Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Die Industrie der Nutztiere verstehen

Tierärztin Lara Moser weiss, dass die Geburt eines Kälbchens nicht nur romantisch ist, wie man Sprüche auf einem Bauernhof kontert und wie man als ehemalige Veganerin genussvoll in einen Dürüm beisst.

Von Tirza Gautschi (Text) und Tanja Buchser (Foto)

Lara Moser, Grosstierärztin: «Die Konsumenten wollen, dass es den Tieren gutgeht, und gleichzeitig freuen sie sich über tiefe Milchpreise.»

Der Lärm in den Stallungen übertönt das laute Donnern des Gewitters. Die grellen Lichter lassen vergessen, dass draussen die Nacht eingekehrt ist. Während die Melkmaschine einem Karussell gleich gemächlich Runde für Runde dreht, versucht Lara Moser im Gewimmel den Überblick zu bewahren. Die Beine der 27-jährigen Tierärztin stecken in kniehohen Gummistiefeln. Ihre unförmige Plastikschürze ist mit Kuhmist verschmiert. «Den Geruch nehme ich kaum mehr wahr», sagt Moser. In einem Hof ausserhalb von Delémont hilft sie einem Bauern. Sie prüft rund neunzig Kühe auf das Bakterium Staphylococcus aureus. «In einem grossen Betrieb geht es bei einer solchen Infektion nicht mehr um das einzelne Tier. Es steht eine Lebensgrundlage auf dem Spiel», sagt Lara Moser. Sie arbeitet für die private Grosstierklinik Cliniques Vétérinaires du Vieux-Château. Die komplexe Herausforderung ist einer der Gründe, weshalb sie sich 2007 entschlossen hat, Grosstierärztin zu werden: «Ich möchte die Nutztierhaltung verstehen.»

Der Umgangston auf dem Hof ist herzlich, aber rau. Die in Zollikofen aufgewachsene Tierärztin kontert die frechen Sprüche jedoch in fliessendem Französisch und einem spitzen Lächeln. Jede einzelne Probe muss mit dem Namen der jeweiligen Kuh beschriftet werden. Kiwi, Nokia, Jupiter oder Käthy – die Gutsbesitzer, zwei Brüder, erkennen ihre Tiere bereits an den haarigen Hinterteilen. Während sie die Namen laut aufrufen, dreht sich das Melkkarussell weiter.

Eingeschläfertes Fohlen

Drei Stunden später manövriert Moser das Auto durch die Hügellandschaft, den Fuss stets auf dem Gaspedal. Neblige Felder ziehen vorbei. Wildromantische Träumereien über ihren Beruf decken sich nur selten mit der Realität, betont Moser. «Klar ist eine Kälbergeburt ein schöner Augenblick. Doch meist landet das Tier nicht in einem strohgebetteten Stall, sondern auf einem dreckigen Boden», erzählt Moser. Und bevor die Mutter ihren Nachwuchs umsorgen kann, ist es auch schon wieder vorbei. «Das Kälbchen wird in die Kälberkiste gebracht, während die Mutterkuh zurück an die Melkmaschine muss.»

Ihr schlimmster Moment als Tierärztin war jene Nacht, als sie ein neugeborenes Fohlen einschläfern musste. Es war an den Vorder- und Hinterbeinen stark missgebildet. Ihr war klar, dass das Tier wohl nie richtig würde stehen können. «Trotzdem war es für die Besitzer ein emotional sehr schwieriger Entscheid.» Die junge Frau hält für einen Augenblick inne, ihr Blick verliert sich in der Dunkelheit.

Nächtliche Spannung

«Ein Kebab wäre jetzt super.» Moser parkiert schwungvoll auf dem Trottoir vor dem Laden, während der grösste Teil Delémonts friedlich schlummert. Zurück in der Klinik, beisst sie hungrig in ihren Dürüm. «Die Nachtschichten mache ich gern», antwortet sie kauend. Während sie tagsüber vor allem geplante Termine wahrnimmt, muss sie in der Nacht meist an Notfälle hetzen. «Das sind die spannenden Fälle.» Speziell entlöhnt werden diese Einsätze nicht. «Das gehört nun mal zu den Aufgaben einer Assistenztierärztin», sagt Moser.

Vor ihrer Arbeit in der Klinik hat sich Lara Moser politisch stark engagiert. Im Kampf gegen das Asyl- und Ausländergesetz koordinierte sie 2006 die Grossdemo «Wir sind die Schweiz» in Bern. Neben ihrem Einsatz bei der migrationspolitischen Organisation Solidarité sans frontières besetzte sie Häuser.

Heute isst die ehemalige Veganerin wieder Fleisch. Als Tierärztin hat sich ihre Sicht verändert, doch hat sie nicht aufgehört, für ihre Werte einzustehen. Was in der industriellen Tierproduktion passiert, berührt Lara Moser: «Doch als Tierärztin bin ich jetzt in der Lage, gewisse Dinge nachzuvollziehen. Heute kann ich direkt etwas zur besseren Lebensqualität der Tiere beitragen», sagt Moser. Vielen Menschen sei nicht bewusst, was es für einen Bauern heisst, die Tierschutzgesetze einhalten zu müssen. «Die Konsumenten wollen, dass es den Tieren gutgeht, und gleichzeitig freuen sie sich über tiefe Milchpreise.»

Moser durchquert die leeren Operationsräume der Klinik, mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht. Im hinteren Bereich befinden sich drei Ställe. Hier sind jene Tiere untergebracht, die nicht auf dem Hof versorgt werden können. Die Pferde spitzen die Ohren, als sie die Boxen betritt. Die junge Frau begegnet den Tieren direkt und ohne Scheu. Diese Haltung hat sie trotz ihrer Bedenken auch bei der Zusammenarbeit mit der Nutztierindustrie eingenommen: Sie steht mitten im Geschehen. «Es bringt ja nichts, wenn nur Leute meinen Job machen, die die Lebensqualität der Tiere nicht interessiert.» Mit konzentrierten Handgriffen wickelt Lara Moser das geschwollene Bein des Wallachs in einen dicken, blauen Verband. Der Geruch von Pferd und Stroh liegt in der Luft. Ausser dem gelegentlichen Schnauben und Scharren der Tiere ist kein Laut zu hören.

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