Nr. 23/2013 vom 06.06.2013

Eine Stunde gefahren, knapp fünfzig Franken Umsatz

Eigentlich ist Joanna Schneiter ausgebildete Musikerin. Leben kann sie davon jedoch nicht. Seit vier Jahren fährt sie darum NachtschwärmerInnen in ihrem eigenen Taxi durch die Stadt Zürich.

Von Patrik Maillard (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Das Radio läuft, Zerstäuber verbreiten ein dezentes Vanillearoma: Joanna Schneiter in ihrem Taxi.

0.45 Uhr: Joanna Schneiter montiert die magnetische Taxileuchte auf dem Dach ihres schwarzen Mercedes Kombi der E-Klasse. Mit einem Lappen putzt die 54-Jährige die verregneten Seitenfenster und die Rückspiegel. Links vom Steuerrad ist ein Touchscreen montiert, die Schnittstelle zur Zentrale. Schneiter tippt ihren Fahrercode ein. Ab sofort sieht die Zentrale den genauen Standort des Taxis und kann Kundschaft vermitteln. Das Radio läuft, Zerstäuber verbreiten ein dezentes Vanillearoma.

1.55 Uhr: Die allradbetriebene Karosse fährt durch das nächtliche Wipkingen, Schneiter wird zum Restaurant Nordbrücke gerufen. Die Taxifahrerin betritt das Szenelokal und kommt kurz darauf mit einem jungen Mann zurück. Er setzt sich in den Fond, ein halb leeres Bierglas in der Hand. Die Fahrt geht nach Zürich-Seebach und kostet den Kunden 27 Franken. Joanna Schneiter drückt aufs Display, die Taxameteranzeige erlischt, und die Taxileuchte schaltet sich automatisch wieder ein.

Sicherer mit Taxi 444

Joanna Schneiter ist in Polen geboren, hat an der Musikakademie in Warschau studiert, spielt Klavier, Tenorsaxofon, Querflöte und singt. Sie spielte zehn Jahre lang in Orchestern. 1999 lernte sie einen Zürcher Blumenhändler kennen, verliebte sich in ihn, und sie heirateten. Nach zehn Jahren scheiterte die Ehe, und Schneiter beschloss, Taxi zu fahren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie musiziert auch heute noch, tritt als Alleinunterhalterin auf, doch davon leben kann sie nicht. Seit gut vier Jahren fährt sie als selbstständig Erwerbende Taxi und arbeitet dabei mit der Firma Taxi 444 zusammen. «Ich könnte nicht ohne Anschluss an ein grösseres Unternehmen arbeiten. Zwar zahle ich eine Provision, dafür bekomme ich Fahrten vermittelt. Und vor allem fühle ich mich sicherer.» 2011 wurde Schneiter von zwei mit Messern bewaffneten Männern überfallen. Nachdem sie den Alarm ausgelöst hatte, flohen die Täter ohne Beute.

Zurück ins Stadtzentrum. Beim Bellevue wirft Schneiter einen Blick zum Taxistandplatz bei der Sechseläutenwiese und reiht sich dann ein. Bereits nach wenigen Minuten steht ihr Mercedes zuvorderst. Eine junge Frau setzt sich ins Taxi und isst ein Sandwich. Sie will in einen Club an der Langstrasse gefahren werden. Schneiter empört sich unterwegs über die vielen Taxis aus der Agglomeration, die ohne Stadtlizenz herumkurven und den Züritaxis die Fahrgäste abwerben. «Bandido-Taxis» nennt sie diese. Die Frau im Fond fragt nach, wie man solche «schwarzen» Taxis erkennen könne. Schneiter: «Die Leuchten der Züritaxis tragen die Farben des Züriwappens und eine individuelle Nummer.» Die Stadtzürcher TaxifahrerInnen zahlten der Gewerbepolizei viel Geld für die Lizenz, so Schneiter, jährlich weit über eine Million Franken. Dennoch unternehme die Polizei offenbar nichts gegen diese unrechtmässige Konkurrenz.

Bitte einen Zulassungsstopp!

Von den Behörden wünscht sich Schneiter mehr Verständnis für das Taxigewerbe. «Die Busspuren sollten für die Taxis freigegeben werden, und es sollte uns erlaubt sein, an den Wochenenden vor den Discos und Nachtlokalen zu warten.» Als Beispiel nennt Joanna Schneiter den Club Mascotte. Wenn das Lokal um vier Uhr morgens seine Pforten schliesst, bräuchten viele NachtschwärmerInnen ein Taxi. «Um diese Zeit fahren kaum Autos, der Verkehrsfluss wäre nicht gestört. Für uns ist es wichtig, dort zu stehen, wo die Kundschaft ist.» Auch eine Obergrenze bei den Zulassungen wünscht sich Schneiter. Es würden immer mehr und mehr Betriebsbewilligungen vergeben, mittlerweile seien es etwa 1600, nirgends in Europa sei die Taxidichte so hoch wie in Zürich. Eine Stunde ist vergangen, 22,8 Kilometer gefahren, 8 davon mit Fahrgästen. Umsatz: Fr. 48.60.

2.45 Uhr: Die Zentrale schickt Schneiter zu einem Luxusrestaurant bei der Stadtgrenze nahe Dübendorf. Teilnehmer einer Hochzeitsfeier stehen vor dem Lokal und wollen nach Dübendorf. Auf dem Rückweg in die Stadt vermittelt die Zentrale einen Auftrag in der Nähe. Vor Ort ist aber kein Mensch zu sehen. Die Taxifahrerin ruft auf die angegebene Handynummer an. Der Mann streitet ab, ein Taxi bestellt zu haben. «Das kommt immer wieder vor. Oder die Kunden sitzen bereits in einem anderen Taxi.»

Vor einer Disco im Industriequartier ruft Schneiter mindestens viermal die Person an, die das Taxi bestellt hat. Combox. Dann wird klar, dass die Gruppe keine fünf Meter vom Taxi entfernt steht. Schneiter fragt die Leute, ob sie nicht gemerkt hätten, dass sie schon mehrmals angerufen worden seien. Ein Mann reagiert gereizt, schnauzt seine Freundin an, als diese nachschauen will, ob sie tatsächlich Anrufe verpasst hat. «Ist doch scheissegal, ob die mehrmals angerufen hat, jetzt sind wir ja da.» Wenn sie Gäste habe, die sie nicht respektierten, rede sie kein unnötiges Wort mit ihnen, kommentiert Schneiter diese Begegnung.

Reich wird man mit Taxifahren nicht. Benzin, Provision für die Zentrale, Standgebühren, Leasingraten müssen Ende Monat bezahlt sein. «Manchmal habe ich das Gefühl, ich arbeite nur, um Rechnungen zu bezahlen», sagt Schneiter. Trotzdem fährt sie sehr gern Taxi, vor allem nachts. «Die Strassen sind fast leer und die Fahrgäste viel entspannter. Ich lerne Menschen kennen, es ist nie langweilig. Am Tag sind die Leute viel gestresster.»

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