Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Bei Unterhosen hört der Spass auf

Wenn Stiller Has an den Winterthurer Musikfestwochen auftreten, hört Pati Michel das Konzert nur gedämpft in ihrem Container. Unterwegs mit einer Bandbetreuerin, die sich um fast alles kümmert.

Von Tirza Gautschi (Text) Und Andreas Bodmer (Foto)

«Ich höre immer mit einem Ohr zu»: Pati Michel (hier mit einem Kollegen) an den Winterthurer Musikfestwochen.

Gedämpft ertönen die Fanrufe, während Patricia Michel konzentriert ein Plakat an ihrem Computer gestaltet. In das drei Quadratmeter grosse Containerbüro passen gerade einmal zwei Stühle und ein Tisch, auf einem schmalen Regalbrett reihen sich Alkoholflaschen für die Bands aneinander. Die ganze Wand ist mit Listen, Tabellen und Notizklebern tapeziert, mit Leuchtstift sind einzelne Stellen markiert. Draussen drängen sich immer mehr Menschen vor die Bühne, während Stiller Has die Stimmung weiter anheizen. Doch davon bekommt die gelernte Polygrafin kaum etwas mit.

Vor rund dreizehn Jahren hat «Pati» Michel zum ersten Mal an den Winterthurer Musikfestwochen ausgeholfen. «Irgendwie rutscht man hinein, und dann ist es plötzlich wie in einer grossen Familie», erzählt sie, während sie kritisch ihre Arbeit am Bildschirm beäugt. Normalerweise arbeitet die 32-Jährige in ihrem eigenen Büro als selbstständige Grafikerin. Doch an den Winterthurer Musikfestwochen wird bei ihr die Nacht zum Tag, und ihre KundInnen müssen ein wenig Nachsicht haben: Seit fünf Jahren leitet Michel freiwillig die gesamte Bandbetreuung des Festivals. Eine Aufgabe, die Organisation und Perfektion verlangt. «Ich bin ein kleiner Tüpflischiisser», meint Michel beinahe entschuldigend.

Auf einmal gibt das Funkgerät, das sie an ihrer Schulter befestigt hat, ein knarzendes Geräusch von sich. Der Moment der Ruhe ist vorbei, und die Winterthurerin eilt nach draussen in die Menschenmasse. Trotz der Flipflops an ihren Füssen schlängelt sie sich schon den ganzen Tag über geschickt an den BesucherInnen vorbei und bewegt sich zwischen den beiden Bühnen hin und her. Die Bars an jeder Ecke und die fröhliche Stimmung, die im Verlauf des Abends immer ausgelassener wird, scheint sie kaum wahrzunehmen.

Der Ordner weiss Rat

Ein defekter Zapfhahn, ein fehlender Tisch oder spontane Sonderwünsche der Band: Pati Michel kennt für jedes Problem eine Lösung. Zwölf Tage lang arbeiten sie und ihr Team manchmal bis zum Morgengrauen. «Mit dem Alter wird es anstrengender, da brauche ich mindestens eine Nacht, in der ich genügend Schlaf bekomme», sagt Michel, und ihr typisches lautes Lachen ertönt. Erst jetzt, wenn um sie herum das Chaos ausbricht, fühlt sie sich so richtig wohl.

Im Bandbereich, der von Absperrgittern abgeschirmt wird, taucht Endo Anaconda von Stiller Has auf. Ungestört schlendert er am Tisch der HelferInnen vorbei – beinahe unbemerkt. «Wir wollen hier keine Groupies», sagt Michel. Sie selbst bekomme meist nicht viel von den Bands mit, und das ist ihr auch ganz recht so. «Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. Viel lieber ziehe ich die Fäden im Hintergrund.» Von dort aus versucht sie, den MusikerInnen die Tage an den Winterthurer Musikfestwochen möglichst angenehm zu gestalten. Die Wünsche werden in der Regel im Voraus vom Management an das Team geschickt.

«Das ist meine Bibel», meint Pati Michel voller Stolz, als sie einen dicken grauen Ordner aus dem Regal zieht. Hier sind die teils skurrilen Forderungen der diesjährigen Bands aufgelistet. Neben Spezialwünschen wie gekochten Bioeiern, Smarties oder bestimmten Alkoholvorlieben erinnert sich Michel an eine Band, die einen grossen Teddybären und Plüschhandschellen beorderte. «Bei Socken und Unterwäsche ist dann aber auch für mich fertig.»

Nicht immer könne man vom Auftreten der Band auf der Bühne auf ihr Verhalten im Backstagebereich schliessen, meist sei das pure Gegenteil zu erwarten – im positiven wie im negativen Sinn. Auch für Stiller Has musste heute Abend spontan das Konzept für die Autogrammstunde angepasst werden. Der Wunsch, näher bei den Fans zu sitzen, sorgte kurzfristig für Hektik – für solche Momente hat auch Michel keine Liste vorbereitet.

Die Zukunft vor der Bühne

Auch wenn die BesucherInnen der Musikfestwochen kaum etwas von der Arbeit hinter der Bühne mitbekommen – die Bands wissen sie laut Michel meist zu schätzen. «Es ist ja auch nicht so, dass ich gar nichts von der Musik miterlebe», beteuert sie, «ich höre ja immer mit einem Ohr zu.» Sie selbst habe aber mit Musik nicht sehr viel zu tun. «Das ist manchmal gut so, dann stehe ich der ganzen Sache neutraler gegenüber.»

Mittlerweile hat sich die Hektik etwas gelegt, und Pati Michel stellt sich auf die Plattform an der Seite der Bühne. Es ist dunkel geworden. Der Blick auf die ausgelassene Menge und die Bühne ist eines der kleinen Privilegien der Menschen, die hinter der Bühne arbeiten. Im Moment könne sie sich nicht vorstellen, ihren Posten aufzugeben, sagt Michel. Doch nach langem Überlegen fügt sie hinzu: «Aber in weiter Zukunft freue ich mich schon darauf, vielleicht dann wieder vor der Bühne zu stehen.»

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