acht Stunden kein einziges Mal.

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