Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Hier wird sie als Mensch gebraucht

Als Mitglied der Sitzwache des Kantonsspitals Winterthur begleitet Mariangela Rota schwer kranke, verwirrte oder im Sterben liegende Menschen durch die Nacht. Dabei lernt sie auch sich selbst besser kennen.

Von Adrian Soller (Text) und Ursula Häne (Foto)

Mariangela Rota: «Ich glaube an ein Leben nach dem Tod.»

4.06 Uhr. Mariangela Rota steht am Fenster und blickt in die dunkelblaue Nacht hinaus. In der Ferne blinkt das rote Licht des Winterthurer Swisscom-Towers im Sekundentakt. Rota starrt auf das Blinklicht und wälzt Lebensfragen. Sie denkt an ihre erwachsenen Kinder, an die Scheidung vor vier Jahren – und an eine verpasste Karriere als Musikerin.

Hinter der 63-Jährigen schnarcht es leise. Eine Patientin mit neurologischen Schluckproblemen schläft dort friedlich. Sie liegt da, kerzengerade. Nicht immer, erklärt Rota, seien die Nächte so ruhig wie heute. Und ohne ihren Kopf vom Fenster abzuwenden, ergänzt sie: «Heute hätte es mich wohl nicht gebraucht.»

Es braucht sie und ihre KollegInnen der freiwilligen Sitzwache Winterthur immer dann, wenn einE PatientIn im Kantonsspital Winterthur besonders viel Aufmerksamkeit benötigt. Die Mitglieder des Freiwilligendiensts sitzen die ganze Nacht über an Betten von PatientInnen, die im Sterben liegen, schwer krank oder verwirrt sind. Sie sprechen mit ihnen, reichen ihnen Getränke – und rufen, wenn nötig, das diplomierte Pflegepersonal.

Das Nahtoderlebnis

«Ich mag jene Nächte, in denen viel los ist», ergänzt Rota leise. Das könne man aber vorher nie genau wissen. Und: Sie möge auch stille Nächte wie heute, in denen die Zeit langsamer vergehe. Solche Nächte nutzt Rota, um zu stricken, in einem Buch zu lesen oder um nachzudenken – über ihr Leben, über den Tod.

Drei Menschen seien schon gestorben während ihrer Schicht. Und wenn sie selbst mal sterbe, dann sollen ihre Freunde und ihre Familie nicht mit schwarzen Kleidern an die Beerdigung kommen. Denn der Tod, sagt sie, sei kein Ende. «Ich glaube», flüstert Rota, «an ein Leben nach dem Tod.»

Vor 22 Jahren erlitt die gebürtige Italienerin einen Kreislaufkollaps. Sie fiel in Ohnmacht, bumm, einfach so. Und dann sei es passiert. Sie habe ein Nahtoderlebnis gehabt, langer Gang, weisses Licht – «das Typische halt». Seit dieser Erfahrung verbringt sie Stunden an den Betten kranker Menschen, ohne Geld dafür zu bekommen, einfach, weil sie es eine «schöne und edle Aufgabe» findet.

Rota wollte schon immer im Spital arbeiten, Menschen pflegen, Menschen helfen. Angestellt ist Rota heute allerdings bei einer Versicherung. Während der Woche arbeitet sie fünf Tage als Sachbearbeiterin, versendet Briefe, macht Telefonanrufe. Ein hektischer Job. Sie könne aber, erklärt Rota, ihren Job gut mit der freiwilligen Sitzwache kombinieren. Nur zweimal im Monat gehe sie ins Spital, normalerweise am Freitag- oder Samstagabend.

Rota ist zufrieden mit ihrem Bürojob. Aber hier im Spital, sagt sie, während sie nach ihrem persönlichen Spitalbadge langt, sei sie mehr als eine Mitarbeiternummer, hier werde sie als Mensch gebraucht.

Geschichten für den Mann im Koma

«Das ist schön», sagte die Patientin sechs Stunden vorher zu Rota, als sie sich bei ihr vorstellte und ihr sagte, dass sie die ganze Nacht für sie da sein werde. Die demente Frau griff nach Rotas Hand, lächelte – und fiel in einen tiefen, ruhigen Schlaf.

Die Patientin schlief, als sich Rota um halb zwölf einen ersten Kaffee gönnte. Sie schlief, als Rota um 2 Uhr zum ersten Mal gähnte. Sie schlief auch noch, als die Zimmernachbarin, kurz vor 4 Uhr, ins Bett machte. Erst jetzt, als sich Rota vom Fenster abwendet, schlägt die Patientin ihre Augen auf. Die betagte Frau möchte aufstehen, frühstücken. Rota geht zu ihr hin, nimmt wieder ihre Hand, erklärt ihr, dass es noch zu früh sei, um aufzustehen. Sie möge sich doch noch ein wenig ausruhen, um den vor ihr liegenden Tag dann auch geniessen zu können. Die Frau lächelt, nickt – und schläft wieder ein. «Der Schlaf ist etwas sehr Intimes», sagt Rota, während sie sich zurück in ihren Stuhl setzt. Menschen, die sie persönlich nicht kenne, so nahe zu kommen, das sei schon etwas Berührendes. «Die meisten Patienten», erzählt Rota weiter, «sind sehr dankbar.»

Umgekehrt geben auch die PatientInnen Rota viel. Ruhiger sei sie geworden dank der Sitzwache. Sie nehme nicht mehr alles so wichtig. Seit sie diese Arbeit mache, habe sie viele Schicksale kennengelernt, viel gesehen: «Einmal habe ich einem Patienten, der im Koma lag, eine Geschichte vorgelesen», erzählt sie. Ein anderes Mal musste sie eine im Sterben liegende Frau trösten, weil es ihr Sohn nicht mehr ins Spital geschafft hatte. Die PatientInnen sprechen mit Rota über Familie, Krankheit, Tod, Leben, Freud und Leid.

«Ich habe viele vertrauliche Gespräche geführt und viele nette Menschen kennengelernt», sagt sie. Und ja, ergänzt Rota, auch sich selbst habe sie besser kennengelernt. Sie nimmt heute regelmässig Musikstunden. Sie wolle nichts mehr auf morgen verschieben, sagt sie, läuft zu «ihrer Patientin» – und deckt sie zu. Es ist 4.13 Uhr.

Informationen zur freiwilligen Sitzwache Winterthur: www.sitzwache.ch.

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